Musikerziehung am Rand des Abgrunds?

Ob die Ganztagsschule für Musik Chance oder Gefahr ist, entscheidet sich kulturpolitisch


(nmz) -
Die Ganztagsschule wird in den nächs-ten Jahren an Bedeutung gewinnen, da sie die Berufstätigkeit beider Eltern ermöglicht und somit ein wichtiger Beitrag zur Gleichstellung von Mann und Frau ist. In der Kulturpolitik geht man davon aus, dass sie bis zum Ende dieses Jahrzehnts die Regel sein wird. Doch was bedeutet dies für die Musik?
Ein Artikel von Franzpeter Messmer

Musikerziehung: Horrorszenarien

Viele Musiker haben Horrorszenarien vor Augen: Die Kinder und Jugendlichen können nur noch ihr Instrument üben, wenn sie müde am Abend nach Hause kommen. Freiberufliche Musikpädagogen, Musikschulen oder Musikinstitute können erst ab 17 Uhr, wenn die Schüler aus dem Ganztagsunterricht entlassen werden, mit ihrer Arbeit beginnen und treffen auf unkonzentrierte, ausgelaugte Kinder, von denen die wenigsten beim Erlernen eines anspruchsvollen Instruments längere Zeit durchhalten.  
Eine solche pessimistische Sicht ist nicht aus der Luft gegriffen. Die Realität, wie Ganztag heute praktiziert wird, drückt Musikunterricht oft an den Rand, nämlich an den Abend oder ins Wochenende. Gewiss, es gibt wunderbare Projekte, Musiktheater-aufführungen oder Schulbands und manches mehr. Doch das ist die Ausnahme, und vor allem geht es an dem vorbei, was Musikerziehung im Kern ausmacht: individuelles Lernen und regelmäßiges Training.

Vor- und Nachteile eines offenen Systems

Der Ganztagsunterricht wird in der Regel nicht von den Schulen allein realisiert, sondern mit Kooperationspartnern. Jede Schule ist frei, ihn nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Dabei werden die Schulen von der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ unterstützt. Im Bereich der Musik fördert in Bayern die „Bayerische Landeskoordinierungsstelle Musik“ die Vernetzung von Schulen und Musik. In Baden Württemberg haben 40 Verbände, darunter auch der dortige Tonkünstlerverband, die „Kooperationsoffensive Ganztagsschule“ vereinbart, die es den Verbänden ermöglicht, mit den Schulen zusammenzuarbeiten. Es gibt also viele positive Ansätze und sehr viel, vor allem auch ehrenamtliches Engagement.
Ein solches offenes System hat Vorteile, da es flexibel ist und zum Beispiel auch außerschulische Bildungsanbieter einbezieht. Aber andererseits zerfällt auf diese Weise der Ganztagsunterricht in einen unüberschaubaren Fleckenteppich, gibt es keine einheitliche Konzeption und keine allgemein gültigen Qualitätsstandards. Deshalb besteht die Gefahr, dass der bequemste und preisgünstigste Weg gewählt wird.  
Gerne wird gesagt, dass dieses offene System bevorzugt wurde, um den einzelnen Schulen mehr Gestaltungsfreiräume zu geben. Doch verschwiegen wird, dass die Kultusministerien der Länder dadurch auch Geld sparen für angemessen bezahlte, ausgebildete Pädagogen. Weil zu wenig oder im Grunde fast keine Finanzmittel für Lehrkräfte, für Koordinationslehrer, für Tutoren zur Verfügung gestellt werden, gehört zur Realität des Ganztags heute, dass Musikpädagogen, wenn sie dort Projekte machen wollen, häufig unterbezahlt sind, und oft auch Musikliebhaber Musikunterricht erteilen. Oft liegen solche Angebote für ambitionierte Musikschüler weit unter ihrem Können, so dass sie sich langweilen und lieber einen anderen Kurs wählen.

Perspektivwechsel: Sicht von Eltern und Jugendlichen

Berufstätige Eltern wollen, dass ihre Kinder am Nachmittag verlässlich beaufsichtigt sind, ihr Mittagessen erhalten, aber vor allem auch sinnvoll beschäftigt werden. Dazu gehört auch Musikunterricht. Das zeigen die langen Wartelisten für Musikunterricht in Großstädten.  
Die Begründungen für den Ganztag erfolgen zumeist aus der Sicht der Erwachsenen und zu deren Wohl, nämlich dass beide Eltern berufstätig sein können, was in vielen Fällen zur Erreichung materiellen Wohlstands notwendig ist, aber oft auch mit Selbstverwirklichung zu tun hat. Aber wer denkt an die Kinder? Fühlen sie sich durch den Ganztagsunterricht nicht ihrer Freiheit und ihrer individuellen Entwicklungsmöglichkeiten beraubt? Wer zum Beispiel musikalisch hoch begabt ist, empfindet es als Einengung, wenn er den ganzen Nachmittag mit wohlgemeinten Kursen beschäftigt wird, obwohl er lieber auf seinem Instrument spielen würde. Bei vielen jungen Menschen, die nicht ganz so willensstark sind, am Abend nach der Schule ihr Musikinstrument zu üben, wenn andere am Computer spielen, können so Begabungen abgewürgt werden. Manche Kinder, die mehr Ruhe und Alleinsein benötigen, etwa auch, um ihre musische Kreativität zu entwickeln, können durch einen achtstündigen Schultag in einer oft lautstarken Klasse psychische Schäden erleiden.

