Der Musik tanzend Raum geben

Neu auf DVD/Blu-ray: „Cunningham“ und Opernraritäten


(nmz) -
Noch haben die diversen Lockdowns nicht auf den DVD/Blu-ray-Markt durchgeschlagen. So sind einige vorerst letzte Dokumente aus prall besetzten Opernhäusern mit voller Kapelle im Graben zu besichtigen.
Ein Artikel von Juan Martin Koch

Da sitzt dann zum Beispiel – um mit Standardrepertoire zu beginnen – das Staatsorchester Stuttgart und spielt unter Cornelius Meister einen flüssig-entschlackten, dadurch aber auch etwas geheimnislosen Lohengrin. In Árpád Schillings Inszenierung ist die Titelfigur ein kurzerhand aus der Mitte des Volkes herausgepickter Normalo, ein „No-Name“ im Wortsinne, was in der Folge aber nur wenig Innenspannung oder Interpretationstiefe auslöst. Aus der guten Besetzung ragt Martin Gantners Telramund mit messerscharfer Diktion und Vokalcharakterisierung einsam heraus. (BelAir)

Am Fidelio aus dem Theater an der Wien ist vor allem die kaum je gespielte 2. Fassung von 1806 interessant, der Manfred Honeck am Pult der Wiener Symphoniker überzeugende Dramatik verleiht. Christoph Waltz’ Regie beschränkt sich allerdings über weite Strecken auf ein Arrangieren des auf hohem Niveau singenden Personals auf der beeindruckenden Freitreppe von Bühnenbildner Barkow Leibinger. (Unitel)

Zurück in die Musikgeschichte geht es mit zwei barocken Ausgrabungen: Pietro Antonio Cestis La Dori von 1657 gewinnt in der optisch ansprechenden Produktion der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik Fahrt, sobald mit Francesca Lombardi Mazzulli und Emöke Baráth zwei herausragende Sopranistinnen ins Spiel kommen und mit deren Rollen auch Cestis Erfindungskraft stärker zu funkeln beginnt. (Naxos) Der Repertoirewert von Alessandro Melanis L’empio punito (1669) liegt vor allem darin begründet, dass es sich hierbei um die erste Oper nach Tirso de Molinas „El burlador de Sevilla“, also um einen Vorläufer des „Don Giovanni“ von Mozart/da Ponte handelt. Die Version des römischen Reate Festivals verspielt allerdings einigen Kredit dadurch, dass die im Original für einen Soprankastraten (!) vorgesehene Hauptrolle des Schwerenöters hier mit einem Bariton statt mit einem Countertenor oder einer Mezzosopranistin besetzt wurde. Trotz ordentlicher musikalischer Umsetzung kein bleibender Eindruck. (Dynamic)

Eine andere berühmte spanische Textvorlage – ein anderes Kaliber: Jules Massenets Don Quichotte ist zwar nicht über die gesamte Spieldauer so spannend, wie sich Carl Dahlhaus’ Essay darüber in der Piper Enzyklopädie des Musiktheaters liest, aber wenn sich eine intelligente Regisseurin des Werks annimmt, wie in Bregenz mit Mariame Clément geschehen, wird doch hochklassiges Musiktheater daraus. Vor allem das vierte ihrer jeweils ganz unterschiedlichen Aktsettings funktioniert als rührendes Minidrama um Quichotte als ungelenkem Außenseiter im Großraumbüro hervorragend. Gábor Bretz ist als „erhabener Verrückter“ stimmlich geschmeidig, Anna Goryachova als Dulcinée charmant und einfühlsam. (C Major)

Eine weitere Rarität kommt von der Komischen Oper Berlin, wo Intendant und Regisseur Barrie Kosky mit großem Erfolg selten gespielte Operetten präsentiert. Jaromir Weinbergers Frühlingsstürme schlugen freilich nicht so ein wie frühere Produktionen etwa von Werken Paul Abrahams. Das mag an dem etwas zu textlastigen Stück liegen, das aber in seiner sorgfältigen musikalischen Gestaltung durchaus zu überzeugen weiß. (Naxos)

In anderen Sphären bewegt sich in vielerlei Hinsicht der wahrscheinlich bemerkenswerteste Musikfilm auf DVD des vergangenen Jahres: Cunningham. Ja, Musikfilm – denn was Alla Kovgan mit diesem Porträt des großen Tänzers und Choreographen gelungen ist, geht weit über das Tanzgenre hinaus. Konzentriert auf die Schaffensphase bis 1972, als alle Gründungsmitglieder seine Company verlassen hatten, kombiniert die Regisseurin die im Stile der Boxen des Künstlers Joseph Cornell collagierten Film-, Ton-, Bild- und Skizzendokumente mit neu gefilmten Sequenzen. Wie der Tanz hier an wunderbaren Locations und in der Natur Raum greift und gleichzeitig den Musiken eines John Cage, Morton Feldman, Conlon Nancarrow oder Christian Wolff Raum lässt, ist atemberaubend. Welche Erfahrung uns noch erwarten könnte, zeigt dann das Bonusmaterial, denn der Film ist, inspiriert von Wim Wenders’ Pina-Bausch-Doku, in 3D-Technik gedreht worden. Allein das „Making of“ des in einem pointillistischen Robert-Rauschenberg-Bild sich verlierenden Camouflage-Tanzes „Summerspace“ lässt einen den Tag ungeduldig erwarten, da man dieses Meisterwerk tatsächlich dreidimensional im Kino wird bestaunen können. (Good Movies)

Noch so eine Sehnsucht.

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