Der Klang der reinen Alpenluft

Neue CDs mit Neuer Musik · Vorgestellt von Max Nyffeler


(nmz) -
Neue Musik von Niccolò Castiglioni, Jacques Charpentier, Zbig­niew Bargielski und Karlheinz Stockhausen auf aktuellen CDs.
Ein Artikel von Max Nyffeler

Der 1996 verstorbene Niccolò Castiglioni war eine der großen Figuren in der italienischen Nachkriegsavantgarde, auch wenn er im Schatten von wortgewandteren Kollegen wie Nono und Berio stand. In einer Wiederveröffentlichung gibt das Ensemble Risognanze unter Tito Ceccherini einen Überblick über sein Schaffen aus 33 Jahren, von „Tropi“ aus der Darmstädter Zeit bis zu den Werken aus seinem letzten Lebensjahrzehnt. Man begegnet einem Komponisten, der kompositionstechnisch auf der Höhe war, aber stets an seinem unverwechselbaren persönlichen Profil feilte. Ähnlich wie bei Kurtág, einem anderen Einzelgänger, verbinden sich in seinen Ensemblewerken fein ziselierte Gestalten mit wachem Formbewusstsein, doch kommt dazu noch die Reinheit von mediterran-alpiner Höhenluft – Castiglionis zweite Heimat war das Südtirol. Wahre Kleinode sind die späten Miniaturen, besonders die fünfzehn glänzend ausformulierten Klangsplitter der „Risognanze“. (col legno 20253)

Miniaturformen, die gleich drei ganze CDs füllen, schrieb auch der Messiaen-Schüler und Indienkenner Jacques Charpentier, mit Jahrgang 1933 ein Jahr nach Castiglioni geboren. Seine „72 Études karnatiques“ bilden ein Kompendium des modernen Klavierspiels, in dem sich Klangmystik, prachtvolle Akkordik und verschlungene Lineaturen die Waage halten. Ihr Name verweist auf das im südindischen Karnataka tradierte System von 72 Ragas, basierend auf ebenso vielen mi­k­ro­­tonalen Modi; jeder von ihnen inspirierte den Komponisten zu einer künstlerischen Antwort in der temperierten Skala. Eine enigmatische und doch unmittelbar ansprechende Musik, die von einem weiten Atem getragen und von Michael Schäfer mit Hingabe interpretiert wird. Aus der Sammlung von Klein- und Kleinstformen entsteht so ein pianistischer Kosmos von ungewöhnlichen Dimensionen. Wer dachte, in der Musik des 20. Jahrhunderts seien keine relevanten Entdeckungen mehr zu machen, wird hier eines Besseren belehrt. (Genuin GEN 12257)

Im umfangreichen Werk von Zbig­niew Bargielski, der zwischen seiner Heimat Polen und Österreich pendelt, bilden die sechs Streichquartette eine markante Entwicklungslinie. Alpenländische Impressionen, expressive Ausbrüche und reflexive Momente artikulieren sich in vielstimmig flackernden, von einer untergründigen Unruhe durchzogenen Texturen, die vier stets gleichwertig behandelten Stimmen sind eng ineinander verzahnt. Die weiten Bögen der prozesshaft angelegten Musik werden konstruktiv durch tonale Zentren und einheitliche Motivpartikel zusammengehalten. Von außergewöhnlichem Klangsinn zeugen die beiden jüngsten, in der Diktion verknappten, im Ausdruck aber geschärften Quartette. Bargielskis Klangwelt, offensichtlich auch Spiegel einer unruhigen Exis­tenz, wird vom Schlesischen Streichquartett auf fesselnde Weise erschlossen. (Accord ACD 173-2)

Zwei Klassiker der spätseriellen Avantgarde um 1960 in Originalaufnahmen, die bisher nur auf LP vorhanden waren, sind nun auf einer CD wieder zugänglich gemacht worden: „Zyklus“ für einen Schlagzeuger und das „Klavierstück X“ von Karlheinz Stockhausen. In beiden Werken sind die Uraufführungsinterpreten zu hören. Der zirkelförmige „Zyklus“ erklingt gleich in zwei sehr unterschiedlichen Versionen: mit Christoph Caskel, der das Stück 1959 in Darmstadt erstmals spielte, und mit Max Neuhaus. Das „Klavierstück X“ mit seinem explosiven Akkordspiel, den rasenden Clusterglissandi und ausgedehnten Spannungspausen ist in der fulminanten Aufnahme mit dem jungen Frederic Rzewski zu hören. Während „Zyklus“ nur den Versuch unternimmt, die amerikanische Tradition der Schlagzeugkompositionen in serielle Denkmuster zu übertragen, erschließt das „Klavierstück X“ tatsächlich neue Dimensionen. Rzewskis unglaubliche Vitalität macht das überdeutlich hörbar. (Wergo 6772 2)  

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