Hier ist Sachsen III – Kultur

Wie sich die Kultur in Sachsen nicht abschalten ließ · Von Steffen Lieberwirth


(nmz) -
Ein Artikel von Steffen Lieberwirth

Abenteuerlich war er schon zu nennen, der Programmstart des 3. Programms von Sachsen Radio, auch genannt „Sachsen 3 – Kultur“. Programmideen gab es reichlich, und erstmals seit Jahrzehnten übten sich die Journalisten im freien Wort. Doch was nützte das größte Engagement, wenn die Frequenzen immer noch vorrangig zur Ausstrahlung der zentralen Berliner Sender dienten. Hier mussten neue Zuordnungen her, ohne Antrag und Bürokratie. Im Gerangel um die alten DDR-Frequenzen galt das Motto, „wer zuerst kommt, der sendet!“
Es war eine Zeit partisanenhafter Zustände. Quasi in Nacht- und Nebelaktionen entwickelte binnen weniger Februartage und -nächte eine handvoll eingeweihter Redakteure klammheimlich ein Programmschema für einen Kultursender. Nur wenige Tage blieb Zeit dazu, denn für „Mühlfenzls Einrichtung“ in Berlin war die Abschaltung der vorausgegangenen sächsischen Jugendwelle beschlossene Sache. Retten konnte die Frequenzen nur ein Sender, der sich als Kulturauftrag verstanden wissen wollte: ein eigenständiger sächsischer Kulturkanal. Mit hochmotivierten Redakteuren und Programmsprechern an Bord ging der sächsische Kulturkanal als letzter der drei Sachsen Radio-Programme am 1. März 1991 genau 19.00 Uhr auf Sendung. Dafür wurden die sächsischen Frequenzen, auf denen die Post jahrzehntelang Radio DDR II (1990 umbenannt in „Radio aktuell“) aus Berlin ausstrahlte, genutzt. Während Berlin noch eine Vorschau auf sein Abendprogramm brachte, wurden wenige Sekunden vor der Aufschaltung des Leipziger Funkhauses in der Springerstraße die Berliner Übertragungsleitungen mitten im Wort gekappt und abgeschaltet. Punkt 19.00 Uhr folgten dann erstmals Senderkennung und Nachrichten von Sachsen III aus Leipzig. Dem Kulturkanal stand eine tägliche Sendezeit von 19.00 Uhr bis 2.00 Uhr nachts zur Verfügung. Bestandsgarantien besaß die junge Kulturwelle natürlich keine. Wie gerufen kam da die Idee Manfred Müllers (Landesrundfunkdirektor), mit dem Saarländischen Rundfunk und Radio France als dessen Auslandspartner fest zu kooperieren.

In „grenzüberschreitender Gemeinschaftsarbeit“ veranstalten Sachsen Radio mit Radio France Musique und dem Saarländischen Rundfunk jeden Freitag von 20. 05 Uhr bis 23.00 Uhr den Konzertsaal Europa.

Medienpolitisches Gewicht bekam das „Dritte Programm“ also dank seiner Grundversorgung, die zwingend dem Hörerauftrag an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk entsprach.

Ein genialer Schachzug, der Sachsen 3 trotz vieler Abschaltungsängste die Existenz bis zum Sendestart von MDR Kultur sicherte. Für den Landesrundfunkdirektor Manfred Müller hatte der eigenmächtige Programmstart des Dritten Sachsen Radio-Programms verheerende Konsequenzen:

Am 19.4.1991 wurde Manfred Müller als Direktor von Sachsen Radio auf Veranlassung des Rundfunkbeauftragten Rudolf Mühlfenzl vom amtierenden Rundfunk-Intendanten Christoph Singelnstein fristlos entlassen. Die Kündigung erreichte den Landesrundfunkdirektor per Fax. Der Kündigungsgrund: Müller hatte wiederholt die zentrale Verfügungsgewalt der „Einrichtung“ in Frage gestellt. So hatte er beispielsweise entgegen deren Vorgaben ein drittes Hörfunkprogramm eingerichtet.

