Vermächtnis des Musikvermittlers Gerd Albrecht

Die DVD-Edition „Open Your Ears – Wege zur Neuen Musik“


(nmz) -
Als Gerd Albrecht im Januar 1976 mit dem Tonhalle-Orchester Zürich Aribert Reimanns „Variationen für Orchester“ zur Uraufführung brachte, reagierte das Publikum auf die harschen Dissonanzen mit Unverständnis und Protest. Zehn Jahre später eröffnete der Dirigent im Januar 1986 mit eben diesem Stück im Großen Sendesaal des SFB an der Masurenallee eine neue Konzertreihe, die vom Ersten Deutschen Fernsehen aufgezeichnet wurde.
Ein Artikel von Albrecht Dümling

Unter dem Titel „Wege zur Neuen Musik“ wollte sie dazu beitragen, die zeitgenössische Musikproduktion aus ihrem Getto herauszuholen. Jeweils ein einziges Werk sollte dabei im Gespräch mit dem Komponisten den Hörern nahegebracht werden. Der Dirigent bemühte sich am Beispiel des Anfangs um den Nachweis von Ordnung und Struktur im vermeintlichen Klangchaos. Noch tiefer zum Verständnis seiner Musik drang Aribert Reimann vor, als er das viertaktige Thema nicht nur als Klangmaterial, sondern auch als Reihung psychischer Zustände erklärte. Die Verbindung von struktureller Analyse und Selbstaussage des Komponisten verhalf zu einem genaueren Zugang zu dem neuen Werk. Bei der nachfolgenden Gesamtaufführung hörte man genauer hin und verstand das Gehörte besser.

Schon in den sechziger Jahren hatte Gerd Albrecht als Kasseler Generalmusikdirektor mit „Erklärkonzerten“ für Kinder und Jugendliche begonnen. Auch später wollte er, der Pionier der Education-Bewegung, nicht nur Fachleute erreichen. Mit Unterstützung des Orchester-Intendanten Peter Ruzicka und des Hauptabteilungsleiters Hans-Ludwig Feldgen führte er mit dem Radio-Symphonie-Orchester Berlin (heute das Deutsche Symphonie-Orchester) insgesamt 14 dieser Gesprächskonzerte durch. Der Live-Präsentation folgte jeweils die mediale Aufbereitung und Fernsehausstrahlung. Unter dem Druck der Quote wurde die Reihe zu Gerd Albrechts tiefer Enttäuschung 1995 eingestellt. Von 2010 bis 2012 kam es mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin noch einmal zu einem Revival, bis der Dirigent 2014 starb.

Sechs dieser Gesprächskonzerte wurden beim Label Arthaus Musik soeben in der zweisprachigen DVD-Edition „Open Your Ears – Wege zur Neuen Musik“ herausgebracht. Katharina Albrecht-Stadler, die zusammen mit Sabine Zahn diese verdienstvolle Edition herausgab, erinnerte bei der Präsentation an ihren Vater, der sich selbst einmal als einen „piemontesischen Trüffelhund in der Musikgeschichte“ bezeichnet hatte. Neugier sei sein herausragendes Merkmal gewesen. Immer wieder wollte Albrecht Neues und zu Unrecht Vergessenes entdecken und weitervermitteln. Dem Cellisten Andreas Lichtschlag zufolge hat das Orchester an der Reihe gerne mitgewirkt, auch wenn es dabei oft kurzfris­tige Änderungen gab. Jörg Widmann erinnerte sich daran, schon als Kind das Gesprächskonzert zu Aribert Reimann im Fernsehen erlebt zu haben. Die Reihe „Wege zur Neuen Musik“ habe ihn als Komponisten und Musiker geprägt.

Die für die Edition ausgewählten Konzerte widmen sich Krzysztof Penderecki, György Ligeti, Isang Yun, Hans Werner Henze, Mauricio Kagel und Jörg Widmann. Ergänzend zu den jeweils einstündigen Fernsehsendungen informiert ein umfangreiches zweisprachiges Begleitbuch über die Komponisten und ihre Werke. Während Christine Lemke-Matwey in ihrem Einführungstext dem Menschen Henze mit skeptischer Distanz begegnet, nähert sich Gerd Albrecht mit Bewunderung und Sympathie dessen „Barcarola für großes Orchester“, die er 1980 in Zürich uraufgeführt hatte. Wie schon bei seinem Reimann-Konzert zerlegt er den Anfang der Komposition in einzelne Elemente, um sie dann schrittweise wieder zusammenzufügen. Ähnlich verfährt er bei Ligeti, bei Pendereckis „Partita“ oder Isang Yuns „Muak“. Man erfährt Interessantes über den Schaffensprozess, über die Schwierigkeiten der ersten Konzeption, über das Problem der Verbalisierung, über Selbstzweifel, musikalische Vorbilder und das Verhältnis der Komponisten zu Gesellschaft und Politik.

Souverän und ohne jedes Manuskript zitiert Gerd Albrecht zuerst Selbstaussagen der Komponisten und wählt dann in bewundernswerter Partiturkenntnis die Klangbeispiele aus. Henze entlockt er Aussagen zur Widmung seiner „Barcarola“ an Paul Dessau und zum Theatralischen seiner Instrumentalmusik. Ligeti vergleicht seine „San Francisco Polyphony“ mit Gemälden von Vermeer und Turner, erinnert aber auch an den Nebel von San Francisco, der plötzlich – wie in seiner Komposition – Unscharfes nach vorne rückt und Konturen erkennen lässt.

Da mit Ausnahme von Jörg Widmann keiner der hier porträtierten Komponisten mehr lebt, sind diese Gesprächskonzerte wertvolle Zeitdokumente. Gerd Albrecht, der die Veröffentlichung ausdrücklich gewünscht hatte, zeigt sich hier als ein hochbefähigter Vermittler, darin ein Vorbild für heutige Dirigenten.
  

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