Historischer „Fidelio“ als Kulturgut

Semperoper Edition dokumentiert die Geschichte des Dresdner Opernhauses im 20. Jahrhundert


(nmz) -
Schon die Präsentation für die Presse geriet zu einer kleinen Sternstunde. Das ist angesichts der Schwemme von CD- und DVD-Offerten verständlicherweise selten genug. In diesem Fall ging es aber nicht mal um eine Novität, sondern um eine Rarität. Wenn die in den prächtigen Räumen der Dresdner Semperoper vorgestellt wird, darf durchaus eine Besonderheit auf dem sonst doch so inflationär besetzten Markt der Ton- und Bildträgerindustrie erhofft werden.
Ein Artikel von Michael Ernst

 

Ausgerechnet Beethovens „Fidelio“. Diese einzige Oper des Bonner Meisters hat im Musiktheater von Dresden wiederholt eine wichtige Rolle gespielt. Insbesondere nach 1945, als das Sempersche Opernhaus ebenso wie viele weitere Teile der einst so prachtvollen Stadt an der Elbe in Schutt und Asche lag. „Fidelio“ war die erste Oper, die schon bald nach Kriegsende wieder zu hören war. Erst nur konzertant in der sogenannten Kulturscheune von Bühlau, wo dieser musikalische Aufschrei nach Freiheit und Gerechtigkeit bereits im September 1945 erklang, dann gut drei Jahre später auch szenisch zur Eröffnung des Großen Hauses der Staatstheater Dresden, als damit auch das 400-jährige Bestehen der Sächsischen Staatskapelle gefeiert werden konnte. Zum Herbst 1989, als die Tage der vier Jahrzehnte bestehenden DDR schon gezählt waren, da gab es nochmal eine deutlich Zeichen setzende Neuinszenierung des Werkes durch Regisseurin Christine Mielitz. „Fidelio“ hinter Stacheldraht, diese Metapher konnte, ja musste jeder verstehen.

„Wahrheit wagt’ ich kühn zu sagen …“

Dass nun mit „Fidelio“ die Edition Semperoper des verdienstvollen Labels Günter Hänssler als Volume 2 fortgesetzt wird, scheint schon kaum mehr ein Zufall zu sein. Vor Jahr und Tag startete diese Reihe exakt zum 25. Wiedereröffnungsjubiläum des vielleicht bekanntesten deutschen Opernhauses mit „Gott! Welch Dunkel hier“ als Nummer 1. Doch diese CD-/DVD-Präsentation von „Fidelio“ ist ein großartiges Abenteuer. Sie gibt musikalisch und in Teilen auch visuell die Festaufführung zur Eröffnung des Großen Hauses der Staatstheater, dem heutigen Staatsschauspiel, vom 22. September 1948 wieder. Musikalisch wurde das Werk damals von Joseph Keilberth geleitet, die Inszenierung erarbeitete Heinz Arnold.

Was damals Ereignis war, verschwand alsbald in den Archiven. Allein die Wiederentdeckung muss reich an Abenteuern gewesen sein. Sie darf aber durchaus als Versprechen in die Zukunft gesehen werden. Die Edition Semperoper als gemeinsame Dokumentationsreihe von Sächsischer Staatsoper, Mitteldeutschem Rundfunk (MDR Figaro) und Deutschem Rundfunkarchiv wird von Günter Hänssler couragiert fortgesetzt.

„Und die Ketten sind mein Lohn.“

„Durchbohren musst du erst diese Brust“, singt Leonore alias Fidelio angesichts des gezückten Degens von Don Pizarro. Durchstöbern musst du erst dieses Archiv – frei, sehr frei nach Beethovens „Fidelio“-Librettisten Sonnleitner und Treitschke dürfte sich Steffen Lieberwirth, der Chefproduzent des MDR-Hörfunks, durch angestaubte Unmengen uralter Tonbänder gemüht haben, ehe er all diese nicht nur für Dresdens Musik- und Theatergeschichte so bedeutenden Aufnahmen beisammen hatte. Mit geradezu kriminalistischem Gespür gelang es ihm, an die verloren geglaubte, jedoch nur separat gelagerte Ouvertüre zu kommen. Tonspuren manch anderer „Bravourstücke“ der Oper (etwa der berühmte Gefangenenchor) fehlen bis heute, so auch auf dieser nun vorliegenden Ausgrabung. Ein Indiz dafür, dass einzelne Teile nach der Live-Aufnahme vom 22. September 1948 im Rundfunk gesondert ausgestrahlt wurden, dann aber nie wieder zum Original gelegt worden sind. Gut möglich also, dass die fehlenden Parts noch in irgendwelchen Archiven schlummern. Auf der CD, die insofern nur einen Zwischenstand der Quellenforschung darstellt, sind neben der Staatskapelle und mehreren Chören namhafte Solisten zu hören, im Titelpart als Fidelio/Leonore etwa Christel Goltz, als Marzelline Elfride Trötschel, als Florestan Bernd Aldenhoff, als Kerkermeister Rocco Gottlob Frick. Diese „Legenden“ der Nachkriegsoper kommen zum Teil auch auf der beiliegenden DVD mit ihren Erinnerungen zu Wort. Ein historisch dokumentierender „Augenzeuge“ berichtet von der Eröffnung des Großen Hauses als erstem deutschen Theater nach dem Zweiten Weltkrieg.

An Christel Goltz, Elfride Trötschel und Joseph Keilberth erinnerten anlässlich der Dresdner Präsentation von „Fidelio“ in diesem Sommer auch deren Söhne, die dem Semperoper-Archiv und dieser Edition wertvolles Erinnerungsmaterial überließen. Kulturgut, das der Öffentlichkeit und somit in die Öffentlichkeit gehöre, wie die Erben betonten.

Wenn zum vorliegenden Ergebnis ein Fazit abgegeben werden soll, dann ist die CD aufgrund der musikalischen Leistungen von Solisten und Orches­ter erstaunlich hörenswert (und dies zwar auch, aber nicht nur unter historischem Aspekt), ist die DVD als Zeitzeugnis höchst informativ und stellt das 180-seitige Booklet (deutsch/englisch) ein kompetentes Nachschlagewerk dar. Also durch und durch eine Empfehlung, diese zweite Semperoper Edition.  ¢

CD-Tipp

„Fidelio“. Semperoper Edition Vol. 2, Edition Günter Hänssler bei Profil Medien GmbH PH 10033

 

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