Für drei zeitgleich vorproduzierende und sendende Programme aber war in der Springerstraße nicht genug Kapazität an technischen Betriebsräumen vorhanden. Neue Studios mussten in Windeseile errichtet werden. Doch vorab hatte man sich mit Provisorien zufriedenzugeben. Als Senderegie richtete man auf dem Hof der Springerstraße den großen DDR-Rundfunkübertragungs-Wagen FZ 34 des ehemaligen Senders Leipzig her. Das Sendestudio wurde im dritten Stock eines Nebenhauses des Funkhauses Springerstraße installiert. Über Kameras und Monitore hatten Senderegie und Moderator miteinander Kontakt. Die technischen Kabel wurden über einen Balkon hinunter zum Ü-Wagen geführt. Das neue Sendestudio war sehr bescheiden.

Aus dem Giftschrank

Doch Programmnot war von Anfang an nicht zu befürchten, denn die Redakteure des Dritten konnten auf das umfangreiche Schallarchiv des Senders Leipzig zurückgreifen. Im Leipziger Funkhaus fand sich noch spannendstes Sendematerial: In einen sogenannten „Giftschrank“ – einem Panzerschrank im Funkhauskeller – wurde „gesperrtes“ Sendematerial „verwahrt“. Das waren in der Regel Aufnahmen mit Künstlern, die zu DDR-Zeiten politisch in Ungnade gefallen waren, die in den Westen gegangen sind oder Ausreiseanträge gestellt hatten, oder auch Werke, die nicht mehr ins politische Konzept der DDR-Obersten passten, wie beispielsweise die „Neuen deutschen Volkslieder von Hanns Eisler“ oder die gesungene Fassung der DDR-Nationalhymne. Dank dieser gleichermaßen ungeahnten wie ungewöhnlichen Repertoire-Schätze entstanden atemberaubende Sendungen größten Zuspruchs.

Was wäre ein Rundfunkprogramm ohne gute Mannschaft? Also wurden quasi auf Zuruf und per Handschlag neben den Rundfunk-Klangkörpern auch die ohnehin in Leipzig stationierten Mitarbeiter der bis dato unter Berliner Verwaltung stehenden „Musikproduktion“ dem sächsischen Kultursender angeschlossen. Das waren immerhin zehn Tonmeister und die Besatzungen von zwei Übertragungswagen vom Typ W 50 samt notwendiger Begleitfahrzeuge. Konzertmitschnitte oder Live-Übertragungen aus dem Sendegebiet waren somit ohne eine langwierige Vorbereitungsphase möglich. Neben den musikalischen Angeboten wie Konzertaufzeichnungen der Staatskapelle Dresden, des Gewandhausorchesters Leipzig, der Staatskapelle Weimar, dem Thomanerchor oder dem Dresdner Kreuzchor standen hochkarätige Wortsendungen wie Hörspiele, Feature, Literatur, Magazinsendungen und Kirchenfunk zur Verfügung.

Derartige Sendeaufgaben setzen eigentlich eine gediegene schöpferische Entwicklungsphase voraus. Doch die sollte eine Wunschvorstellung bleiben. Zu schnelllebig und unberechenbar verging diese Zeit: Kaum hatten sich die Programme inhaltlich und organisatorisch stabilisiert, drohte Mühlfenzls Kündigungswelle, die alle Mitarbeiter betreffen sollte. Gekündigt wurde zum 31. Dezember 1991. Ausgesprochen wurden die Kündigungen von unten nach oben. Der jeweilige Dienstvorgesetzte kündigte seinen ihm unterstellten Mitarbeitern. Danach erhielt auch jener sein Kündigungsschreiben. Vorausgegangen war eine scharfe Forderung des CDU-Fraktionschefs Herbert Goliasch in einem dpa-Gespräch: er forderte einen „Crash-Kurs“ gegen den gegenwärtig im Freistaat bestehenden Rundfunk. Sachsen Radio werde es „ans Leder“ gehen.

