Junge Musiker und ein neues Publikum gehen zur Schule

Zum dritten Mal: Kieler „Chiffren“ – Premiere für das LandesJugendEnsemble Neue Musik Schleswig-Holstein


(nmz) -
Auffällig sind die seit geraumer Zeit zunehmenden Bestrebungen, die „Neue Musik“ an ein breiteres, vor allem junges Publikum, zu vermitteln. Warum das so sein muss, ist speziell für ältere Musikinteressierte schwer einzusehen, sie haben sich seinerzeit von sich aus für die neuen Kompositionen interessiert und sind mit ihrer Neugier schließlich zu umfassend informierten Experten geworden. Aber die Zeiten ändern sich ja bekanntlich, und so möchte man auch den neuen Vermittlungsbemühungen jeden Erfolg wünschen.
Ein Artikel von Gerhard Rohde

Wenn sogar die Donaueschinger Musiktage sich dem allgemeinen didaktischen Trend hingeben und junge Menschen mit entsprechenden Programmen hundertfach anlocken, um so legitimer ist es daher, wenn bislang mit Neuer Musik unterversorgte Regionen sich intensiver mit der Vermittlung der musikalischen Moderne beschäftigen.
Als gelungenes Vorbild für eine derartige Vermittlungsarbeit kann das 2006 gegründete „Chiffren“-Festival in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt Kiel gelten. Als „Kieler Tage für Neue Musik“ findet es alle zwei Jahre statt, jetzt also zum dritten Mal. Aber mit den jeweils vier Tage währenden Festivalkonzerten gibt man sich nicht zufrieden. „Chiffren“ avancierte zu einem quasi „immerwährenden“ Neue-Musik-Festival.

Schon vor Beginn des Festivals stimmten diverse Projekte Lehrer und Schüler auf die Konzertprogramme ein. Begegnungen mit Komponisten, Instrumentalschüler, die von professionellen Musikern in neuartige Spielweisen und Klangerzeugungen eingewiesen wurden, eine Vortragsreihe, die alle Interessierten auf die bevorstehenden Konzerte vorbereitete — das waren einige der sinnstiftenden Initiativen. Am wertvollsten und sicher zukunftsträchtigsten aber dürfte sich die von „Chiffren“ und dem Landesmusikrat initiierte Gründung des LandesJugendEnsembles Neue Musik Schleswig-Holstein erweisen.

Achtzehn junge Musikerinnen und Musiker, fortgeschritten in der Ausbildung und auch schon erfahren in anderen, eher traditionellen Musikensembles, schlossen sich zusammen, um spezielles Wissen und spieltechnische Fähigkeiten für die Darstellung neuer Kompositionen zu erwerben. In einer Matinee präsentierten sie sich unter professioneller Leitung in verschiedenen Besetzungen mit Werken von Pascal Dusapin, Alfred Schnittke, Toru Takemitsu, John Cage (die geistreiche „Living Room Music“ für Perkussion und Streichquartett), Noriko Kawakami und Atli Ingólffssons. Den jungen Musikern gelangen durchweg qualitätvolle Wiedergaben, auch in der stilistischen Vielfältigkeit. Was vielleicht noch erfreulicher wirkte: Das war das spürbare persönliche Engagement eines jeden Musikers, das „Vergnügen, sich mit einer zunächst unvertrauten Musiksprache zu beschäftigen, diese sich anzueignen und interpretatorisch zu vertiefen“.

Gerechterweise muss man erwähnen, dass es in der schleswig-holsteinischen Neue-Musik-Wüste auch schon vor „Chiffren“ eine Oase gab: Das in Eckernförde beheimatete „ensemble reflexion K“ mit dem Komponisten Gerald Eckert als Leiter. Das neunköpfige Ensemble bereiste schon die halbe Welt, genießt speziell als Avantgarde-Ensemble einen überregionalen Ruf. Im Eröffnungskonzert von „Chiffren“ dominierten im Programm mit Isabel Mundry, Salvatore Sciarrino, Marc André, Morton Feldman, Stefano Gervasoni, Matthias Spahlinger und Gérard Grisey bekannte und renommierte Komponisten mit einer farbigen Werkauswahl.

Einem jungen Neue-Musik-Treffen gereicht es nur zum Vorteil, wenn ein Spitzenensemble der Avantgarde jungen Musikern und einem weniger erfahrenen Publikum zeigt, wie neue Musik auf ein entsprechendes hohes Spielniveau angewiesen ist, um zu überzeugen. Das Klangforum Wien unter Sylvain Cambreling, das zu seinem fünfundzwanzigjährigen Bestehen fünfundzwanzig Uraufführungsaufträge vergeben hat, hatte in Amsterdam davon vier Werke von Mauro Lanza, Georg Friedrich Haas, César Camarero und Georges Aperghis uraufgeführt. „Chiffren“-Chef Friedrich Wedell nahm die Gelegenheit wahr und lud das „Klangforum“ für den nächsten Tag nach Kiel ein. So zierten vier deutsche Erstaufführungen das „Chiffren“-Angebot. Am interessantesten: Haas’ „La profondeur“ — das Ausreizen der „tiefsten Register“ im Instrumentarium führt stellenweise zum Verlöschen des Tons, im Klang öffnet sich so etwas wie ein schwarzes Loch. Ein abgründiges Stück, vom Klangforum perfekt realisiert. Georges Aperghis’ „Seesaw“ operiert mit kleinen und kleinsten Bewegungsmustern, die dem Werk eine höchst lebendige – eben: eine umfassende Bewegungsstruktur verleihen. Brillant gespielt vom Klangforum.

Karlheinz Stockhausens „Mantra für zwei Pianisten“, vom Komponisten Georg Hajdu mit einem Computerprogramm (statt der ursprünglichen Ringmodulatoren) bestückt, erfuhr durch das Klavierduo Jennifer Hymer und Bernhard Fograscher eine kompetente Darstellung. Unterschiedliche Eindrücke hinterließ das Kammerensemble Neue Musik Berlin beim „Chiffren“-Gastspiel. Den stärksten Auftritt hatte der Tuba-Spieler Robin Hayward mit dem ältesten Werk des Programms, Luigi Nonos „Post-Prae-Ludium per Donau“ für Tuba und Live-Elektronik. Da flimmerten wenigstens keine Video-Bilder über die Wände. Den meisten Musik-Video-Projekten haftet oft etwas Amateurhaftes an. Der sinnstiftenden Verschmelzung oder auch Kontrapunktierung von musikalischen und optischen Ereignissen scheinen unüberwindliche ästhetische Barrieren entgegenzustehen. Gleichwohl gehören diesbezügliche Experimente als eine Art Forschungsauftrag immer wieder zu einem Neue-Musik-Festival.

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