Niemals Trott und immer zugetan!

nmz und JMD – Spotlights auf eine Arbeitsbeziehung


(nmz) -
An dieser Stelle unserer Artikelserie zum 70. Jubiläum, die auch dem gleichzeitigen Gründungsjubiläum dieser Zeitung gewidmet ist, soll in beispielhaften Spotlights in den Blick genommen werden, wie Öffentlichkeitsarbeit und Musikjournalismus, Verbandskommunikation und Verlagspublikationen im Gegenhalten der unterschiedlichen Professionen und als synergetisches Miteinander der gemeinsamen Sache dienen. Und da es Menschen sind, die hier zusammenarbeiten und die einander mögen, kann dies nicht ohne eine persönliche Einfärbung geschehen. Im Folgenden eine kleine subjektive Auswahl.

Inhaltlicher Anspruch inmitten des Kommerz

Musikzeitung, Musikverband … da ist die Musikmesse der natürliche „Markt“ für Geschäfte und Beziehungspflege. Jeder, der in ihren erfolgreichsten Zeiten einmal die Musikmesse in Frankfurt besucht hat, weiß aus eigenem Erleben, dass das internationale Musikbusiness wahrlich big ist und, emotional vereinfacht gesagt, dominiert zu mindestens 80 Prozent von „Popmusik“ und Veranstaltungstechnik für den dreistelligen Dezibelbereich. Dann kommen, genre-übergreifend, Instrumentenbau-Unternehmen aus aller Welt und Asien und erst, wenn es in den Hallen merklich stiller wird, die Musikverlage. Da braucht es den Optimismus und die Entschlossenheit eines ConBrio-Verlags, in persona Theo Geißler, auch den Musikverbänden in Deutschland Gehör zu verschaffen und inmitten des Kommerz ein anspruchsvolles journalistisches Programm aufzusetzen und zu präsentieren. So geschehen durch die Realisierung eines Gemeinschaftsstandes, zunächst in Zusammenarbeit mit der GEMA, später mit dem Deutschen Musikrat. Auch die JMD hat die Chance genutzt, laut zu geben. In der Rückschau lassen sich an einigen Beispielen zwei signifikante thematische Verbindungslinien von JMD und ConBrio/nmz ausmachen:

1. Neue Musik. Benjamin Schweitzer stellte 2010 auf dem Themen-Panel die JMD-Kompositionsworkshops und die Kompositionswerkstatt Schloss Weikersheim vor, aus eigener Erfahrung als Teilnehmer und später Dozent des Bundeswettbewerbs Jugend komponiert. Für die Präsentation des Bands „Musik erfinden – Komponieren mit Schülern“, Dokumentation des ersten gleichnamigen JMD-Symposiums zur Kompositionspädagogik, versammelte die nmz ebenfalls 2010 Komponisten, Pädagogen und Hochschulprofessoren zu einer Talkrunde am Stand. Auch die Reihe der damals neu gestarteten „Weikersheimer Gespräche zur Kompositionspädgogik“ wurde 2012 in einem Interview von Juan Martin Koch mit den beiden Initiatoren Philipp Vandré  und  Matthias Schlothfeldt vorgestellt.

2. Junges Engagement: Als Vertreter der JMD-Jugendinitiative mu:v-Musik präsentierten Cornelius Wünsch und Gertrud Decker 2010 erste Pläne für ein neuartiges „Kurs“-Format – heute, nach fünf überaus erfolgreichen „Editionen“, ist das mu:v-Camp Bestandteil des JMD-Kursprogramms. 2012 trafen unter dem Motto „Wir machen das selbst“ – Junges Kulturengagement“ mu:v-ler auf Vertreter unter anderem des ebenfalls erst drei Jahre zuvor gegründeten Esslinger Podium-Festivals. 2015 interviewte Barbara Haack Orchesterleiter Alexander Adiarte und drei Mitglieder des Jugendsinfonie­orchesters Stuttgart zu ihrer Teilnahme am Deutschen Jugendorchesterpreis der JMD. Mehr als ein für sie schier unglaubliches, motivierendes Erlebnis sind diese Auftritte engagierter Jugendlicher auf der weltgrößten Musikmesse ein klares Statement, dass ihre Ideen und Vorstellungen im großen Spiel der Musikmächte ihren Platz  und Relevanz haben: Um sie sollte sich der Markt drehen.

