Kaum Zukunftsbotschaften aus dem Kölner Kummerkasten

Zum Symposium „Orchestermusiker der Zukunft“ von Bühnenverein, DOV, RKM und HfMT Köln


(nmz) -
Auf den Gesichtern am Ende eine Mischung aus Enttäuschung und Ernüch­terung. Fragte man in die Runde, was denn nun geblieben sei von dieser mit so großen Erwartungen verbundenen Veranstaltung, wurde man verwiesen auf den kleinsten gemeinsamen Kongress-Nenner, den es gibt und geben kann. Dass das Symposium stattgefunden habe, dies sei sein Erfolg!
Ein Artikel von Georg Beck

Man kann das so sehen. Wo kommt es schon vor, dass Arbeitgeber und Gewerk­schaft, dass Deutscher Bühnenverein und DOV und dazu noch mit der Rektoren­konferenz der Musikhochschulen die Vertreter der Ausbildungsseite gemeinsam einladen, um die Konturen des „Orchestermusikers der Zukunft“ auf dem Reißbrett zu skizzieren? Zumal die Vertreter der DOV ja in der Vergangenheit viel gemäkelt hatten an der angeblich „orchesterfremden“ Ausbildung an den Hochschulen. Jetzt also wollte man sich einmal gemeinsam um die sich „im Umbruch befindende Schnittstelle zwischen Ausbildung und Arbeitsmarkt“ kümmern, wie es im „RKM-Positionspapier“ hieß. Letzteres fand denn auch überhaupt erfrischend klare Worte für die Lage:  „Schließungen, Kürzungen erheblichen Ausmaßes, Fusionen … Nullrunden, Einsparungen“. Kurz: Die Hütte der bundesdeutschen Kulturorches-ter-Landschaft brennt! So stand es im Papier. Hinterher ward’s gar nicht mehr so heiß gegessen.

Ja, am Ende stand das ganze Thema in Zweifel. „Hätte man nicht richtiger über die Orchestermusik der Zukunft reden müssen?“, fragte der Frankfurter Hochschulrektor Thomas Rietschel in die Kölner Symposiumsrunde, offenbar ein wenig genervt von einer zu „kurz greifenden“ Debatte, die Musikleben mit der Orchesterlandschaft gleichsetze und ansonsten viel Nabelschau betreibe. Eine spontan durchaus zustimmungsfähige Intervention, hatte man sich doch verwundert die Augen gerieben, dass der Anfangsimpuls dieses zumal von den (Kölner) Studierenden insgesamt schwach besuchten „Symposiums“ so bald und so schnell verflogen war.

Für letzteren hatte Musik- und Medienjournalist Holger Noltze von der TU Dortmund mit seinem von Skepsis und Realitätssinn geprägten Vortrag über die „Musikland­schaft Deutschland“ gesorgt. Für einen kurzen Moment waren auf einmal die brennendsten Sachen auf dem Tisch: Der „Furor“, der die Gegner der subventionier­ten Klassikszene antreibt: „Zu alt! Zu teuer!“ Das SWR-Orchester-Debakel – ein „Test“: „Man macht es, um zu zeigen, dass man es kann!“ Auf der anderen Seite das bröckelnde Selbstverständnis unter den Musikern: „Du musst das kennen!“ In der Medienkonkurrenz, so Noltze, ziehe ein solches Argument nicht mehr. Überhaupt: Die Antworten viel zu defensiv! Und auf die angeblichen „88 Prozent“, die in Umfragen „für die Klassik“ gestimmt hätten, sollte man auch nichts geben. Vielmehr plädierte der Referent dafür, die eigene „Komfortzone“ zu verlassen und sich den Leuten „da draußen“ zuzuwenden. Was damit konkret gemeint war, wurde im Auditorium allerdings nicht recht deutlich. „Sollen wir jetzt an den Haustüren klingeln?“, hörte man da fragen. „Warum ist Musik gut für die Gesellschaft?“, fragte Noltze zurück, um mit einem Verweis auf Sekundärtugend gleich selbst eine Antwort beizusteuern: Musik sorge dafür, dass man lernt, zuhören zu können! So ungefähr habe das auch der alte Lateinlehrer gesagt, hieß es da wiederum aus den Tiefen der Reihen. Immerhin: In die Zielgerade ging Noltze mit einem flammenden Bekenntnis zur „kulturellen Bildung“, um den angehenden wie den installierten Berufsmusikern vor ihm zu empfehlen, darüber nachzudenken, warum sie tun, was sie tun. „Ich hoffe, Sie haben gute Gründe!“

Und dann – ja, und dann war tatsächlich niemand da, der das glühende Scheit angefasst und vor allem weitergereicht hätte. Stattdessen lag das Ding auf dem Podium rum, flackerte noch ein wenig und ging in der anschließenden Diskussion sang- und klanglos aus. Da hatte Ute Schäfer, die auch für die Kultur zuständige NRW-Ministerin, den Saal längst verlassen und in der Folge, als sich das Symposium mehr und mehr zu einem großen Kummerkasten entwickelte, war auch der Referent zu anderen Aufgaben entschwunden.