Dies laufe auf „Abwicklung aller Rundfunkmitarbeiter“ hinaus. Nach Goliaschs Auffassung sollte also „tabula rasa“ im Rundfunkwesen der neuen Länder gemacht werden. „Es gibt einen klaren Schnitt, alle Stellen werden neu ausgeschrieben. Es wäre unerträglich, wenn die Propagandis-ten und Schreibtischtäter von gestern“ wieder Platz fänden, so die Meinung des CDU-Politikers in der„ Sächsischen Zeitung“. Zu diesem Zeitpunkt hatte die „Einrichtung“ in Berlin bereits alle Rundfunkangestellten auf ihre politische Vergangenheit hin bei der Gauck-Behörde per Fragebogen durchleuchten lassen. Diese Überprüfung sollte „insbesondere auch dazu dienen, unbegründeten Verdächtigungen entgegenzutreten und bei den Hörern und Zuschauern Vertrauen zu schaffen und zu festigen“, so Rudolf Mühlfenzl.

Gefragt wurde neben allgemeinen Fragen zur Person beispielsweise nach staatlichen Auszeichnungen, staatlichen Anerkennungen und Erlaubnissen, allen bisherigen Tätigkeiten und dem Grund des Ausscheidens, der Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit sowie nach der Mitgliedschaft oder Funktionen in der SED. Nicht wahrheitsgemäße Angaben sollten zur fristlosen Kündigung führen.

Dennoch: gekündigt wurden alle und gekündigt war schnell. Gekündigt wurden auch all jene Mitarbeiter, die aus „mangelnder politischer Bereitschaft“ vom DDR-Rundfunk seinerzeit nicht angestellt worden waren oder deren Beschäftigungsverhältnis erst nach Gründung von Sachsen Radio begonnen hatte. Wie auch immer: Es wusste niemand, wie seine Zukunft würde aussehen können. Also wurden Urlaubspläne verschoben oder fielen buchstäblich ins Wasser. Nervös wartete eine entlassene Belegschaft auf die Stellen-Neuauschreibung des geplanten Mitteldeutschen Rundfunks. Allerdings ließen derartige Aushänge monatelang auf sich warten: Logisch, denn zunächst mussten die künftigen Strukturen der zukünftigen Sendeanstalt bestätigt sein und daraus die erforderlichen Planstellen abgeleitet werden.

„Der MDR soll“, so hieß es am 14. Februar 1991 aus den Staatskanzleien und Unionsfraktionen anlässlich der Unterzeichnung des „Entwurfs für den Mitteldeutschen Rundfunk (MDR)“, durch die Ministerpräsidenten Sachsens, Thüringens und Sachsen-Anhalts, „eine Neugründung werden. Bisheriges Rundfunkpersonal, ob aus Redaktionen, Verwaltung oder Technik, kann zwar prinzipiell weiterbeschäftigt werden, doch soll jeder Einzelne nochmals genau auf seine politische Vergangenheit hin durchleuchtet werden. Für die Führungsebene rechnet man aber damit, dass Fachleute aus den westlichen öffentlich-rechtlichen Anstalten ,importiert‘ werden müssen“. (Süddeutsche Zeitung vom 14. 2.1991)

In solcher Situation war Lethargie fehl am Platz. Tragfähige Vorschläge zur Bildung eines neuen Kulturkanals waren die beste Referenz zur Übernahme in die neue Rundfunkanstalt. Zunächst aber waren konzeptionelle Überlegungen gefragt. Könnte das Programm von Sachsen 3 die Keimzelle für einen sächsisch-anhaltinisch-thüringischen Drei-Länder-Kulturkanal bilden?

