Knotenpunkt einer vitalen Szene

Zum ersten Mal fand der Branchentreff chor.com in Hannover statt


(nmz) -
Dass Hannover deutschlandweit zu den wichtigsten Chorstädten zählt, ist bekannt. Nun durfte die Stadt erstmals Gastgeberin der chor.com sein, nachdem die Fachmesse für Vokalmusik seit der Gründung 2011 vier Mal in Dortmund stattgefunden hat.
Ein Artikel von Miriam Stolzenwald

Für den Initiator und künstlerischen Leiter der chor.com, Moritz Puschke, ist Hannover als neuer Standort perfekt geeignet: Mit einer ausgeprägten klassischen, kirchenmusikalischen, aber auch Jazz- und Pop-Chorszene und Ensembles wie Maybebop, dem Mädchen- und dem Knabenchor oder dem Voktett Hannover, habe die Stadt nicht nur eine große Anzahl an ausgezeichneten Ensembles zu bieten, sondern auch an inspirierenden Chorleitern. „Diejenigen, die diese Chöre leiten sind wirklich Macherinnen und Macher der Chorszene, die auf der chor.com wichtige Impulse setzen können und nun vielfach ins Programm integriert waren,“ so Puschke. Zudem habe die Chormusik in Hannover durch eine breite öffentliche Förderung, eine exzellente Musikhochschule und einige bedeutende Festivals einen ausgesprochen guten Stand.

Vom 12. bis 15. September war Hannover belebt vom Geiste der Chormusik und all seiner Akteure: Knapp 2.500 Fachteilnehmerinnen und -teilnehmer tummelten sich in mehr als 200 Workshops und Meisterkursen, die von 146 internationalen Künstlern und Dozenten angeboten wurden.

Jutta Michel-Becher erarbeitete beispielsweise mit einer Gruppe Methoden zur Leitung von Seniorenchören. Im Raum direkt gegenüber konnten junge Jazzchorleiter bei der Chorleitungsprofessorin Anne Kohler Herangehensweisen an Jazzliteratur erlernen und die richtige Dirigiertechnik dazu. In der Jazzchorleitung liegen die Schwerpunkte auf anderen Aspekten als bei klassischen Chören, sagt Anne Kohler: „Eine wichtige Sache ist die körperliche Kommunikation mit dem Ensemble. Wie kann ich einen Rhythmus gut vermitteln und darstellen, sodass der Chor ihn körperlich fühlt? Wir arbeiten relativ viel mit Body-Percussion und mit Schritten, die wir ausführen, über die wir Rhythmen sprechen.“

Die chor.com ist die wichtigste Austauschplattform der Vokalmusikszene mit internationaler Strahlkraft. Für Besucherinnen und Besucher geht es somit auch um die internationale Vernetzung und das Lernen voneinander. Der britische Chorleiter Simon Halsey, der im Rahmen der Messe mehrere Meis­terkurse gab, ist der Meinung, dass die deutsche Chorszene ohne Frage exzellent ist, sie sich jedoch bei der Chorarbeit in anderen Ländern durchaus noch etwas abschauen könne: „Wir haben in Deutschland für Chorgesang das beste Repertoire der Welt. Aber die Chorarbeit hier ist oft ein bisschen zu ernst und dadurch ein bisschen langweilig. Die Proben sind oft sehr methodisch. Ich bringe meinen Chorsängern großes Vertrauen entgegen und damit erhalten die Sänger auch mehr Verantwortung für die Qualität des Klangs. Ich bringe Schwung und Energie mit in die Probe – und wenn deutsche Disziplin und Tradition auf diese Energie treffen, dann klingen die Chöre fantastisch!“ Die ersten derartigen Impulse haben schon vor der chor.com ihren Weg nach Deutschland gefunden, denn die möglichst spontane, flexible Chorarbeit war Gegenstand mehrerer Workshops. Zum ersten Mal gab es auf der Chorfachmesse Formate wie das Stand-up Composing, wo eigene Songs aus der Improvisation heraus entstehen.

Ob Laien, Chorleiter, Sänger aus den Bereichen Jazz, Pop oder Klassik, Musikverleger – die chor.com soll Raum für all diejenigen bieten, die in der Chormusikszene aktiv sind. Gelegenheit zum Austauschen gab es dafür nicht nur in den zahlreichen Workshops, sondern auch an den verschiedenen Ständen im sogenannten Forum im Congress Centrum Hannover, wo insgesamt mehr als 70 Aussteller Neuigkeiten des Marktes und aus der Praxis präsentierten.

Wie in vielen Bereichen hält auch in der Welt der Chormusik die Digitalisierung Einzug: Der Programmierer und Chorleiter Stefan Pollpeter entwickelte zur Vereinfachung der Chororganisation das System „Singste“. Chormitglieder können sich dort ein Profil anlegen, Proben zu- und absagen oder Zugang zu Noten erhalten.

Daneben spielte auch die Frage, wie möglichst viele Menschen für das Chorsingen motiviert werden können, eine große Rolle. Das Format 6K UNITED! beispielsweise, das sich im Forum der chor.com präsentierte, organisiert regelmäßig sehr erfolgreich Konzerte mit 6.000 Kindern in Städten deutschlandweit.

Die diesjährige chor.com zeigte, dass es sich in der Vokalmusikszene, vermutlich nicht zuletzt gerade durch das Zutun eben dieses Chorfestivals, um gut vernetzte Akteure handelt, die sich gegenseitig inspirieren, und es eine besonders vielseitige und vitale Szene ist. Hannover wird auch für die Ausgaben 2021 und 2023 wieder Standort der chor.com sein. Der Einstand in der niedersächsischen Landeshauptstadt: ein voller Erfolg.


Ein Gespräch, das nmz-Herausgeber Theo Geißler auf der chor.com mit dem Präsidenten des Deutschen Chorverbands Christian Wulff geführt hat, ist unter www.nmzmedia.de abrufbar.

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