Dunkles Licht

Neue CDs neuer Musik, vorgestellt von Dirk Wieschollek


(nmz) -
Stücke für Streicher stehen im Fokus der aktuellen Poppe-Veröffentlichung mit dem Ensemble Resonanz | In Olga Neuwirths Solostücken geht es weniger um halsbrecherische Demonstrationen unkonventioneller Spieltechniken als um Klangräume | Ein sinistres „Gesamtgruselwerk“ zwischen Elektronik und Instrumentalklang, das LUX:NM hier mit Autorin Sarah Trilsch, Elektronikfachkraft Jan Brauer und Gordon Kampe ausgeheckt hat, der hier mit hörbar guter Laune den kompositorischen Bösewicht mimt.
Ein Artikel von Dirk Wieschollek

Stücke für Streicher stehen im Fokus der aktuellen Poppe-Veröffentlichung mit dem Ensemble Resonanz, wie gewohnt im Selbstdirigat eingespielt. Dass Streichinstrumente eine besondere Faszination auf den Komponisten ausüben, scheint naheliegend, sind Enno Poppes gleichsam ‚asiatische’ Artikulationspraktiken im differenzierten Einsatz von Mikrotonalität doch auf ständiges Schleifen der Tonhöhe aus. Das mit Tabea Zimmermann denkbar prominent besetzte „Filz“ für Viola und Kammerorchester (2013/14) klingt, als hätte man ein Bratschenkonzert in ein Säurebad geworfen. Zimmermanns perforierte Solopassagen lassen Anflüge elegischer Expressivität wie verätzt erscheinen. Faszinierend. Die rezitativischen Außensätze, bei denen das Orchester als sparsamer Kommentator in Erscheinung tritt, rahmen einen arabesken Dschungel ein, wo die Stimmen aller Beteiligten sich chaotisch ineinander verschlingen. Weitaus spröder kommt „Stoff“ (2015/18) für neun Streicher daher, das im Rahmen von Poppes kleinzelligem Prozessdenken verschiedenste Material- und Strukturtypen durchexerziert. Poppes Hang zur komplexen Kombinatorik des Ähnlichen wird auf die Spitze getrieben im legendär besetzten „Wald“ für vier Streichquartette (2009/10). Ein undurchdringliches Gefüge klangkörperübergreifender Satztechniken zwischen zerschossener Kontrapunktik und orchestraler Dichte, das nach Zündung aller Streichquartett-Triebwerke als finales Riesenglissando gemeinsam abhebt. (Wergo)

Auch in Olga Neuwirths Solostücken geht es weniger um halsbrecherische Demonstrationen unkonventioneller Spieltechniken als um Klangräume, wo Dinge aufeinandertreffen, die sich normalerweise nicht zwangsläufig begegnen, wo Disparates zu einer schrägen Poetik verschmilzt. Zum Beispiel eine Flöte und der Rhythmus einer Olivetti-Schreibmaschine („Magic flu-idity“, 2018) oder die elementaren Klanglichkeit eines Fagotts mit Tape-Interpolationen einer diffus verrauschten Folklore („Torsion“, 2003). Das kann in Neuwirths abgründigen Musik-Legierungen Züge des Unheimlichen annehmen wie im taufrischen „CoroAtion I: io son ferito ahimè“ (2020): eine ganz persönliche Corona-Reflexion, wo ein Sammelsurium an Perkussion in eine sphärische Sample-Klangwelt eintaucht, die eher gruselig als sakral in Erscheinung tritt. „Incendo/Fluido“ (2000) hingegen verflüssigt mikrotonal verbogene Klavierklänge mit dem Sound eines Ondes Martenot, das per CD-Einspielung mitten im Resonanzboden des Klavieres ertönt. Diese feine Produktion ist übrigens Bestandteil einer Reihe des Klangforums Wien unter dem Motto „Solo“, in der weitere CDs mit solistischen Beiträgen von Toshio Hosokawa, Rebecca Saunders, Salvatore Sciarrino und Georges Aperghis erschienen sind. (Kairos)

Ein sinistres „Gesamtgruselwerk“ zwischen Elektronik und Instrumentalklang, das LUX:NM hier mit Autorin Sarah Trilsch, Elektronikfachkraft Jan Brauer und Gordon Kampe ausgeheckt hat, der hier mit hörbar guter Laune den kompositorischen Bösewicht mimt. Da gibt es dann in der Kampe-typischen Lust am Verbiegen und Verbeulen so manch chaotisch überdrehte Monstermusiken, abgründige Volksliedsimulationen, „komische Kadenzen“ oder „röchelnde Flüsterkantaten“, rücksichtslos kaputte Nachtmusiken oder Tarantellas, Gigues und Tangos, die auf Vulkanen tanzen. Manchmal treten auch Rameau und Gesualdo als musikalische Gespenster auf. Das Schöne an diesem „Hörstück“ in 22 abwechslungsreich düster-komischen Kapiteln ist aber die Mischung und die fügt sich auf „DARK LUX“ in Kompositionen und Improvisationen, Klangcollagen, Field Recordings, unheilschwangerem Ambient und abgründiger Musik über Musik wunderbar makaber zu einer Poesie des Bösen, Gemeinen und Makabren zusammen. Besonders geglückt ist das, weil die Texte von Sarah Trilsch manchmal wirklich ans Eingemachte gehen in ihrer Erörterung depressiver Regungslosigkeiten. Das könnte man auch ganz anders ‚vertonen’. Ein teuflisch gutes „Konzeptalbum“! (Genuin)

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