Begnadeter Musikvermittler

Leonard Bernsteins „Young People’s Concerts“ auf DVD/Blu-ray


(nmz) -
Zu Leonard Bernsteins enormem Arbeitspensum gehörte seit der Übernahme des Chefpostens des New York Philharmonic im Jahr 1958 die Konzeption und Moderation der zu diesem Zeitpunkt bereits etablierten Reihe „Young People’s Concerts“ (siehe hierzu auch Hendrikje Mautner-Obsts Beitrag zu unserem Bernstein-Dossier in der nmz 7-8/2018). Unter seiner Leitung und von nun an live im Fernsehen übertragen, entwickelte sie sich mit ihren jeweils einstündigen Konzerten zum erfolgreichsten Format dieser Art. Wie sehr diese Bernstein am Herzen lagen, zeigt die Tatsache, dass er sie nach dem Ende seiner Tätigkeit als Music Director noch drei weitere Jahre, bis 1972 leitete.
Ein Artikel von Juan Martin Koch

Beim Sichten der ersten Folge der nun erfreulicherweise neu auf DVD und Blu-ray erscheinenden Konzerte wird aber vor allem auch deutlich, welch überragendes Talent Bernstein als Musikvermittler besaß, mit welcher Akribie er die Programme ausarbeitete und mit welcher Professionalität sie umgesetzt wurden. Seine ausgefeilten, zu Hause mit seinen Kindern erprobten Manuskripte liest er in den ersten Folgen noch von zwei Exemplaren ab, die beim Dirigentenpult und auf dem stets zweckdienlich eingesetzten Flügel liegen. Später hilft der Teleprompter, manchmal moderiert er auswendig.

Diese Genauigkeit hat einen Grund: Bernstein weiß, dass es bei der Verbalisierung musikalischer Sachverhalte (nicht nur) für Kinder und Jugendliche auf Präzision ankommt. Was sich wie ein aus dem Ärmel geschütteltes Plaudern anhört, ist wohlüberlegt und deshalb gelingt es Bernstein, komplexe Fragen wie „Was bedeutet Orchestrierung“ oder „Was macht Musik zu symphonischer Musik?“ wirklich zu beantworten. Er scheut nicht vor Fachbegriffen wie „Durchführung“ oder „Kontrapunkt“ zurück, weil er sie mit sprechenden, nie schiefen Bildern verständlich zu machen und in geeigneten Musikbeispielen mit Leben zu erfüllen weiß. Die Einbindung des Orchesters hierbei ist ebenso exakt vorbereitet. Egal, ob es um einen ganzen Satz oder nur ein paar Takte geht – stets ist es auf den Punkt da und weiß, was zu tun ist.

Höhepunkte dieser ersten Folge sind neben den erwähnten Konzerten zum Thema Orchestrierung und Symphonik die Programme „What is Impressionism“ (mit einer vollständigen Aufführung von Debussys „La mer“) und „What is a Melody?“. Wie er in Letzterem die Ohren dafür öffnet, komplexe melodische Verläufe im dichten Orchestersatz zu verfolgen und deren Schönheit auch im vermeintlich Sperrigen zu entdecken (im zweiten Abschnitt aus Hindemiths Konzertmusik op. 50), ist atemberaubend. Aus heutiger Sicht ist es dabei erheiternd zu hören, wenn er davon ausgeht, dass sicher alle im Publikum schon einmal Wagners „Tristan“ gehört haben…

Weniger überzeugend ist seine Herleitung des Themas „Folk Music“ aus den Sprachmelodien verschiedener Länder und – überraschenderweise – das Konzert „Jazz in the Concert Hall“. Hier verlässt er sich allzu sehr auf Gunther Schullers doch etwas dürftigen, auf „Peter und der Wolf“ anspielenden „Journey into Jazz“ (Text: Nat Hentoff), obwohl Don Ellis, Benny Golson und Eric Dolphy natürlich eine höchst amtliche Bläsersection abgeben. Auch Aaron Coplands Klavierkonzert von 1926 ist in diesem Zusammenhang nicht sonderlich überzeugend. Bezeichnend auch die Kameraschwenks ins Publikum, das angesichts der „Improvisations for Orchestra and Jazz Soloists“ des Ende vergangenen Jahres verstorbenen Larry Austin doch etwas ratlos wirkt.

Ganz in seinem Element ist Bernstein in den beiden Komponisten-Porträts. Meisterhaft ist seine Einführung in Strawinskys komplett präsentierten „Petrushka“, mitreißend sein Plädoyer anlässlich von Mahlers 100. Geburtstag im Jahr 1960. Allein sein Beharren auf der Charakterisierung Mahlers als „double man“, als gespaltene Persönlichkeit, wirkt etwas aufgesetzt.

Diese erste Box enthält 14 und damit nicht alle Programme aus den Jahren 1958 bis 1964 und wird ergänzt um drei Konzerte im Rahmen der in die „Young People’s Concerts“ integrierten Reihe „Young Performers“. Hier kann man unter anderem den 16-jährigen Lynn Harrell im dritten Satz des Dvorák-Cellokonzertes und den 26-jährigen Seiji Ozawa als Dirigenten von Mozarts Figaro-Ouvertüre erleben. Den Abschluss bilden jeweils Kinderkonzert-Klassiker: Prokofieffs „Peter und der Wolf“ und Brittens „Young Person’s Guide“ mit jungen Erzählern und Saint-Saëns’ „Karneval der Tiere“ mit Bernstein als humorvollem Conferencier.

Weitere Veröffentlichungen dieser epochalen Dokumente sind für Ende März und Mai angekündigt.

  • Leonard Bernstein’s Young People’s Concerts. New York Philharmonic, Vol. 1, 4 Blu-ray-Discs oder 7 DVDs. Unitel/C Major (Naxos)