Von Konkursmassen und Befreiungsschlägen: Popneuheitem zwischen Oktober und November


(nmz) -
Noel Gallagher‘s High Flying Birds – „Noel Gallagher‘s High Flying Birds“ +++ Wilco – The whole love +++ Irma – Letter to the Lord +++ King Mob – Force 9 +++ Dan Freeman and the Serious – I lie a lot
Ein Artikel von Sven Ferchow

Na gut. Noel Gallagher, der eine Raufbruder von Oasis, der auseinander geprügelten letzten Britpop-Band, wirft uns ein selbst betiteltes Album vor die Hundehütte: Noel Gallagher‘s High Flying Birds spielen selbiges. Bravo. Nachdem Bruder Liam mit der Konkursmasse von Oasis unter dem start-up „Beady Eye“ ein verschmerzbares Album präsentierte, macht es Noel einen Tick besser. Er, der bessere Songwriter von Oasis, bedient sich im Archiv der Ex-Band. Tonspur-Recycling. Klappt ganz gut. Noel singt schön quäkend, die Akustikgitarren suggerieren eine ständige „wonderwall“ und wenn man ehrlich ist: „Don’t believe the truth“, das 05er Album von Oasis, klang „Noel Gallagher‘s…“ nicht unähnlich. An alle Oasis-Jammerer: Ran an die Buletten. Wer weiß, wann sich die Brüder wieder einkriegen und ein Gnadenbrotalbum veröffentlichen. Hörhinweis: If I Had A Gun, The Death Of You And Me.

Es gibt keine Band, die sich so sehr an sich selbst abarbeitet wie Wilco. Freilich, zum Großteil arbeitet Jeff Tweedy seine Verfehlungen ab. Dann wälzen sich Wilco in erfrischender Selbstvergessenheit. Wie auf „A Ghost Is Born“. Was mit Tweedys Mannen auf „The whole love” los ist, gibt zu denken. Fröhlich gar klingt das. Ohne sarkastischen Hinterhalt. Ohne subtile Warnungen, dass das Leben ein fieser Kamerad sein kann (nehmen wir mal Capitol City und Open Mind aus). Eine gewöhnungsbedürftige Version von Wilco. Steht ihnen nicht schlecht. Ob Jeff Tweedy die gute Laune aushält? So ununterbrochen. Mal sehen. Wilco können. Auch Befreiungsschläge. Hörhinweis: Dawned on me, Standing O, Born Alone.

Alles klar. Junge Frau mit Akustikgitarre. Ein wenig barmen, jaulen und krakeelen. Fertig ist der Songwriter­/-innen-Brei, der sich bitteschön millionenfach verkaufen soll. Nun, Irma, eben so eine junge Frau aus Kamerun mit Akustikgitarre, hat Argumente gegen dieses Klischee. Nämlich eine Akustikgitarre. Und ein Piano samt Zauberstimmchen. Schön baut sie Spannung auf in ihren Songs. Die zuweilen schon Pop sind, aber bitte… der werfe den ersten Stein! Vordergründig verquirlt sie in „Letter to the Lord“ Soul, Funk, Ambitioniertheit, Talent, Urbanität und den bösen Pop zu einem Album mit Würde und dezenter Schüchternheit. Vielleicht eher ein Sommeralbum, aber wer weiß das schon… Hörhinweis: I know, Every Smile. 

Wenn der Infozettel schon eine All-Star-Band ankündigt. Und dann aus England. Schwierig. King Mob sind das neuste musikalische Joint Venture, unter anderem bestehend aus Chris Spedding (Roxy Music), Glen Matlock (Sex Pistols) und Martin Chambers (Pretenders). „Force 9“ widerlegt die Vorurteile schnell. Denn die Burschen können was. Irgendwo zwischen Led Zeppelin, Elvis, Cadillac-Rock und wahrscheinlich Clapton pflanzen sie ihre musikalischen Schösslinge und ernten ein eigenständiges Album, das einfach nur die banale Spielfreude ins Zentrum rückt und von einem einzigartigen Sänger zusammen geleimt wird. Ist das „back to the roots?“ Hörhinweis: Make that call, I was there. 

Da grämt sich der Volksjournalist. Wohin nur mit Dan Freeman aus Tasmanien und seiner Berliner Band „and the Serious“ und ihrem Album „I lie a lot“? Welche Schublade hätten Sie denn gerne? Doch so sehr man schiebt, es will keine passen. Prima. Denn „unangepasst“ ist der Stempel, der uns reizt. Kein Song hat Stringenz, das gesamte Album nicht. Und das ist das Geniale. Kippen die Töne ins Schiefe, zieht die Band ihren Sänger aus der Misere. Beginnt die Band davon zu laufen, pfeift Dan Freeman sie nonchalant zurück und bittet um Contenance. Vielleicht lässt sich das noch mit Radiohead (in einer geerdeten Version) vergleichen. Aber so, wie Freeman und Band mit Gitarre, Piano, Bass und Schlagzeug umgehen, möchte man das gar nicht nebeneinanderstellen. Hörhinweis: Be the one, Older.

 Diskografie

  • Noel Gallagher‘s High Flying Birds – „Noel Gallagher‘s High Flying Birds“ (Sour Mash/Indigo, 14.10.2011)
  • Wilco – The whole love  (Anti/Epitaph, 23.09.2011)
  • Irma – Letter to the Lord (Warner, 09.09.2011)
  • King Mob – Force 9 (SPV, 28.10.2011)
  • Dan Freeman and the Serious – I lie a lot (Solaris Empire, 11.11.2011)

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