Für immer ein gebrochenes Herz

Ein neuer Kinofilm erinnert eher unzulänglich an die bemerkenswerte Dirigentin Antonia Brico


(nmz) -
Der Film zum Dirigentinnenboom. Könnte man zumindest meinen, wenn man liest, wessen Biografie die Vorlage für „Die Dirigentin“ geliefert hat: Antonia Brico, jene 1902 in Rotterdam geborene Musikerin, die ab ihrem sechsten Lebensjahr bei Pflegeeltern in den USA aufwuchs und 1930 bei den Berliner Philharmonikern debütierte. Die niederländische Filmemacherin Maria Peters hat nun die erste Phase von Bricos außergewöhnlicher Karriere zum Ausgangspunkt eines allzu opulent-geschmeidigen Biopics gemacht (Kinostart 20. April).
Ein Artikel von Juan Martin Koch

Womit schon das Hauptproblem des Films benannt ist: Anstatt den Berufs- und Lebensweg Antonia Bricos als Ganzen und die Mechanismen für dessen nach ersten Erfolgen leider nicht allzu glamourösen weiteren Verlauf in den Blick zu nehmen, benutzt die Regisseurin und Drehbuchautorin einen Ausschnitt daraus, um eine konventionellen filmdramaturgischen Gesetzmäßigkeiten folgende „Against all odds“-Geschichte mit feministischem Anstrich zu erzählen.

Die groben Rahmendaten stimmen halbwegs und so fühlen wir mit Wilhelmina Wolthius historisch korrekt mit, wenn sie erst kurz vor dem Erwachsenwerden erfährt, dass sie in Wahrheit Antonia Brico heißt und von ihren eigentlich nur temporären Pflegeeltern praktisch nach Amerika entführt wurde. Verbürgt ist auch die Bedeutung Karl Mucks, des Hamburger Chefdirigenten, der Brico erfolgreich auf die Aufnahmeprüfung an der Berliner Musikakademie vorbereitete (Richard Sammel liefert die prägnantesten Schauspielerleistung des Films). Weitere Eckdaten wie das erfolgreiche Berliner Debüt und die Fürsprache Eleanor Roosevelts für die von Brico 1934 gegründete New York Women’s Symphony rückt der Film in routiniert-vorhersehbaren Einstellungen ins rechte Licht, und natürlich werden auch die gängigen Vorurteile gegenüber dirigierenden Frauen thematisiert. Viel Zeit wendet Maria Peters in den nicht durchweg kurzweiligen 140 Minuten aber auch dafür auf, einen „MeToo“-Vorfall mit Bricos Klavierlehrer und vor allem eine Romanze mit einem reichen Konzertimpresario zu erzählen.

Dabei hätte Antonia Bricos wahres Leben so viele weitere filmreife Geschichten parat gehalten: So organisierte sie in New York ein komplettes Ad-hoc-Orchester nur, um in einer einzigen Probe Arthur Rubinstein und Bruno Walter von ihren Fähigkeiten zu überzeugen. Sie besuchte ihr Idol Albert Schweitzer mehrmals in Afrika, von Jean Sibelius, mit dessen 1. Symphonie sie 1938 Furore gemacht hatte, wurde sie nach Finnland eingeladen und als „sechste Tochter“ bezeichnet.

Zur Wahrheit gehört freilich auch, dass die musikinteressierte Öffentlichkeit, und damit auch die Sponsoren, schnell das Interesse verloren, als Brico aus der zunächst viel beachteten New York Women’s Symphony ein gemischtes Orchester machte. Die Hoffnung, einfach als Dirigent ernst genommen zu werden, der „zufälligerweise eine Frau ist“ (Brico über Brico), erwies sich als vergeblich. Und so zerschlug sich auch der Plan, in Denver, wo sie sich ein tragfähiges Netzwerk aufgebaut zu haben glaubte, in eine feste, professionelle Funktion als Dirigentin zu kommen: Das Denver Symphony Orchestra (DSO), bei dem sie erfolgreich gastiert hatte, entschied sich für einen (offensichtlich weniger qualifizierten) Mann als Chef. So etablierte sie das Denver Businessman’s Orches­tra – zur Gründung 1948 schickte Sibelius ein Glückwunschtelegramm – zu einem ernst zu nehmenden Ensemble, das im Lauf der Zeit (in Brico Symphony umbenannt) bessere künstlerische Resultate lieferte als das DSO.

So erfreulich es auch sein mag, dass Antonia Brico nun mit „Die Dirigentin“ in Erinnerung gerufen wird – das eigentliche filmische Denkmal wurde ihr schon 1974 gesetzt: „Antonia: A Portrait of the Woman“ heißt der Dokumentarfilm, den Jill Godmilow zusammen mit Judy Collins drehte und der auf YouTube (leider in schlechter Qualität mit verzerrter Tonspur) zu sehen ist. Collins war Bricos glänzendste Klavierschülerin in Denver gewesen, bevor sie als Folksängerin erfolgreich einen anderen Weg einschlug. Im Gespräch entlockt sie ihrer ehemaligen Lehrerin, deren souverän-resoluter Dirigier- und Probenstil in älteren und jüngeren Ausschnitten zu bewundern ist, nicht nur die Erfolgsgeschichten und schönen Anekdoten, sondern auch ergreifende Einblicke in eine von der lieblosen Pflegemutter geprägte Kindheit und in die Tragik ihrer nie zu wirklicher Entfaltung gekommenen Karriere als Dirigentin.

Der Schlüsselmoment ist eine Szene, in der es unvermittelt aus Brico herausbricht: Fünf mal im Jahr ein Konzert mit einem Profiorchester dirigieren zu können, sei so, wie wenn man einem tagelang Hungernden ein Stückchen Brot hinwerfe. „Ich kann mein Instrument, das Orchester, nicht spielen“, sagt sie. „Ich spreche nicht jeden Tag darüber, ich gebe mein gebrochenes Herz nicht jedem zu erkennen.“ Etwas von diesem Ausbruch, der in der Aussage „it’s a perpetual heartbreak“ gipfelt, hat Maria Peters in eine Probenszene ihres neuen Films hinüberzuretten versucht, wo er aber im auf Hochglanz gebürsteten Ambiente leider zu wenig Kraft entfaltet.

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