Der Tod ist groß

Neue CDs neuer Musik, vorgestellt von Dirk Wieschollek


(nmz) -
Neue Aufnahmen mit Musik von: Wolfgang Rihm, Mark Andre, Christian Winther Christensen, Steffen Schleiermacher, Peter Brötzmann und Kaija Saariaho
Ein Artikel von Dirk Wieschollek

Peter Brötzmann zu Gast bei der Musikfabrik! Das mag im ersten Moment überraschen, doch Brötzmann und Michael Wertmüller verbindet eine langjährige Zusammenarbeit. In „Antagonisme Controle“ (2014) treffen sich also Zwei, die wissen, was sie tun und so geht das, was oft mit gruseligen Folgen zusammengebracht wird, hier leicht von der Hand. Die Musikfabrik verwandelt sich dabei wie selbstverständlich in eine durchgeknallte Big Band. Darin agiert Brötzmann gar nicht mal durchweg als egozentrischer Sprengmeister des Free Jazz, sondern vor allem als Impulsgeber, der das Ensemble in wilde Strudel, Kapriolen und Richtungswechsel treibt. Und kann auch Melodie: Im Zentrum des Stücks hat man die seltene Gelegenheit, den Saxophonisten mal von einer „coolen“ Seite zu bewundern, bevor am Ende die ganze Musikfabrik mit ihm in abgründige Kakophonie versinkt. Angesichts dieses halbstündigen Energiebündels haben es die anderen Beiträge schwer: Insbesondere Kaija Saariahos „The Tempest“ für Sopran, Bariton und Ensemble (2004) erscheint in diesem Kontext etwas angestaubt, auch wenn ihre Shakespeare-Vertonungen schillernd instrumentiert sind. Steffen Schleiermacher hingegen lässt sich in „Das Tosen des staunenden Echos“ (2009) ebenfalls nicht lumpen und wirft den Hörer ohne Vorwarnung in gewaltige Klangstrudel, die um ostinat krumme Bewegungsschleifen der Bläser sprudeln. (Wergo)

Christian Winther Christensens „Piano Concerto“ war ein Lichtblick beim diesjährigen ECLAT-Festival. Nun unterstreicht ein vom Ensemble Scenatet mit Erfindergeist eingespieltes Portrait das individuelle Profil des dänischen Komponisten. Seine Auseinandersetzungen mit dem Vokabular traditioneller Musik sind vielschichtig, bisweilen ironisch, auf jeden Fall aber besonders. Die Bausteine des vermeintlich Bekannten werden aber nicht einfach neu zusammengesetzt, sondern mit Detailversessenheit substantiell manipuliert. Dabei entstehen ganz ungewöhnliche Mischungen instrumentaler Geräuschfarben, elektronischer Modifikationen und Reste melodischer und harmonischer Gebilde. „Almost in G“ klingt mit seinen zerstückelten mechanischen Bewegungsabläufen wie ein Apparat, der ein seltsames Eigenleben führt und Versatzstücke durcheinanderwirft, als würde man (Neue) Musik flippern. „Sextet“ und „Chorale“ suggerieren geradezu „handwerksbetriebliche“ Produktionsprozesse, wo es allerorten hämmert, klopft und tickt, während im „Streichtrio“ Expressivität in ihre Moleküle zersplittert, mit geschredderten Beethoven-Zitaten. (col legno)

Mark Andres außergewöhnliche Klangsprache ist immer besonders faszinierend, wenn sie ihre Stille und Zerbrechlichkeit in einen riesigen Apparat hineinträgt. Das Orchesterstück „hij1“ (2008/10) beginnt paradigmatisch an der Grenze des Wahrnehmbaren, um im Folgenden schwer greifbare klangliche Zwischenräume und Seinszustände auszuloten. Das WDR-Sinfonieorchester unter der Leitung von Mariano Chiacchiarini verleiht dieser brillanten Studioproduktion ganz starke Präsenz. „hij2“ für 24 Stimmen und Elektronik (2010/12) wirkt in seiner raunenden Spiritualität dann im Flüstern, Hauchen, Atmen und Stottern als Chorstück (SWR Vokalensemble) vergleichsweise fast vordergründig mystisch. Andres Suche nach einer Realität jenseits der Alltagswirklichkeit wird hier zu einer Reflexion über das Sterben mit ätherisch entrückten Vokalisen oder letzten Worten und Namen. (Wergo)

Das waren noch Zeiten, als Traditionsbezüge bei Wolfgang Rihm als sublimierte Expressivität, verstörende Aura oder „verruchte Stelle“ erschienen. Inzwischen sieht das anders aus und der kürzlich für sein Lebenswerk geehrte Komponist bedient sich ganz ungebrochen eklektizistisch der Sprachen der Vergangenheit. Wenn Hanno Müller-Brachmann uns mit seinem Bariton in den „Sonetten“ der „Requiem-Strophen“ (2015/16) das Herz erwärmt , kommt man sich vor wie in einem Oratorium von Hans Pfitzner. Und wenn der Chor des Bayerischen Rundfunks in diesem opulenten Live-Mitschnitt der Uraufführung aus der Musica Viva mehrfach Rilkes „Der Tod ist groß“ anstimmt, steckt man knietief in deutscher Spätromantik. (NEOS)

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