öffentlich-rechtlich

Nachschlag


(nmz) -
Während sich der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann in Fragen Fusion der SWR Sinfonieorchester gegenüber der neuen musikzeitung diskret gab und seine Staatsministerin Silke Krebs in ihrem Brief an die nmz darauf verweisen ließ, dass sich die Politik nicht in den staatsfernen Rundfunk einmischen könne (vgl. nmz Juli/August 2013), geht es in Bayern deutlich robuster zu:
Ein Artikel von Andreas Kolb, Gerhard Rohde

 BR-Klassik

Kurz vor der geplanten Sitzung des BR-Rundfunkrats am 22. Mai, auf der auch über die UKW-Welle von BR-Klassik entschieden werden sollte, rief die bayerische Wirtschafts- und Medienministerin Ilse Aigner (CSU) den Bayerischen Rundfunk dazu auf, die Entscheidung über eine Jugendwelle auf UKW nicht zu übereilen. „Es gibt noch Diskussionsbedarf“, teilte Aigner  in München mit. „Ich schlage deshalb vor, bei der Entscheidung nicht aufs Tempo zu drücken, so dass noch Zeit bleibt, in Ruhe die Bedenken aller Beteiligten anzuhören.“ Mit Sorge sehe sie, „dass hier unnötige Härten in die Diskussion getragen und Gräben aufgerissen werden“, erklärte Aigner. „Wir müssen auch die Sorgen privater Rundfunkbetreiber ernst nehmen.“ Auch die Junge Union Bayern sprach sich laut dpa gegen einen Wellentausch aus: Der Plan gefährde die Vielfalt der Sender im regionalen Bereich und könne zu einem Sterben von Privatradios führen.

Was letztlich der Beweggrund war – das Lobbying privater Rundfunkbetreiber, die über 50.000 Proteststimmen der Petition des Bayerischen Musikrates „BR-Klassik muss bleiben“ oder eine erneute funkinterne Meinungsbildung –, darüber kann man nur spekulieren. Fakt ist, der Bayerische Rundfunk (BR) verschiebt seinen Beschluss über eine Jugendwelle auf UKW auf den 10. Juli. „Bis dahin wird es weiter vertiefende Gespräche mit allen Beteiligten geben“, teilte ein BR-Sprecher mit. Ein Silberstreif am Horizont nicht nur für die Privatfunker, sondern auch für all diejenigen, die nicht auf drei Wellen (Bayern 1, Bayern 3 und möglicherweise „Puls“ statt BR-Klassik) mit einem zum Verwechseln ähnlichen Mix aus Unterhaltungsmusik abgespeist werden wollen, sondern die klassische und neue Musik zum Kultur- und Bildungssauftrag eines gebührenfinanzierten Senders zählen.

Westdeutscher Rundfunk

Beinahe schon in der Höhe einer Petition bewegten sich die Zugriffe auf den nmz-Online Artikel „WDR 3 kündigt Moderatorin Christine Lemke-Matwey die Zusammenarbeit auf“. Dass die Musikpublizistin Christine Lemke-Matwey, die seit zwölf Jahren gemeinsam mit anderen Kollegen das WDR 3 Klassik Forum moderiert, wegen eines ARD-kritischen Textes in der Wochenzeitung „Die Zeit“ der Stuhl vor die Tür gesetzt wurde, bewegte viele Menschen.

In ihrer Eigenschaft  als „Zeit“-Redakteurin hatte Lemke-Matwey am 29. April 2014 den Kommentar „Ohne Mozart? Reformen, Fusionen, Frequenzen: Die öffentlich-rechtlichen Radiomacher verspielen die Zukunft der klassischen Musik“ veröffentlicht, in dem sie Überlegungen zur Klassikferne der derzeitigen Generation von Radiomachern anstellte: „Die Intendanten der ARD  entstammen allesamt der ersten Generation der Nach-68er und haben von den einstigen Weltverbesserern vor allem das militante Desinteresse an der Hochkultur geerbt. Mit Bob Dylan lässt sich noch Staat machen (…) – mit Mozart geht das nicht mehr.“

Auf Nachfrage beim WDR erhielt die nmz-Redaktion folgendes Statement zu den Vorgängen um Christine Lemke-Matwey:

