Heimat – ein Thema für den Musikunterricht?

Teil 1 · Von Constanze Rora *


(nmz) -
Co Cech, to Muzikant – jeder Tscheche ein Musikant? – Dieses Motto führte eine unserer Schulmusikstudentinnen dazu, ihre Bachelorarbeit zur Frage des musikkulturellen Selbstverständnisses der tschechischen Musikpädagogik zu schreiben. In ihrer Einleitung berichtet sie von einem Erlebnis mit tschechischen Studenten, die zu Gast in Deutschland bei einem Fest „am späten Abend voller Inbrunst alte tschechische Volkslieder zu singen und ihrer Heimat zu gedenken“1 begannen: „Da man so etwas heutzutage bei modernen Jugendlichen in Deutschland äußerst selten antrifft, erschien es mir interessant, nach den Ursachen solch eines Phänomens zu forschen.“2
Ein Artikel von Constanze Rora

Für die Autorin fällt dabei die Beziehung zur traditionellen Musik mit der sprichwörtlichen Musikalität der Tschechen zusammen. Eine emotionale Bindung an die eigene Musiktradition, so die unterliegende Vermutung, hat auch positiven Einfluss auf die musikalischen Begabungsreserven eines Landes.

Heimatgefühl & Volkslied

Dass in der gegenwärtigen musikdidaktischen Diskussion der Heimatbegriff keine Rolle spielt, hängt sicher auch mit der trivialisierenden Verknüpfung der Phänomene Heimatgefühl und Volkslied im deutschen Schlager zusammen.3 Mehr noch hat es zu tun mit der Geschichte des Faches, in der die Bezugnahme auf die erzieherischen Wirkungen des deutschen Volkslieds eine lange unglückselige Tradition hat. Wenn auch der Begriff Heimat ins musikpädagogische Abseits geraten ist4, haben sich doch einige seiner Konnotationen in Ziel- und Inhaltsbeschreibungen des Musikunterrichts unter neuem Label erhalten. Ein Blick in den sächsischen Lehrplan fördert drei Aspekte zutage, die zur Heimatproblematik  in Beziehung stehen. Zum einen wird die Berücksichtigung regionaler Lieder gefordert.5 Ein weiterer die Heimat-Thematik berührender Aspekt, liegt in dem Begriff der kulturellen Identität.6 Die Zielperspektive, Schüler an die Auseinandersetzung mit dem Fremden heranzuführen, und die damit untrennbare Bezugnahme auf „das Eigene“, bildet einen dritten Aspekt, auf den hier etwas näher eingegangen werden soll.

„Das Fremde und das Eigene“ steht als Begriffspaar im Mittelpunkt der interkulturellen Musikpädagogik. Dabei erscheint Fremdheit nicht nur als „interkulturelles“, sondern auch als ein „intrakulturelles“ Phänomen7: „Als fremd erscheint uns nicht nur, was aus fernen Weltteilen zu uns kommt, sondern auch bei uns gibt es Fremdes, Befremdliches, Sperriges und nicht Approbiertes; und dies alles gibt es nicht nur bei uns, sondern – wie wir seit den Freudianern wissen – auch in uns, als Nicht-Integriertes, Abgespaltenes, Verdrängtes, das uns dann in Gestalt von nächtlichen Monstern entgegentritt, fremd, und doch auf widersprüchliche Weise zu uns gehörend.“8 Derart in die Innerlichkeit des Subjekts verlegt, führt die Frage nach dem Fremden, die nun gleichzusetzen ist mit der Frage nach dem Eigenen, zu den Mechanismen unserer Erfahrungsprozesse. Dabei liegt die Gefahr nahe, das Fremde unversehens unter die Kategorien zu subsumieren, die unhinterfragt und unreflektiert die eigene Erfahrungswelt strukturieren und erklären. Die Auseinandersetzung mit dem Fremden verfehlt dieses Fremde dann dadurch, dass sie seine Fremdheit nicht gelten lässt, sondern es dem eigenen Horizont einfügt. In diesem fast unlösbaren Widerspruch steht auch die Beschäftigung mit fremder, außereuropäischer Musik im Musikunterricht. Vorsichtig schließt Ott seine Überlegungen mit dem Gedanken ab, dass möglicherweise „die klare Erkenntnis unserer Verwurzelung in unserer eigenen Kultur und ein besseres Gespür für unsere Abhängigkeit von den eigenen kulturellen Normen im Denken, Empfinden und Handeln“9 dazu verhelfen könnten, das Fremde in seiner eigenen Geltung zu belassen.

Der Heimatbegriff

Was fügt der antiquierte, möglicherweise obsolet gewordene Heimatbegriff den angesprochenen Überlegungen hinzu? – Nachgeschlagen im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm treten besonders zwei Bedeutungsdimensionen des Wortes Heimat hervor. Auf der einen Seite bezeichnet es das Land, den Landstrich, den Ort oder das Haus, in dem jemand geboren wurde oder dauerhaft lebt. Auf der anderen Seite ist es in „freierer Anwendung“10 mit Orten der Sehnsucht konnotiert, wie dem christlichen Himmel, Sehnsuchtsorten in poetischen Texten oder mit der Evidenz des Selbstverständlichen, das in Sprichworten dem haltlosen Geschwätz, das „keine Heimat hat“11 gegenübergestellt wird.

