Solides Handwerk für den Herbst

Neuerscheinungen der Popindustrie, vorgestellt von Sven Ferchow


(nmz) -
Platten von Alanis Morissette, Bush, Rival Consoles, Deep Purple und Biffy Clyro.
Ein Artikel von Sven Ferchow

Schon lange begeistern die schottischen Alternative Rocker von Biffy Clyro mit unerwarteten Songexperimenten. Im Grunde Rockmusik, die sich immer wieder ihre Auszeiten nimmt. So geht es auf dem aktuellen Album „A Celebration of Endings“ weiter. Viele Songs beginnen wie epochale Progrock-Stücke, verwandeln sich aber in popartige Rocksongs, die hier und da harmonisch nach Queen klingen, dort und da Richtung Emo-Rock kippen und irgendwie zwischen kantig und zuckersüß schwanken. Um ehrlich zu sein, ist das teilweise sehr herausfordernd. Als Zuhörer. Jedes Mal, wenn man sich in Sicherheit vermutet, kommt der nächste Richtungswechsel nach dem Motto „und jetzt zu etwas völlig Anderem“. Allerdings beherrschen Biffy Clyro diesen Tapetenwechsel sehr gut. Sänger Simon Neil hält diese Vision gut zusammen. Dennoch waren Biffy Clyro vom Thema Rockmusik nie weiter weg als mit „A Celebration of Endings“. Ein mutiges, aber schwieriges Album. (Warner)

Man kann sich die einleitenden Lobesbekundungen für Deep Purple an dieser Stelle sparen. Das aktuelle Album „Whoosh!“ gilt es zu behören. Und es ist selbst für spärliche Deep Purple-Fans /-Hörer empfehlenswert. Das Klischee vom „frischen Klang“ war nie zutreffender als hier. Song um Song groovt sich whoosh!“ in den Kopf. Das Schöne: Deep Purple müssen sich nicht neu erfinden. Die dreizehn Songs passen in die 2020er- wie in die 1970er-Jahre. Man kann ihnen einen gewissen Coolness-Faktor nicht verweigern, hört man Songs wie „We’re all the same in the dark“, „The power of the moon“ oder „Step by step“. Für die Hardcore-Fans sicher ein Klassiker-Album, für Noch-nicht-Fans eine gute Mitfahrgelegenheit. (Earmusic)

Aus der elektronischen Ecke kommt das Album „Articulation“ von Rival Consoles. Gespickt mit unzähligen Frickeleien, Brizzeln und Bruzzeln ist das Album mit seinen sechs Songs dennoch verdammt gut. Jederzeit hat man das Gefühl einen Song zu hören und keine aneinander geklebten Loops aus dem Sound-Werkzeugkasten diverser Softwareanbieter. Rival Consoles bauen dramatische Spannungsbögen auf, lassen Kopfkino zu und tragen zur mentalen Entspannung bei. Wenn schon elektronisch, dann bitte so. (Indigo)
Fast könnte man meinen, die Besprechung der neuen Taylor Swift Platte „Folklore“ wäre an dieser Stelle ein Druckfehler. Ist es nicht. Man mag Taylor Swift einiges vorwerfen, aber: Musikmachen kann sie. Freilich hören wir teils poptaugliche Süßwaren, allerdings auch große Songwritersongs wie „Exile“ im Duett mit Bon Iver, das ironisch-traurig angehauchte Zuckerstück „The last great american dynasty“ oder ein unfassbar getragenes „Seven“, das von großen Momenten lebt. Taylor Swift hat sich mit „Folklore“ nahezu vom Pop befreit. Bitte mutig zugreifen. (Republic)

Wer Alanis Morissette und ihr Album „Jagged little pill“ (1995) nicht kennt, dem ist heute auch nicht mehr zu helfen. Acht Jahre nach ihrem letzten Album kommt nun „Such pretty forks in the road“. Wie klingt es? Absolut nach Alanis Morissette. Aber nicht mehr ganz so lakonisch-egal. Die Songs wirken oft zurecht gemacht, könnten gerne staubiger tönen. Ab und an drängt sich die Vermutung auf, Alanis Morissette würde gerne beweisen, dass ihre Stimme immer noch viel kann, nach all den Jahren. Hätte nicht sein müssen, vielleicht leiden darunter ein paar Songs in ihrem Flow, in ihrem Anspruch. Letztendlich ein kaufbares Album mit einigen dramatischen Alanis Morissette-Momenten, die man gut vertragen kann. (RCA)

20 Millionen verkaufte Tonträger seit 1996. Bush mit ihrem einprägsamen Sänger, Songwriter und Gitarristen Gavin Rossdale gehören zu den Schwergewichten der Rockmusik alternativer Art. „The Kingdom“ ist ein weiteres Album der Band. Es geht gigantisch los mit „Flowers on a grave“. Leider erreichen die folgenden Songs dieses gigantische Level nicht mehr. Zu verspielt, zu verschnörkelt und zu viele Riff-Experimente erschweren den Zugang erheblich. Ohne Zweifel sind der erwähnte Opener, das erhabene „Quicksand“ oder das hymnische „Crossroads“ definitiv schon jetzt Bandklassiker. Leider fehlt jedoch vielen Songs Geradlinigkeit. Vielleicht klebt man aber auch einfach an den alten Bush der Neunziger Jahre, denen man keine Veränderung zugestehen möchte. (Warner) ¢

 

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