Von Teufelsgeigern und beatboxenden Katzen

Die neue CD von Masha Dimitrieva mit Werken von Igor Loboda


(nmz) -
Masha Dimitrieva ist eine Pionierin selten oder nie gespielter Musik. Das von ihr gegründete Label Sonus Eterna bringt immer wieder lohnenswerte Raritäten heraus, von denen man sich fragt: Warum kannte ich sie nicht schon früher? Die neueste Entdeckung Dimitrievas ist der georgische Komponist und Violinist Igor Loboda, der seit 1990 in Deutschland lebt und mittlerweile den Spitznamen „Teufelsgeiger von Ingolstadt“ trägt. Gemeinsam nahmen die beiden eine CD mit Solo- und Kammermusik Lobodas auf. Zentral steht die Sonate-Fantasie Nr. 2 für Geige und Klavier, daneben fünf der Études-Tableaux für Klavier, die Fantasie Latino Sempre und verschiedene kürzere Stücke.
Ein Artikel von Oliver Fraenzke

Die Musik des 65-jährigen Georgiers speist sich aus gänzlich verschiedenen Einflüssen, namentlich nennt er selbst Bach, georgische Folklore und den Jazz als Quellen seiner Inspiration. Auch latein­amerikanische Rhythmik findet Einzug in Lobodas Musik, dazu eine Menge an kecken Ideen bis hin zum Karikaturistischen. Mehrere gerade der kurzen Werke swingen leichtfüßig, machen sogleich gute Stimmung, bringen zum Schmunzeln. Doch sind die Ideen nie platt oder verbraucht, sondern finden immer wieder neue Wendungen, schlagen rasche Volten und rasen in eine andere Richtung. Andere Werke, so auch die Sonate-Fantasie Nr. 2 atmen ganz andere Luft, entsprießen tiefschürfender Empfindsamkeit, greifen nach emotionaler Reinheit und Echtheit. So staunt man angesichts der Vielgesichtigkeit dieser Musik, des Berges an divergierenden Ideen. Selbst manch eine auf den ersten Anblick flach erscheinende Floskel, die Loboda gerne gerade an den Schluss kürzerer Werke setzt, entpuppt sich im Kontext als gewitzter Wink, als Augenzwinkern – oder auch als Zeichen der Rückführung in die „echte Welt“. Beispiele für die Lebendigkeit sind vielseitig: Besonders hervor sticht der „Katzentanz“, bei welchem der Violinist parallel zum Spielen Beatboxen muss. Beim „Walzer in 4“ erklärt sich der Witz schon im Namen selbst. Während Igor Loboda bei Stücken wie dem „Blues-Souvenir“ und „Reiche Weinen Auch“ unterschiedliche amerikanische Elemente zu schmissigen Stücken verwandelt, beweist er in seiner „Fantasie Latino Sempre“, dass er diese Musik auch zu umfangreichen Formen der Kunstmusik wandeln kann, gießt die Rhythmik und Motivik in eine vollauf überzeugende klassische Stilwelt – dieses Werk ist übrigens der aufführenden Masha Dimitrieva gewidmet und wurde im Rahmen eines Solidaritätskonzerts für die Ukraine durch sie im Münchner Rubinstein-Saal uraufgeführt.
Gemeinsam wie einzeln leben Masha Dimitrieva und Igor Loboda spürbar diese Musik, lassen sie frei fließen und entstehen, genießen die sich schillernd durchwebenden Schichten der Stilistik und eifern vollauf mit. Alles wirkt natürlich. Ohne Übertreibungen stellen sie musikalische Anekdoten klar heraus, können im nächsten Moment wieder in sanft folkloristisch angehauchten Stimmungen aufgehen.

Es ist also nicht nur die technische Souveränität, die es zu bewundern gilt, gerade in Werken wie den Études-Tableaux, „Chumburseichik“ oder dem bei aller Heiterkeit extrem virtuos aufbegehrenden „Katzentanz“, sondern auch das Musikantentum, das hohe Kunst und natürliches Empfinden bündelt.

CD-Tipp:
Igor Loboda: Werke für Violine & Klavier
Masha Dimitrieva (Klavier), Igor Loboda (Violine), Sonus Eterna, 37423

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