Physisches für das Sammlerherz

Tonträger-Bilanz 2019 von Sven Ferchow


(nmz) -
Der persönliche Jahresrückblick der nmz-Phonokritiker. Mit 2019 verlassen wir ein durchschnittliches Jahr der Pop- und Rockmusik. Viele Veröffentlichungen, wenig Bleibendes.
Ein Artikel von Sven Ferchow

Vier besondere Alben seien dennoch erwähnt: Gegen Ende des Jahres überraschte Alice Merton mit ihrem Album „Mint +4“. Weniger überraschend war dabei, dass Künstlerin und Album aus Deutschland kommen. Vielmehr erfrischte diese lakonisch-seriöse Art, sich an Musik zu wagen, die einerseits viel Inneres der Künstlerin nach außen spült und andererseits sich nicht schämt, zeitgemäßer Musik zu frönen. Hymnische Refrains folgen wunderbar barmenden Strophen. So gesehen ist „Mint +4“ das klassische Studentenalbum. Durchaus auf Uni-Feten als Stimmungskanone taugend, durchaus aber auch als Soundtrack der verflossen Uni-Liebe brauchbar. Wer Alice Merton hört, geht nicht zwangsweise als Spießer durch. (Paper Plane Records)

Die Wiener Band Wanda ist für ihr neues Album „Ciao!“ einfach nur zu loben. Das mag eventuell vielleicht gerade „mega-in“ sein, die Wiener zu loben. Aber wer sich so grandios selbst zitiert (vor allem textlich) und wer sich so verspielt zwischen Disco-Pop, Italo- Rock und den Beatles durchmogelt – das ist aller Ehren wert. Nach wie vor trägt Sänger Michael Marco Fitzthum einen Großteil dieser Weitsicht. Aber wer unser tägliches Scheitern zusammen mit den kleinen Lichtblicken des Lebens in so wunderbar schonungslose Poesie packt und das mit Freunden seiner Wahl (auch Band genannt) musikalisch so spitzfindig umsetzt, der oder die muss man einfach hervorheben. Um einem ihrer neuen Titel gerecht zu werden: Wanda sind die „Swing Shit Slide Show“ der kommenden 20er-Jahre. (Wandamusik/Universal)

Unwiderstehlich aber leider oft unbeachtet (trotz sechsfacher Grammy- Auszeichnung) stellen die US-Amerikaner The Black Keys ihr nächstes Album „Let’s rock“ vor. Wie stets hat die Zweimannband mit Sänger & Gitarristen Dan Auerbach sowie Schlagzeuger Pat­rick Carney das Unorthodoxe mit im Gepäck. Dieses Mal klingt das Album wie durch eine Betonmischmaschine gerührt. Aber am Ende steht diese verlässliche Konstante des Bluesrock, der direkt aus dem Betonmischer gebrüllt wird, dessen Rhythmus Presslufthammer-artig wirkt und dessen Harmonien kitzeln, jucken und beißen. Es bleibt nur zu hoffen, dass sich mehr Menschen mit The Black Keys beschäftigen. (Nonesuch)

Ähnlich unerkannt wie The Black Keys bleibt leider oft der für seinen Song „Falling Slowly“ Oscar-prämierte irische Sänger & Songwriter Glen Hansard. „This Wild Willing“ ist nicht nur sein neues Album, sondern ebenso eine Bestandsaufnahme seiner doch eher einsamen Songwriter-Seele geworden: Wieviel Kontrolle kann ich abgeben, wenn zahlreiche Musiker an meinen Ideen arbeiten, wenn deren Ideen zu meinen Songs werden und wenn am Ende orchestrale Töne meine Grundidee aus Gitarre und Stimme übertönen? Nun. Hansard meistert diese für ihn existentiellen Fragen fabelhaft. Mit musikalischer Zerbrechlichkeit kontert er die fragilen Fragen und füttert uns mit brüchigen Melodien, die eben nur er entwerfen kann. Das ist bleibend. (Plateau Records)

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