Klang-Los

Theo Geißler über 50 Jahre nmz und über Musikjournalismus


(nmz) -
Nehmen Sie kurz, aber bequem Platz in unserer fantastischen ConBrio-Zeitmaschine. Blättern Sie einmal um – und lassen Sie sich (rechte Seite) fünfzig Jahre zurückversetzen. Mit der Ausgabe 1/1969 wagte unser damaliger Verleger Bernd Bosse wider vielseitigen Rat Kühnes. Er benannte das publizistische Flaggschiff seines Hauses um. Die „Musikalische Jugend“ tauchte in den Untertitel, das Blatt hieß ab sofort „Neue Musikzeitung“.
Ein Artikel von Theo Geißler

Geschuldet war dieser Titelwechsel keineswegs einer Distanzierung von der Gründer-Institution „Jeunesses musicales“ (wir sind mit ihr bis heute auch inhaltlich eng verbunden). Vielmehr hatte sich unsere Zeitschrift, was die erreichte Leserschaft betrifft, dank kräftig gestiegener Auflage vom oft umstrittenen Verbandsorgan zum bis heute oft umstrittenen Spiegel des Musiklebens entwickelt. Und nach zwei bunten Lehr- und Wanderjahren, vor allem durch die Theaterlandschaft, durfte der stets etwas präpotente damalige Germanistik-Student Theo Geißler unter der Ägide des ebenso frischgebackenen Chefredakteurs Bernd Bosse erstmals seine stabreim-überfrachteten Wortspielereien auf der Startseite in Bosses Leitartikel verstecken.

Was allerdings die Haltung unserer Zeitung betrifft, könnte ich im Schul­terschluss mit der gesamten Redaktion weite Passagen dieses Beitrages bei allem zeitbedingten Pathos heute noch schamlos zitieren: „Die Unabhängigkeit von Verlags- und Kulturlobbyismus werden wir weiterhin zu wahren wissen. Sie erst ermöglicht ein glaubhaftes kulturpolitisches Engagement und erlaubt Aufgeschlossenheit nach allen Seiten – gegenüber der Tradition genauso wie jüngsten avantgardistischen Strömungen. Darum ist unsere Zeitung ein stets offenes Forum, das Gegensätze nicht des Effektes wegen aufeinander prallen läßt, sondern um so aus der Spannung unterschiedlicher Ausgangspositionen der Gesprächspartner produktive Ergebnisse formen zu helfen.“

Sie merken: Gute Vorsätze waren und sind durchaus vorhanden – wenn auch nicht immer für alle „Parteien“ erfüllbar. Schon Norbert Linkes Bericht, ebenfalls auf Seite 1 der ers­ten „NMZ“ unter dem Titel „Henze, der Funk und eine rote Fahne“ über das Scheitern einer Uraufführung – dank der Ängstlichkeit Verantwortlicher des Norddeutschen Rundfunks – löste scharfen Protest der Anstalt, Stopp der damals noch üblichen Stellenanzeigen und den Vorwurf aus, wir seien auf Krawall gebürstete Kommunisten. Musikpolitik galt seinerzeit noch als Schimpfwort und Schändung der holden Muse – auch in Kreisen des Deutschen Musik­rates, was zu entsprechend heftigen, über etliche Jahre aber auch teils wirkungsvollen Diskussionen führte.

Natürlich haben sich Stil, Form und Funktion des Kulturlebens und damit auch unserer Zeitschrift im vergangenen halben Jahrhundert stark verändert. Schrumpfende Feuilletons, Format-Funk, Jux-TV und jede Menge digitaler Schrott sind der Boden für Starschleim- und geistlos-funktionalen Ankündigungs-Journalismus anstelle reflektierter Berichterstattung und Kritik.

Hat unser damaliger Chefredakteur Severin Maria Wiemer 1952 noch behauptet: „Wir sind darauf gefaßt, daß sich bereits der Begriff ‚Musik-Journalismus‘ hart im hohen Raum der deutschen Musiktradition stößt“ – könnte man heutzutage etwas polemisch behaupten: „Die Zwergen-Nische für Musikjournalismus liegt nur noch knapp über dem Meeresspiegel unserer materialistisch-trivialen gesellschaftlichen Realität. Im Rahmen des digitalen Klimawandels wird sie eine ähnliche Entwicklung nehmen wie Plattdeutsch oder die Malediven.“ Seniler Senioren-Pessimismus? Wesentlich Differenzierteres im Schwerpunkt dieser Ausgabe – zum Thema Musikjournalismus.

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