Platz für junges Engagement

Die nmz-Redaktion für mehrere Tage ehrenamtlich im Einsatz und mit Andreas Kolb, Ursula Gaisa, Barbara Haack und Theo Geißler vor Ort in Weikersheim – dieses enorme finanzielle und idealistische Engagement gilt der mu:v-Initiative der JMD. Beim ersten mu:v-Camp 2010 und seitdem alle zwei Jahre wieder, bietet die nmz einen Musikjournalismus-Kurs an, in dem junge Menschen zwischen 16 und 24 Jahren intensiv das Schreiben über Musik in unterschiedlichen journalistischen Textsorten üben können – nicht für die private Kladde, sondern wie im Feedback zum Kurs wiederholt staunend festgehalten wurde, „für echte Zeitungen“. Die anleitenden nmz-Redakteure*innen vermitteln musikjournalistisches Fachwissen, vor allem aber erklären sie die Teilnehmenden sofort zu Kolleginnen und Kollegen, um dann gemeinsam zu arbeiten. Die konkreten Ergebnisse sind eine eigene Camp-Zeitung, ein ganzseitiger Bericht in der nmz, Konzertbesprechungen in der regionalen Presse und auch die Social Media-Kanäle werden bedient. Die nmz-Redaktion schreibt sich damit ins Archiv der JMD ein. Umgekehrt führen junge Jeunessler in der nmz das Wort. Denn deren Herausgeber meinen es ernst mit dem Engagement für den Nachwuchs und „machen Platz“: In der September-Ausgabe 2010 schrieben die Kursteilnehmerinnen Mechthild Schlumberger und Sophie Wasserscheidt den Leitartikel. Unter der Überschrift „Sich stark machen für die kulturelle Sache“, fragten sie kritisch in Richtung der im Blatt repräsentierten Institutionen einschließlich JMD: „Was müssen Kulturverbände tun, um für junge Leute attraktiv zu sein?“ Einige der ehemaligen Teilnehmer haben mittlerweile von sich reden gemacht, etwa Philipp Krechlak, der 2014 teilgenommen hatte, gemeinsam mit weiteren jungen Mitstreitern den Blog „Musik – mit allem und viel scharf“ produziert und ins JMD-Präsidium gewählt wurde. Mittlerweile hat er am Mannheimer Nationaltheater die Position des Orchesterdirektors übernommen.

„Die Initiative mu:v-Musik verbindet! fordert, dass das musikalische Engagement der Jugendlichen auch von Politik und Medien unterstützt wird …“ –  eine auf der JMD-Mitgliederversammlung vorgetragene Resolution wurde von der nmz-Redaktion ernst genommen. Prompt nach deren Proklamation bekamen die jungen Jeunessesler eine Interview-Anfrage für die sonst Geschäftsführer*innen oder Vorsitzende vorbehaltenen Titelseite des Verbändeteils. nmz-Redakteurin Ursula Gaisa fragte die vier Jeunesses-Mitglieder Martha Vogel, Toni Rack, Florian Bosse, Julia Sinnhöfer, damals alle im Studentenalter, wie revolutionär die formulierte Resolution gemeint sei. Antwort: die muv:ler stören sich daran, dass scheinbar unüberbrückbare Gräben zwischen den Musikrichtungen verlaufen. Acht Monate später ist nachzulesen, dass sie mit dem mu:v-Camp selbst ein Format kreiert haben, in dem dies ganz anders ist. Mit einer geistigen Haltung, die von Neugier und Lust an Neuem geprägt ist, und mit sicherem „Riecher“ für vielversprechende Initiativen war und ist die nmz der musikalischen Jugend immer in besonderer Weise zugetan. Umgekehrt hat auch die JMD das Gefühl, mit ihrem Verständnis von „Musik“ bei der nmz „richtig zu sein“. Sie schaffte 2004 sogar ihr eigenes Magazin ab, weil sie die nmz als bestmögliche Plattform und inhaltliche Umgebung für ihre Mitteilungen hält.