Verwahrung oder aktive Förderung?

Noch ist der Ganztagsunterricht nicht die Regel, noch wird er nicht flächendeckend angeboten. Deshalb sind die Kollateralschäden des Ganztagsunterrichts, wie er gegenwärtig Realität ist, nicht so spürbar. Jetzt ist es auch noch möglich, aus dem Ganztagsunterricht eine Erfolgsgeschichte zu machen. Allerdings müsste dann ein Umdenken stattfinden, das die individuelle Entwicklung und Förderung von Kindern und Jugendlichen in den Vordergrund stellt. Dass dies etwas kostet, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Die Erziehungsarbeit, die bisher von den nicht berufstätigen Eltern am Nachmittag geleistet wurde, kann nicht quasi zum „Nulltarif“ oder mit Billigprogrammen im Ganztagsunterricht geleistet werden. Sie zu unterlassen, wäre allerdings eine der schlimmsten und verantwortungslosesten Hypotheken auf Kosten der nachfolgenden Generationen.

Musikalische Breitenförderung

Musik, das zeigt sich in den Untersuchungen maßgebender Gehirnforscher, hat eine ganz besondere Bedeutung für die Heranbildung junger Menschen. Musikunterricht fördert nicht nur die spezielle Begabung, sondern ebenso Motorik, den Umgang mit Emotionen im Gleichgewicht mit kognitivem Verstehen. Gemeinsames Musizieren ist der beste Weg, um Menschen zusammenzuführen, ob sie nun aus weit entfernten sozialen Schichten oder anderen Ländern und Kulturen stammen. Der Ganztagsunterricht bietet die Chance, wieder mehr Zeit für Musik einzuräumen, nachdem in den letzten Jahrzehnten dieses Fach immer mehr zurückgedrängt wurde. Nach dem Beispiel Venezuelas sollte es in einem vergleichsweise reichen Land wie Deutschland auch möglich sein, dass jedes Kind auf einem Musikinstrument spielen lernt. Streicher- oder Schlagzeugklassen und dergleichen sind ein Weg dazu. Das Erlernen eines Musikinstruments motiviert, belohnt beharrliches, zielgerichtetes Training mit dem Erfolg und der Freude, gemeinsam musizieren zu können. Jede Schule mit Ganztagsunterricht sollte mindestens ein Projekt zur musikalischen Breitenförderung anbieten und hierzu muss es von Seiten des Staates zusätzliche Finanzmittel geben. Damit würde eine wichtige Chance des Ganztagsunterrichts genutzt.

Raum für individuelle Entfaltung

Um begabte Jugendliche – auf welchem Gebiet auch immer – im Ganztagsunterricht zu fördern, muss eine individuelle Entwicklung möglich sein. Bisher konnten Jugendliche am Nachmittag ihren Begabungen nachgehen. Im Ganztagsunterricht müssen sie in der Schule sein. Auf Privatschulen und in musischen Gymnasien findet eine individuelle Förderung statt. Doch auch Jugendliche, die nicht in der Nähe eines musischen Gymnasiums leben, müssen weiterhin die Möglichkeit einer individuellen Ausbildung haben. Wenn in letzter Konsequenz der Ganztagsunterricht an jedem Tag der Woche Pflicht ist – und das ist notwendig, damit die Eltern ihrem Beruf nachgehen können –, dann müssen musikalisch begabte Jugendliche, wenn sie aus Versicherungsgründen den Schulbereich nicht verlassen dürfen, von den Instrumental- oder Gesangslehrern in der Schule unterrichtet werden, die sie bevorzugen, und sie müssen auf der Schule auch geeignete Räume zum Üben ihres Instruments haben. Das erfordert eine Kooperation mit freiberuflichen Musikpädagogen, Musikschulen oder privaten Musikinstituten. Modelle, die dies finanziell zwischen der Schule, den Eltern und den Musikpädagogen regeln, müssen entwickelt werden. Auch muss es Qualitätsstandards für Musikunterricht geben, wie sie zum Beispiel im Qualitätszertifikat des Verbandes Bayerischer Sing- und Musikschulen, des Tonkünstlerverbandes Bayern und des Bayerischen Staatsministeriums für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Forschung festgelegt wurden.
Der Ganztagsunterricht ist ein Paradigmenwechsel in der Erziehung. Damit seine Einführung nicht ebenso desaströs wie die des G8 verläuft, müssen alle, Gesellschaft, Staat, Schulen, Eltern und Verbände gemeinsam verantwortlich handeln. Der Ganztagsunterricht muss kein Alptraum für die Musik sein. Wenn seine Chancen genutzt werden, kann er auch eine Erfolgsgeschichte werden.

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