Multiple Identitäten

Neue CDs neuer Musik, vorgestellt von Dirk Wieschollek


(nmz) -
Musik von und mit: Giorgio Netti, dem Finnish Baroque Orchestra und Stefan Prins.
Ein Artikel von Dirk Wieschollek

Eine „Erkundung ohne Zweck“, der es im besten Fall gelänge „das Ohr zu transzendieren“, wünschte sich Giorgio Netti hinsichtlich „necessità d’interrogare il cielo“ (1996/99) und das ist mehr als nur ein frommer Wunsch geblieben. Netti entwickelte diese abendfüllende Saxophonexpedition in vier größeren Stationen, benannt nach Sentenzen aus den Chaldäischen Orakeln, in enger Zusammenarbeit mit Marcus Weiss. Nun gibt es eine Neueinspielung von Patrick Stadler, die in ihrer Intimität und Konzentration vom ersten bis zum letzten Takt fesselt. Nettis mikroskopische Klangerkundungen beruhen auf intensiver Mikrophonierung diffiziler Spieltechniken, die sich erstaunlich fern experimenteller Abnutzungserscheinungen bewegen. Die Multiphonics, Flageoletts, schnarrenden Luftgeräusche und röhrenden Vibrationen schweifen als mehrstimmige Mischwesen in unbekannten Räumen umher, sind Saxophon und wieder kein Saxophon. Ob es allerdings irgendjemanden interessiert, ob dem Booklet-Autor beim Hören in der Badewanne ein Kopfhörer ins Wasser fällt oder er sich vor einem Konzert in Jaffa noch schnell den Sonnenbrand eincremt, sei dahingestellt. (Kairos)

Gerade Ensembles Alter Musik pflegen oft einen vergleichsweise entspann­ten Umgang mit zeitgenössischen Partituren. Das Finnish Baroque Orchestra vergibt regelmäßig Kompositionsaufträge und hat unter dem Titel „Helsinki Window“ seine zweite CD mit neuer Musik eingespielt. Neben den finnischen Komponisten Jukka Tiensuu und Perttu Haapanen mit ausgesprochen polystilistischen Stücken, die tänzerisch bis burlesk die raue Klanglichkeit der barocken Originalinstrumente auskos­ten, steht Sarah Nemtsov mit zwei Cembalokompositionen besonders im Fokus. „running, out of tune“ (2013) entwickelt aus den Reibungen zweier Cembali in temperierter und mitteltöniger Stimmung harmonisch und rhythmisch ganz ungewöhnliche Texturen. Vielleicht das Interessanteste, was man seit Ligetis „Continuum“ auf dem Cembalo gehört hat. Im Rahmen chaotischer Verdichtungsprozesse kollabiert die historische Oberfläche am Ende im lärmenden Einbruch diverser Tape-Sounds. Ein deutlich hybrideres Setup weist „beyond its simple space“ (2018) für Solo-Cembalo, Barockensemble, Elektronik und Klangobjekte auf. Angelehnt an ein Gedicht von Robert Creeley lässt Nemtsov eine Klangwirrnis wuchern, in der das Rohe und Undomestizierte ungehindert seinen Lauf nehmen darf. Am Ende dann diffuse Stimmen, Vögel, Geräusche, ein Fenster nach Draußen. (FiBO)

Eine großzügige Präsentation der Arbeit von Stefan Prins bietet Kairos unter dem Titel „Augmented“. Schon angesichts der rekordverdächtigen 280 Minuten Material auf CD und DVD eine bezeichnende Überschrift. Das „Augmentieren“ ist aber vor allem ästhetisches Prinzip von Stefan Prins, der in intermedialen Kompositionen an der Erweiterung, Vergrößerung, und gleichzeitigen Verunklarung der Materialfelder und Darstellungsebenen arbeitet. Das Visuelle ist dabei ebenso entscheidend wie das Akustische und so durchdringen sich „leibhaftiges“ Bühnengeschehen und „immaterielle“ Avatare in vielschichtigen Mischungen aus Instrumentalklang, Elektronik und Video-Projektionen. Die oft unauflösbare Gleichzeitigkeit von virtuell und real, technischer Affirmation und Technikkritik macht Prins’ Arbeiten besonders faszinierend. Die Intensität ihrer geräuschträchtigen Klangsphären – verstärkt, verzerrt, verpixelt, oft gnadenlos laut – wird vom Nadar Ensemble und Klangforum Wien hier konsequent ausgereizt. In „Generation Kill“ (2012) steuern vier externe Spieler die Geschicke der Instrumentalisten und deren vorproduzierten Doppelgängern wie an einer Play-Station. Die Irritation ist einkomponiert: was man sieht, ist nicht unbedingt deckungsgleich mit dem, was man hört. „Piano-Hero“ (2011–17) zerlegt den Solo-Virtuosen während vier MIDI-Keyboard-Stücken in seine Einzelteile. Die Auflösung einer einheitlichen Wahrnehmungsperspektive zugunsten multipler Identitäten vollzieht sich besonders komplex und eindrucksvoll im akustisch-visuellen Spiegelkabinett der „Mirror Box Extensions“ (2014/15). (Kairos) 

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