Was will die Föderation musikpädagogischer Verbände?

Ortwin Nimczik und Dierk Zaiser im Gespräch mit der neuen musikzeitung


(nmz) -
Die Föderation musikpädagogischer Verbände Deutschlands (FMV) hat ein „Positionspapier zur musikalischen Bildung in Deutschland“ vorgelegt. Mit den beiden Vorsitzenden der Föderation, Dierk Zaiser (Arbeitskreis Musik und Bewegung / Rhythmik an Hochschulen) und Ortwin Nimczik (Bundesverband Musikunterricht), sprach nmz-Herausgeberin Barbara Haack über Inhalte und Ziele des Papiers.
Ein Artikel von Barbara Haack

nmz: Was genau ist diese Föderation? Welche Aufgaben und Ziele hat sie?

Dierk Zaiser: Die Föderation ist ein Zusammenschluss von verschiedenen Interessenvertretungen, die sich um die musikalische Bildung kümmern.

Ortwin Nimczik: Die Geschichte der Föderation geht bis ins Jahr 2001 zurück. Damals  sahen wir die Notwendigkeit, eine Art Task Force zu gründen, die bei plötzlich eintretenden problematischen Ereignissen schnell handeln kann. Das waren zum Beispiel Stellenkürzungen an Hochschulen oder das Einstampfen von Studiengängen. Der Bundesverband Musikunterricht hat in seiner Agenda 2030 festgestellt, dass für die Arbeit im Feld der Musikpädagogik ein umfassendes Konzept vorliegen sollte. Das haben wir mit den Verbänden der Föderation gemeinsam in Angriff genommen. Es hat drei Jahre gedauert, bis dieses Papier verabschiedet wurde. Das ist jetzt eine Ausgangsbasis für die gemeinsame Arbeit.

nmz: Auf dem VdM-Kongress 2017 in Stuttgart wurde der Startschuss gegeben für dieses Positionspapier. Damals war die Rede von einer „Landkarte der musikalischen Bildung“, von einer neuen Rollenfindung der einzelnen Akteure. Ist das passiert, oder mussten Sie Abstriche machen?

Zaiser: Der lange Zeitraum ist der sorgfältigen Abstimmung geschuldet, die wir vorgenommen haben. Insofern ist diese Landkarte ziemlich vollständig geworden, alle Verbände der Föderation haben die einzelnen Punkte, die sie betreffen, in ihren Verbänden jeweils zur Diskussion vorgelegt.

Nimczik: Das Bild der Landkarte war in doppeltem Sinn gemeint, einerseits räumlich: Es sollten alle Bereiche der musikpädagogischen Aufgabenfelder angesprochen werden. Dabei ist vor allen Dingen der Verbund von schulischer und außerschulischer Bildung relevant. Die andere Dimension war die zeitliche: Wir wollten den Einbezug aller Lebensphasen beachten, dies wiederum vor dem Hintergrund eines pluralistischen Musikverständnisses.

nmz: Neben der schulischen und der außerschulischen musikalischen Bildung sprechen Sie einen dritten Bereich an, den Sie „lebensweltliche musikalische Alltagspraxen“ nennen. Gleichzeitig haben Sie das Papier in drei Kapitel eingeteilt, nämlich eine Bestandsaufnahme, die Beschreibung der Chancen und schließlich Forderungen und Konsequenzen. Welches sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Punkte?

Zaiser: Der erste Teil heißt zwar „kritische Bestandsaufnahme“, aber wir wollten das Ganze nicht nur defizit-orientiert behandeln, sondern auch herausstellen, welche Bedeutung die musikalische Bildung in Deutschland hat und auf welchen Grundlagen sie beruht. Dabei ist die ganze Bandbreite der musikalischen Bildung sichtbar geworden, die sich gerade im außerschulischen Bereich nicht nur an Lebensaltern festmacht, sondern auch an gesellschaftlichen Zugehörigkeiten, an Bildungsorten institutioneller, aber auch informeller Art. Wir zeigen auf, wie sich das gegenseitig bedingt und gegenseitig unterstützen kann, wo aber auch noch Bedarfe sind, insbesondere, was den Kooperationsbereich zwischen den einzelnen Institutionen anbelangt: Bildungskooperationen zwischen außerschulischer und schulischer Bildung, aber auch die Chancen und Risiken, die aus der informellen Bildung heraus erwachsen. Das ist zum Beispiel der Umgang mit Medien, oder auch das, was in den jeweiligen Kontexten und in den Familien passiert.  Die Bezugnahmen zwischen den einzelnen Bildungsorten und Bildungskontexten war uns sehr wichtig. Das ist eine Stärke des Papiers.