Erste Konzeption

Die Redakteure von Radio Thüringen und Sachsen Anhalt Radio waren zunächst gegenüber den sächsischen Denkanstößen vorsichtig verhalten. Sie hatten Sorge, dass sie nun anstelle der Berliner Zentralgewalt die Leipziger vereinnahmen würden. Vertrauen zu gewinnen braucht Zeit, aber die war nur allzu knapp bemessen. Hilfreich waren da erste Arbeitstreffen in den Funkhäusern der Kollegen aus Weimar und Halle, kurz; in deren gewohnter Umgebung also. Und entgegen jedweder Hoffnungen wurde am 10. Juli 1991 eine erste Programm-Konzeption für einen gemeinsamen Kulturkanal – damals noch MDR 3 genannt – von Klaus Dylus, dem Musikchef von Thüringen Radio, dem Musikchef von Radio Sachsen-Anhalt, Horst Makrinus, und dem Hauptabteilungsleiter Kultur von Sachsen Radio, Steffen Lieberwirth, erarbeitet und dem Gründungsintendanten des Mitteldeutschen Rundfunks als Vorschlag zugeleitet.

Danach sollte ein „MDR 3 als Kultur- und Bildungskanal angelegt werden. Das Programm soll tiefschürfend sowie reflektierend sein und dabei viele Hintergrundinformationen anbieten. Angesprochen wird dadurch der gebildete anspruchsvolle Hörer, gleich welcher Altersgruppe. Dem Charakter nach greift das 3. Programm den Geist des klassischen traditionellen Radios auf und ist damit in seiner Ansprechhaltung seriös. Es ist ein Programm zum bewussten und genussvollen Radiohören. Durch lange durchgehende Sendeinhalte ist es betont ruhig. Wort- und Musikanteile stehen ausgewogen nebeneinander. Das musikalische Angebot bedient alle anspruchsvollen musikalischen Genres von der mittelalterlichen Musik über das zeitgenössische Schaffen bis hin zu Folk, Jazz und außereuropäischer Musik.

Auch das Lied hat seinen Platz genau wie die große Oper. Gleichzeitig könnten die rundfunkeigenen Klangkörper (Rundfunk-Sinfonieorchester, Rundfunkchor Leipzig und Radiophilharmonie Leipzig) mit festen Sendeplätzen bedacht werden.

Neben diesem breitgefächerten Musikangebot stehen feste tieflotende Wortsendungen, die das Hörspiel, das literarische Wort sowie die Kulturpolitik ebenso umfassen wie die Bildung, Wissenschaft und Kirchenfunk. Das Programm des MDR 3 gibt den Ideen des sich vereinigenden Europas sowie der europäischen Regionen mit spezifischen Sendeformen Raum und fördert die Integration ausländischer Mitbürger.

Eine spezielle Achse ist der aktuellen politischen Entwicklung vorbehalten. Als Alternative zu DS Kultur berücksichtigt der MDR stärker sein eigenes Sendegebiet, ohne jedoch die Kultur Deutschlands, Europas und der Welt zu vernachlässigen.“ (Auszug aus der Präambel des Entwurfs zu einem 3. Programm des Mitteldeutschen Rundfunks).

Waren diese Gedanken im Sommer des Jahres 1991 noch vage Visionen und Utopien eines kleinen vom Rundfunk besessenen Redakteur-Häufleins, so nahmen sie im Herbst und Winter mehr und mehr professionelle Gestalt an. Bewährte Sendungen wurden verfeinert. Neue Ideen geboren. „Alte“ Mitarbeiter aus Ost und „neue“ aus West stritten um ein und dasselbe und schließlich gemeinsame Produkt: Um ein ebenso anhörbares wie auch kritisches Radioprogramm. Im Ergebnis dieses – sagen wie einfach gemeinsamen „Reifeprozesses“ – konnten die Thüringer, Anhaltiner und Sachsen am 1. Januar 1992 genau um Mitternacht von Eisenach bis Boizenburg und von Görlitz bis Plauen die Stationsansage hören: „Hier ist der Mitteldeutsche Rundfunk mit seinem 24-Stunden-Vollprogramm MDR Kultur – dem ZuhörRadio“.

Vorabdruck eines Textes in der MDR-Radiozeitschrift „Triangel“11/99 (siehe auch http://www.mdr.de/kultur/)

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