Fiktionale Wirklichkeiten

Neue CDs Neuer Musik, vorgestellt von Dirk Wieschollek


(nmz) -
Peter Ruzicka, Malin Bang, Lucia Ronchetti, Christian Dierstein, Wolfgang Mitterer, Minguet Quartett.
Ein Artikel von Dirk Wieschollek

„Den ganzen Shakespeare an einem Abend“, wünscht sich Peymann in Thomas Bernhards „Claus Peymann und Hermann Beil auf der Sulzwiese“ und auch Wolfgang Mitterer kokettiert in „Nine In One“ mit dem Unmöglichen: der Komprimierung aller Beet­hoven-Sinfonien auf eine flotte unterhaltsame Stunde. Als Materialdepot dient ihm dazu die Gesamteinspielung, die das Haydn Orchester Bozen und Trento unter Gustav Kuhn 2007 auf col legno eingespielt hat. Mitterer hat daraus alle prominenten Themen und Motive extrahiert und sie neu zusammengewürfelt, verfremdet, übermalt, verlängert oder expressiv überspitzt. Ein „Beethoven-Remix“ der besonderen Art, welcher selbstverständlich in neun Sätzen stattfindet, die die sinfonischen Allgemeinplätze mal mehr, mal weniger spannend durch den Reißwolf drehen. Am besten gelingt das immer dann, wenn Mitterer das Vorhandene mit untrüglichem Gespür fürs Abgründige elektronisch weiterdenkt und mit harten Schnitten, gezielten Übertreibungen oder dunklen Abwegen erst recht interessant macht. (col legno)

Die Grenzen von Klang und Szene verschmelzen bei Lucia Ronchetti zu poetischen Räumen, die nicht zwangsläufig die Theaterbühne benötigen. Oft stecken ihre Gesten und Bilder allein in der Musik, manchmal, wie im Fall ihrer „action music pieces“, gibt es auch ein konkreteres szenisches Setting, das das imaginäre Potential von Ronchettis Musik aber eher befördert als behindert. Auch wenn es immer wieder klare musikalische und literarische Bezugspunkte gibt: es sind die Leerstellen, Brüche, Vag- und Abwesenheiten, die Ronchettis Klangtheater so interessant machen. In „Le Palais du silence“ (2013) ist es trotz zahlreicher Zitate das „Schweigen“ einer nicht realisierten Ballettmusik Claude Debussys, die zu einer surreal schillernden Hommage geführt hat (Ensemble intercontemporain unter Matthias Pintscher).

Ein umtriebiges Perkussions-Drama realisiert Christian Dierstein in „Helicopters and butterflies“ (2012) und schlüpft dabei in die verschiedensten Rollen von Dostojewskis „Der Spieler“. Als Erzähler und Schlagzeuger bedient er in einem mehrstöckigen Klang-Parcour nicht nur ein Sammelsurium aus Alltagsgegenständen, sondern reüssiert als singender Hackbrettspieler und Stepptänzer, um schräge Schlaglichter der Verfallenheit zu setzen. (Kairos)

Konkrete Klangpoesie und musikalische Fiktion gehen auch bei Malin Bang (die kürzlich in Donaueschingen den Orchesterpreis des SWR Symphonieorchesters erhalten hat) mit ausgesprochen körperlichen Energien eine interessante Symbiose ein. Die schwedische Komponistin transformiert Alltägliches in geräuschträchtige, differenziert mikrofonierte Instrumental-Texturen, nicht zuletzt mit dem Ziel, „Wirklichkeit“ in eine „halbfiktionale“ Welt rückzuverwandeln. Dem Ausgangsmaterial sind dabei keine Grenzen gesetzt: In „structures of molten light“ (2011) sind das urbane Feldaufnahmen aus Paris, Stockholm und Tokio; „arching“ für Cello (2013) und „purfling“ für Violine (2012) widmen sich der akustischen Realität des Instrumentenbaus und bringen dessen Werkzeuge mitsamt ihrer Klänge in Dialog mit dem eigentlichen Instrument, Baumfällen inklusive. Ein veritables Lärmgewitter entfacht „jasmonate“ (2017), dessen apokalyptische Töne und Texte unser voraussichtliches Aussterben in den Blick nehmen. (Neos)

Zwei aktuelle Streichquartettkompositionen von Peter Ruzicka schreiben Ungreifbarkeit und Wandelbarkeit der musikalischen Gestik auf ihre Fahnen: Prozesse und Suchvorgänge statt fester Konturen und Gestalten, was dennoch immer wieder zu Zuständen äußerster Expressivität führt. „CLOUDS 2“ (2013) bringt ephemere, stationäre Quartettklänge mit orchestralen Verdickungen zusammen, in denen sich für Augenblicke spätromantische Konturen erkennen lassen.

Am Ende entwickelt sich aus Klanggewölk ein sich gegenseitig hochschaukelnder Exzess, bei dem das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter Leitung des Komponisten bemerkenswert gnadenlos zur Tat schreitet. Das raumgreifende 7. Streichquartett „…POSSIBLE-À-CHAQUE-INSTANT“ beginnt mit flüchtigen Schraffuren und ist unter der Valéry-Prämisse des „In-jedem-Augenblick-Möglichen“ unentwegt auf dem Sprung in etwas Anderes. Das Minguet Quartett macht das in fesselnder Manier zu einem Non-plus-ultra von Streichquartett. (Neos)