„Gerade in 2014 sind wir besonders aktiv in der klassischen Musik.(…) Die Kultur gehört zur DNA des WDR. (…)
Vor diesem Hintergrund sind wir sehr verblüfft über die Vorwürfe. Für die grobe Behauptung der Autorin, der öffentlich-rechtliche Rundfunk verspiele die Zukunft der Klassik, wird den Leserinnen und Lesern nicht ein einziger Beleg vorgelegt. Oben genannte Beispiele finden nicht statt. Stattdessen zeichnet die Autorin ein Zerrbild, übrigens ohne den entsprechenden Stellen im eigenen Sender die Chance für eine Reaktion zu lassen. Das entspricht nicht unseren Standards, was journalis-tische Qualität und faire Zusammenarbeit angeht.“

Eine Revision der WDR-Entscheidung steht derzeit nicht zur Diskussion. Bis sich Christine Lemke-Matwey wieder zu Wort meldet, empfiehlt sich daher das Quellenstudium, also die Lektüre ihres „Zeit“-Artikels, um sich selbst eine Meinung über freie Meinungsäußerung als freier WDR-Mitarbeiter zu bilden.

Andreas Kolb

 SWR-Orchesterfusion

Die Proteste gegen die geplante Fusion der beiden SWR-Rundfunksinfonieorchester in Baden-Baden/Freiburg sowie in Stuttgart nehmen kein Ende. Vor allem im badischen Landesteil, der von der Auflösung und Verlegung seines Orchesters besonders betroffen wäre, regt sich immer stärkerer Widerstand, auch von politischer Seite. Nach einer Initiativgruppe von 40 Landtags- und Bundestagsabgeordneten sowie  dem Kunst-und Wissenschaftsausschuss des Landtages hat sich jetzt auch die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Landtag, Edith Sitzmann, in einem Offenen Brief an den SWR-Intendanten Peter Boudgoust gewandt, in dem sie einen runden Tisch aller Beteiligten vorschlägt, um alternative Lösungen anstelle der Fusion zu finden. Sie steht mit ihrer Forderung allerdings im Gegensatz zur Grünen Staatssekretärin Silke Krebs, die an der Fusionierung festhält,  es sei denn, man fände privates Kapital zur Finanzierung beider Orchester. Frau Krebs hat in der Causa allerdings schon manchen Unsinn geäußert.

In der Zwischenzeit war der „Orchesterretter“ Friedrich Schoch von den „Freunden des Orchesters“ in Freiburg unermüdlich tätig, um eine entsprechende, tragfähige Finanzierung für das SO Baden-Baden/Freiburg zu finden. Schoch ist optimistisch, hätte aber gerne mehr Zeit, um ein Modell zu organisieren. Die SWR-Intendanz wäre gut beraten, wenn sie die Fusionspläne entsprechend hinausschieben würde. Sie hat schon jetzt etliche Schwierigkeiten, mit den Orchestermusikern, mit  den protestierenden Bürgern und Politikern. Es dringt vieles nach draußen. Man möchte Peter Boudgoust einen guten Rat geben: Er würde sein Gesicht nicht verlieren, wenn er alles absagte, um in Ruhe mit allen Betroffenen noch einmal von vorn zu beginnen. Ohne den Unfug, den ihm eine Beraterfirma für viel Geld aufgeschrieben hatte, noch weiter zu beachten, soweit es die Orchester betrifft. Oder ängstlich nach Mainz zu schielen und auf die dortigen Rundfunkräte. Das wäre Größe und sogar der Bewunderung wert. Und die ARD hätte wieder einen Intendanten von Format.

Und noch etwas, was in den ewigen Diskussionen und Streitereien schon  untergegangen ist: Der SWR hat zwei hervorragende, sehr individuelle Sinfonieorchester, mit großer Tradition und einem hervorragenden, auch internationalen Ruf. In diesen Orchestern sitzen hochqualifizierte Musiker, sensible Künstler, die wunderbar spielen können. Was muss in diesen Künstlermenschen vorgehen, wenn sie erkennen müssen, wie man sie behandelt – als verschiebbare Masse, erst gestapelt und dann abgeschmolzen. Das ist ganz einfach unwürdig, ja menschenverachtend. Auch deshalb sollte Peter Boudgoust die Fusionspläne erst einmal aussetzen, am besten ganz aufgeben.

Gerhard Rohde

Dossier: 
SWR-Orchesterfusion

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