DVD-Tipp 2016/05

Offenbach: Hoffmanns Erzählungen (C major)


(nmz) -
Im Bregenzer Festspielhaus soll es immer eine „Opern-Orchidee“ sein, eine Rarität. Angesichts der Fassungsproblematik kann das auch für Jacques Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ gelten – erst recht wenn sich ein Stefan Herheim auf die Künstler-Problematik stürzt. Die mit Dirigent Johannes Debus und Dramaturg Olaf Schmitt erarbeitete Fassung reflektiert den Forschungsstand und trifft neue, dramaturgisch fesselnde Entscheidungen.
Ein Artikel von Wolf-Dieter Peter

Textgenau spielt alles in einem von Christof Hetzer (Bühne) und Esther Bialas (Kostüme) x-fach phantastisch verwandelten Theaterraum. Darin entwickelt Herheim „Bewusstseinsstrom“-Theater: Realität, Erinnerung, Sehnsuchtsvision, Alptraum, Hoffnung und Scheitern durchdringen sich wie in einem trans- und poli-sexuellen Rausch, voller Glitterglanz und Tristesse, echter Emotion und perfid-tödlicher Täuschung.

Die Klischee-Erwartungen des Publikums vom „reifenden Künstler“ werden konfrontiert mit dem „erzählten Erzähler“ Hoffmann, der im Venedig-Akt Kontrolle, Ich-Bewusstsein und Leben verliert. Der schwedische Tenor Daniel Johansson ist über seine blendende Bühnenerscheinung hinaus bis zu seinem bitteren Ende ein beeindruckender Sänger-Dichter im Kontrast zum wuchtigen Widersacher von Michael Volle.

Alle Frauen-Träume – glänzend differenziert Pär Karlsson als stumme Drag-Queen; Kerstin Avemo als brillante Koloraturen produzierendes Society-Püppchen Olympia; Mandy Fredrich mit dem schwelgerisch strahlenden, tödlichen Ruhm des Gesangsstars Antonia – fließen im gleichen Korsett und gleichen Glitter-Abendkleid und Blond-Perücken zum wahnhaft enttäuschenden, nicht wirklich existierenden Triple-Sex-Star Giulietta ruinös zusammen. Offenbachs Aussage „Das ist keine opéra comique, sondern ein ernstes Werk, absolut tragisch“ ist erfüllt: fulminant – ein Markstein der „Hoffmann“-Interpretation.

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