Nachhaltige Impulse im Musikleben

Seit seiner Gründung 1993 ist ConBrio der Fachverlag, in dem konsequent die Themen der nmz aufgegriffen werden. So ist er für die JMD quasi der „natürliche“ Partner, wenn es um eine Buchveröffentlichung geht. Kurse, Konzerte, Camps … – bei der JMD stehen Musizieren und das Musikerlebnis im Mittelpunkt, hier hat sie ihre Expertise. Doch manche Projekte haben das Potenzial, und es geht so ein starker Impuls von ihnen aus, dass er das Musikleben zu ändern vermag. Von solchen Ausnahmeprojekten und übertragbaren Erfolgsmodellen sollten immer möglichst Viele profitieren. Bei der JMD entstand dieser Wunsch, eine Initiative zu dokumentieren und in Buchform für eine breitere interessierte Öffentlichkeit verfügbar zu machen bei der erstmaligen Durchführung ihres Deutschen Jugendorches­terpreis 1996/1997. Nicht nur im Präsidium gab es das untrüglich sichere Gefühl, dass hier etwas Großes gelungen war, das Bestand haben sollte und würde. Den Mut zu einer Buchpublikation konnte man fassen, weil mit der damaligen Vizepräsidentin Barbara Haack auch das notwendige bes­te Know-how in den eigenen Reihen vorhanden war. Das erste JMD-Buchprojekt im ConBrio-Verlag konnte realisiert und „besonders gute Ideen aus der Schatzkiste“ des Wettbewerbs gesichert werden, wie es im Klappentext des 1997 erschienenen Bands „Richtiger Einsatz – Gute Stimmung“ heißt. Darin ist unter anderem eine umfangreiche Sammlung zahlreicher Best Practice-Beispiele von Jugendorches­tern aus ganz Deutschland enthalten. Kann ein „Kissen-Konzert“, bei dem es sich junge Zuhörer auf dem Boden gemütlich machen, tatsächlich preiswürdig sein? Das Konzertformat des Hamburger Jugendorchesters war damals auch innerhalb der JMD durchaus umstritten. Zwei Jahrzehnte später, wo jedes Profiorchester ein eigenes Education-Programm unterhält und Konzerte längst nicht mehr nur in Sälen, sondern in Fabrikhallen oder Treppenhäusern stattfinden, eine kaum mehr vorstellbare Diskussion. Doch der originelle Wettbewerbsgedanke, dass es keine „Sieger“, sondern „Gewinner“ gibt, funktioniert auch heute noch. Seit dieser ersten Publikation wurden folgende weitere JMD-Titel als Teil des ConBrio-Verlagsprogramms veröffentlicht: Mitmachen heißt gewinnen. Jugendorchesterpreis, 2000; Spielräume Musikvermittlung. Konzerte für Kinder entwickeln, gestalten, erleben, 2002; Komponieren mit Schülern, Konzepte Förderung, Ausbildung, 2011; muvDEINprojekt – Unterstützung für junge Musikprojekte, 2014; Musik erfinden – Symposium zur Kompositionspädagogik, 2017; und zuletzt die Weikersheimer Gespräche zur Kompositionspädagogik, 2019.

nmz und JMD. Befreundet und verbandelt. Deshalb darf als sicher unterstellt werden, dass wie in den vergangenen Jahren die mu:v-Initiative auch andere junge JMD-Repräsentanten in der nmz ein Forum finden werden, etwa die JM-Botschafter im Jugendorchester, die sich aktuell „auf den Weg“ machen. Mit der nmzAkademie geht im Jubiläumsjahr auch ein hoch attraktives gemeinsames Projekt an den Start (siehe Seite 18). Doch bei aller Nähe gilt: In ihrer konsequenten professionellen Distanziertheit und Unbestechlichkeit haben beide aneinander ein Gegenüber. Dies ist Grund und Voraussetzung für eine lange glückliche Partnerschaft. Mit ihrem Investment in die Zukunft der musikalischen Jugend führt die nmz das Vermächtnis eines Mannes weiter, der zugleich ein JMD-Mitglied der ersten Stunde war. Im Unternehmens-Porträt des ConBrio-Verlags ist zu lesen: „Musikverleger Bernhard Bosse aus Regensburg machte es sich damals (1951) zur Aufgabe, einen unverbrauchten, unabhängigen und kritischen Musikjournalismus zu etablieren, der sich neuen und innovativen Strömungen in der Musik ebenso widmete wie kulturpolitischen Fragestellungen, der musikalische Bildung als Menschenrecht und -pflicht deklarierte und dafür einstand. Diese Ausrichtung zeichnet die Zeitung bis heute aus.“ 

 

 

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