Irgendwie war den Teilnehmern wohl auch nicht klar, wie und was sie denn nun zu den angesprochenen Alarmmeldungen beisteuern sollten. Als „Orchestermusiker der Zukunft“ (und insofern war das zunächst einmal sehr einsehbar) redeten sie lieber von sich, also von Dingen, die sie unmittelbar angingen und angehen: von der Ausbildung, vom Arbeitsmarkt, von den Auswahlverfahren. So die Themen der moderierten Panels und eines „World Cafés“. Allerdings, vieles, was da verlautbart, verkündet, beklagt, empfohlen wurde, konnte kaum jemandem neu sein. Doch, was soll man denn sonst sagen, wenn man aufs Podium gebeten wird?

Für den Deutschen Bühnenverein sprach Rolf Bolwin mit stolz geschwellter Brust von 10.000 hauptamtlichen Berufsmusikern – das sei doch was! Für die Ausbildungsseite verwies Anne-Catherine Heinzmann auf einen nach amerikanischem Modell in Gang gesetzten dualen Masterstudiengang in Nürnberg. Überhaupt war in Köln viel vom Segen der Orches­terakademie die Rede. Interessant zu beobachten, wie sich die alte Karajan-Erfindung nicht nur zunehmender Beliebtheit erfreut, sondern zusehens in die Position einer Wunderwaffe gerät, betreffend der „im Umbruch befindlichen Schnittstelle zwischen Ausbildung und Arbeitsmarkt“, wie es im „RKM-Positionspapier“ hieß.

Dann waren die Studierenden dran, also die, die nun einmal die Kastanien aus dem Feuer holen sollen für den „Orchestermusiker der Zukunft“. Da gab es viel zu klagen. Besonders was das Thema Probespiel anging. „Unmenschlich“ sei es, merkte eine Absolventin an. Schweigen im Auditorium. Hinterher, sagte sie, hätten ihr allerdings viele beigepflichtet. Das sei schon eine „seelenlose“ Veranstaltung. Ein junger Hornist von der Jungen Deutschen Philharmonie erhöhte auf Konvention und Konfektionalismus: Nicht zu laut, nicht zu leise, keine Kiekser, keine eigene Kadenz, sondern die, die alle spielen! Einmütiger Beifall im Publikum. Eine Kritik, die sich übrigens wohltuend abhob von manch anderen Einwürfen, die weniger das System als die Systemoptimierung im Sinn hatten. Irritierend, dass davon selbst ein halbes Dutzend (überaus charmante) Mitglieder der Jungen Deutschen nicht frei waren, also Angehörige einer Formation, die einst angetreten war, die „verkalkte“ Orchesterlandschaft aufzumischen.

Anno 2015 stattdessen freies Variieren des mollig gehaltenen Chorsatzes Was-haben-wir-nicht-alles-unternommen! Sind in den Vereinigten Staaten gewesen, sind in Finnland gewesen, sind in Italien gewesen, sind sonstwo gewesen – nur, was ist, wenn wir das Probespiel nicht bestehen? Also bitte: Mehr Probespielstellen-Training! Mehr hochschulinterne Orchesterpraxis! Mehr Akademien! Siehe oben.

Ein Symposium als Rundumklage. Jammern auf höchstem Niveau – dies war es, was auffiel. Befremdend vor allem aber, zumal für einen Außenstehenden, dass ein „Symposium Orches-termusiker der Zukunft“ mit keiner Silbe die Rede bringt auf die Musik, mit der man besagte „Zukunft“ erobern will. Wie soll es denn nun aussehen – das Konzertprogramm, das die „Orchestermusiker der Zukunft“ dereinst spielen werden, sollen und hoffentlich auch wollen? Mehr von diesem? Weniger von jenem? Was fasziniert? Was brennt unter den Nägeln? Welche Felder möchte man beackern als „Orchestermusiker der Zukunft“? Kein Thema in Köln. Leider.

Nur am Rande lugten alte, eigentlich überwunden geglaubte „Denkschablonen“, um nicht zu sagen Ressentiments durch, als, zugegeben von einem Vertreter der älteren Generation der Orchestermusiker, angemerkt wurde, dass man erstens „keinen Dienst schiebe“ (Beifall im Auditorium!), es sei denn, man müsse zweitens Neue Musik spielen … 

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