Starke Rückblicke, farbige Augenblicke

Neue Musik auf neuen CDs, vorgestellt von Max Nyffeler


(nmz) -
Neue Musik von und mit Arvo Pärt, Giacinto Scelsi, Quatuor Béla, Quatuor Béla, Daniel D’Adamo und David Philip Hefti.
Ein Artikel von Max Nyffeler

Nachdem Arvo Pärt 1980 aus dem sowjetischen Estland nach Österreich emigriert war, war Manfred Eicher der erste, der mit dem mittellosen Komponisten eine Platte produzierte. Sie erschien 1984 und hieß „Tabula Rasa“, benannt nach dem Haupttitel. Zum achtzigsten Geburtstag des heute weltbekannten Pärt (siehe Seite 3) bringt ECM nun eine Auswahl aus den Aufnahmen der letzten dreißig Jahre heraus, Dokument einer Freundschaft zwischen Produzent und Komponist, wie sie im heutigen Betrieb selten geworden ist. Manche dieser Aufnahmen haben heute so etwas wie Kultstatus, nicht zuletzt dank der illustren Interpreten, die Eicher damals für die Aufnahmen mobilisierte: der Geiger Gidon Kremer, die Dirigenten Tõnu Kaljuste und Dennis Russell Davies, Gesangsensembles wie die Hilliards, Vox Clamantis oder der Estnische Philharmonische Kammerchor. Zauberhaft klingt das Klaviersolo „Für Alina“ mit Alexander Malter, ein absolutes Highlight ist das Duo „Fratres“ mit Gidon Kremer und Keith Jarrett. In der Aufnahme von 1984 musizieren die beiden das erste und einzige Mal miteinander. (ECM New Series)

Einen Rückblick auf das Schaffen einer außergewöhnlichen Erscheinung in der Neuen Musik bietet auch das französische Institut National de l’Audiovisuel (INA). Aus seinen Archivbeständen hat es Aufnahmen von Werken von Giacinto Scelsi veröffentlicht, die 1987 und 1988 in Straßburg und Royaumont entstanden sind. Die Musik des 1988 in Rom verstorbenen Komponisten hat bis heute nichts von ihrer wilden und archaischen Kraft eingebüßt. Dafür bürgen berufene Interpreten, darunter der Schlagzeuger Maurizio Ben Omar, der Saxophonist Federico Mondelci und vor allem Michiko Hirayama, die mit gepresster Stimme nach altjapanischer Art packende Vokalpartien zum Ensemblestück „Pranam I“ und zu „Manto per quattro“ beisteuert. Die vom Scelsi-Intimus Aldo Brizzi dirigierten Aufnahmen werden ergänzt durch vier kurze Ausschnitte aus Interviews, in denen der Komponist über seine künstlerische Weltsicht spricht. (INA mémoire vive)

Plier – Déplier (Falten – Entfalten) ist der Titel einer CD des französischen Quatuor Béla mit einem Gemeinschaftswerk von Thierry Blondeau und Daniel D’Adamo. Bei neunzehn der insgesamt einundzwanzig Tracks werden beide gemeinsam als Autoren genannt, allerdings mit unterschiedlicher Reihenfolge. Über die Art der Arbeitsteilung ist leider nichts Genaues zu erfahren. Die Einzelmomente werden durch übergeordnete kompositorische Prozesse zu einer Gesamtform verschmolzen. Den Schluss dieses interessanten Experiments bilden zwei Sektionen, in denen sich das Quartett in zwei Duos aufteilt und jeder Musiker auf dem Ins-trument des anderen spielt. (Cuicatl)

Zu Beginn dieser CD springt einen die Musik gleichsam an. Das Streichtrio „Magma“ von David Philip Hefti explodiert zunächst in einem komplexen Geräuschklang, um dann nach und nach einen weiten Entwicklungsbogen zu durchlaufen, in dem die Musik eine Metamorphose bis in die Stille hinein vollzieht. Klar konturierte Formverläufe, das kontrastreiche Spiel mit Klang und Stille und rhetorische Brillanz zeichnen die sieben Werke auf dieser Porträt-CD aus, deren Besetzungen vom Solostück bis zum Streichorchester reichen. Die für die Neuen Vocalsolisten Stuttgart geschriebenen „Hamlet-Fragmente“ beeindrucken durch ihre harmonisch subtil unterstützte, schlanke Linearität. Eine autonom konzipierte Musik, die ihre Sprachkraft aus der reinen Klanglichkeit schöpft. (Musiques suisses)

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