In der ersten Konnotation tritt eine auffällige räumliche Unbestimmtheit zutage. Heimat ist keine geografische Angabe, sondern meint Umgebungen, die mit unterschiedlichem Radius das Individuum umgreifen. Kennzeichnend ist auch, dass nicht nur räumliche, sondern auch soziale Umgebungen gemeint sind. Es wird nicht nur eine Beziehung zur landschaftlichen Umgebung thematisiert, sondern auch zu Menschen: Heimat ist die „traute heimat meiner lieben“12.

Dass mit der Bezeichnung Heimat nicht entschieden ist, ob das Land (die Gegend, der Ort) der Geburt oder das des gegenwärtigen Wohnens gemeint ist, deutet gleichfalls auf eine charakteristische Unbestimmtheit hin, die mit dem Wort verbunden ist. Ob jemand eine Heimat hat und wo seine Heimat liegt – dies zu beurteilen und zu bestimmen bleibt (jenseits der Anwendung behördensprachlicher Termini), wie es scheint, jedem selbst überlassen. In diese Sphäre des Persönlichen passt auch der zweite Bedeutungsbereich des Begriffes, in dem Heimat als Ort des Friedens und der Ruhe dem Hier und Jetzt des alltäglichen Lebenskampfes entgegengesetzt ist. Diese Verbindung ist oft und besonders in der Romantik so ausgeführt, dass Tod und Heimat zusammenfallen. Darüber hinaus verweist diese Verbindung auf ein utopisches Potenzial des Heimatbegriffs, wie Ernst Bloch zeigt, dessen mehrbändiges Werk „Prinzip Hoffnung“ mit dem Wort Heimat endet. Als Gegenstand und  Ziel von Hoffnung und Sehnsucht ist Heimat dem Alltag entrückt und gehört ganz der inneren Wirklichkeit des Menschen an.
Der durch Nähe, Geborgenheit, persönliche Beziehungen bestimmte Zeitort Heimat ist nicht nur im individuellen Lebenslauf von Verlust bedroht, sondern die Lebenswelt des modernen Menschen insgesamt wird mit dem Verlust heimatlicher Zugehörigkeit in Verbindung gebracht. In seinem Buch „Vom Sinn der Sinne“ zeigt der Psychologe Erwin Straus wie die Errungenschaften der Moderne die Raumwahrnehmung der Menschen verändert.13

Lebte der vormoderne Mensch – Straus führt zur Veranschaulichung einen Bauern auf dem Dorf an – noch zentrisch auf einen Mittelpunkt und eine Gemeinschaft bezogen, ist von dem modernen Menschen verlangt, sich dezentriert und in der Gesellschaft zu bewegen. Der Verlust einer irdischen Heimat, den Straus in dem Zitat beschwört, lässt sich mit der oben beschriebenen Konnotation von Heimat als Ort der Sehnsucht in Verbindung bringen. In einem ähnlichen Sinne spricht Helmuth Plessner von der „konstitutiven Heimatlosigkeit“ des modernen Menschen.14

Heimat- und Gemeinschaftsgefühle sowie auch die „Ländlichkeit“ von Heimat gehören in diesen Raum des Empfindens, dessen Wirklichkeit die Ansprüche an das Individuum in der modernen Gesellschaft ausblendet.

1    Mateescu, Hedwiga: Musik und Kulturelles Selbstverständnis. Bachelorarbeit, eingereicht an der Hochschule für Musik und Theater „Felix“ Mendelssohn-Bartholdy. Leipzig 2010, S. 1
2    Ebd.
3    Vgl. Mendivil, Julio: Ein musikalisches Stück Heimat. Ethymologische Beobachtungen zum deutschen Schlager. Bielefeld 2008.
4    Schatt konstatiert einen ‚Heimatverdruss’. Schatt, Peter W.: Von Wurzeln und Netzen: Heimat. In: Musik & Bildung 1/98, S. 3-7, S. 4
5    Lehrplan Sachsen Mittelschule 2004, S. 3
6    Ebd. S. 2
7    Ott, Thomas: Unsere fremde Musik. Zur Erfahrung des „Anderen“ im Musikunterricht. http://www.uni-köln.de/ew-fak/Mus_… (22.10.2010), S. 1
8    Ebd.
9    Ebd. S. 6
10    Stichwort „Heimat“. Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Elektronische Ausgabe der Erstbearbeitung. Frankfurt a.M. 2004
11    Ebd.
12    Ebd.
13    Straus, Erwin: Vom Sinn der Sinne. Berlin 1956 (2. Aufl.)
14    Makropulos, Michael: Plessners Fremdheit in der klassischen Moderne. In: Jürgen Friedrich/Bernd Westermann (Hg.): Unter offenem Horizont. Anthropologie nach Helmuth Plessner. Frankfurt a.M. 1995, S. 95–100, S. 96

* Kurzfassung eines Beitrags zur internationalen Webkonferenz „Tschechisch-Deutsche Beziehungen im Bereich Musik in der Vergangenheit und in der Gegenwart“ der Jan Evangelista Purkyne-Universität Ústí nad Labem, Ltg. Ivana Ašenbrenerová, 1.10.–15.11.2010. (http://pf.ujep.cz/khv/hudebnivychova)

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