unüberhörbar 2021/09

Felix Draeseke, Bernard Herrmann und Vince Mendoza


(nmz) -
Felix Draeseke: Streichquartett Nr. 3 op. 66. Constanze Quartett. cpo +++ Bernard Herrmann: The Film Scores on Phase 4. London Philharmonic Orchestra, National Philharmonic Orchestra, Bernard Herrmann. Decca (7 CDs) +++ Vince Mendoza: Freedom Over Everything. Czech National Symphony Orchestra, Vince Mendoza. BMG/Modern Recordings
Ein Artikel von Christoph Schlüren, Hans-Dieter Grünefeld, Michael Kube

Felix Draeseke: Streichquartett Nr. 3 op. 66. Constanze Quartett. cpo

Dass Felix Draeseke (1835–1913) der neben Johannes Brahms bedeutendste deutsche Quartettkomponist seiner Epoche war, kann man hörend erst plausibel nachvollziehen, seit sich das 2018 beim Anton Rubinstein Wettbewerb ausgezeichnete Salzburger Constanze Quartett bei cpo für ihn einsetzt. Nun ist das 3. und letzte Quartett in cis-moll erschienen, äußerst kontrastierend in fünf harmonisch reichen, kontrapunktisch verschlungenen, melodisch feinsinnigen, rhythmisch fesselnden Sätzen. Draeseke, diese ganz eigene, zutiefst substanzielle Stimme zwischen Beethoven und der Spätromantik, wird hier endlich in seinem Charakter und der entwickelnden Form angemessen präsentiert, zuzüglich eines tiefschürfend präzisen Bookletessays von Florian Schuck. [Christoph Schlüren]

Bernard Herrmann: The Film Scores on Phase 4. London Philharmonic Orchestra, National Philharmonic Orchestra, Bernard Herrmann. Decca (7 CDs)

Vor ein paar Monaten erst gab es einen Tatort (Tödliche Flut), dem mal wieder ein richtiger orchestraler Filmscore (mit der NDR Radiophilharmonie) unterlegt war. Eine schöne Erfahrung. Zweifel sind allerdings angebracht, ob sich hier wirklich eine Renaissance ankündigt. Die wirklichen Maßstäbe wurden bereits vor Jahrzehnten gesetzt, unter anderem von Bernard Herrmann (1911–1975), der mit seinen Partituren (nicht nur) zu Hitchcock-Movies Musik- und Filmgeschichte geschrieben hat. Gelegentlich neu und brillant eingespielt, kann man sich dennoch dem Sound der originalen Aufnahmen kaum entziehen – weil nur hier die bekannten Bilder im Kopfkino wachgerufen werden. Die Decca-Box mit originalen Covern bietet viele Highlights, macht aber auch mit Bernard Herrmann als Dirigenten bekannt. [Michael Kube]

Vince Mendoza: Freedom Over Everything. Czech National Symphony Orchestra, Vince Mendoza. BMG/Modern Recordings

Parallel zur Präsidentschaftswahl 2016 schrieb der Keyboarder, Komponist und Arrangeur Vince Mendoza „Freedom Over Everything“, ein Konzert für Orchester, genauer: einen Doppel-Diskurs für Symphonie- und Jazz-Ensemble in sieben Sektionen. Gewissermaßen ein musikalischer Kontrapunkt zu den politischen Ereignissen, die mit brachialen Fanfaren beginnen, aber durch elegische Violinen und Flöten zunächst zur Lethargie tendieren. Dann werden sie von dezentem Trost und über ein Marimba-Mäander in neoklassischem Stil aufgebrochen und sind als Janus-Finale in blubbernden Drum ’n’ Bass-Figuren plus Rap-Skandierungen und einer spätromantischen Aria konfrontiert. Ähnlich ist der dynamisch-dramaturgische Spannungsbogen bei den „New York Stories“, ein lyrisches Trompetenkonzert mit ekstatischen Klimax-Momenten. Bemerkenswert! [Hans-Dieter Grünefeld]

 

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