Prozess der Annäherung

nmz: In der Vergangenheit gab es immer wieder Auseinandersetzungen zwischen den Akteuren. Ist das Papier auch das Ergebnis eines Prozesses der Annährung?

Nimczik: Auf jeden Fall. Die schulische und außerschulische Bildung ist ja oft als ein Zweisäulenmodell gesehen worden. Jetzt haben wir den Versuch gemacht, aus dem Nebeneinander der Säulen in ein Miteinander zu kommen. Das Innovative ist, dass jeder Verband seine eigene Identität innerhalb dieser breit angelegten Plattform finden kann. Wir haben alle unsere spezielle Verantwortung für einen Sektor in diesem Bereich, aber wir wissen, dass wir diesen Sektor nicht isoliert bedienen können.

nmz: Welche Rolle spielt der dritte Bereich, die „lebensweltlichen musikalischen Alltagspraxen“? Ist das eine dritte Säule? Welche Verbindung sehen Sie?

Zaiser: Die sozialen Medien spielen eine große Rolle in unserem Leben. Das ist durch die Corona-Pandemie noch verstärkt worden. Das Papier versucht, diesen Bereich in die Bildung zu integrieren. Das muss nicht in allen Facetten in die Didaktik Einzug halten, aber es braucht ein Bewusstsein der professionellen Akteure, dass wir mit diesen lebensweltlichen Alltagspraxen umgehen müssen. Die Corona-Situation kann hier noch einmal einen Schub geben, diesen Bereich nicht nur als Gefährdung durch einen Wildwuchs an musikalischer Bildung zu begreifen, sondern zu versuchen, auch solche Medien zu nutzen und damit in den formellen Bildungsformaten umzugehen.

Nimczik: Wir müssen da viel offener und freier werden. Wir sollten erst einmal zur Kenntnis nehmen, dass dieser Bereich Bestandteil unserer Lebenswelt ist. Daraus ergibt sich z.B. die Forderung,  informelle Lernkontexte auch in institutionalisierte Bildungsbereiche einzubeziehen. Es existieren musikalische Praxen, die ich nicht kenne, die ich vielleicht auch nicht kennenlernen möchte. Aber sie sind da, sie haben ihre eigene Dignität. Die Musik-Welt ist farbig und vielfältig, das gilt es zu akzentuieren, ohne die eigene Identität aus den Augen zu verlieren.

nmz: Sie wollten nicht nur defizitorientiert denken, aber Sie haben in dem Papier durchaus Defizite benannt. Welches sind die größten Mängel?

Zaiser: Ich sehe die große Gefahr, dass die Professionalisierung in der musikalischen Bildung leidet. Ich hatte gedacht, wir hätten diese Haltung, dass musikalische Bildung als Nebeneffekt und als Mittel benutzt wird, um andere Ziele zu verfolgen, schon überwunden. Musikalische Bildung hat an sich schon einen so hohen Wert, dass man professionalisiert damit umgehen muss, so dass es für den Nachwuchs attraktiv wird, in den Beruf des Musikpädagogen einzusteigen.  Das muss sich in Strukturen und Ressourcen wiederfinden.  Es braucht eine gewisse Solidität in den Lebensverhältnissen der professionalisierten Menschen, die im Bereich der musikalischen Bildung arbeiten.

Nimczik: Wir haben uns lange mit sogenannten Ressourcenproblemen beschäftigt, bei denen es lediglich um Quantifizierung ging. Aktuell stoßen wir aber auf ein „qualitatives“ Ressourcenproblem, das ich für viel komplexer und problematischer halte. Wir hören derzeit beständig Bildungsforscher, Fachleute, sogar Bildungsminis­terinnen oder -minister, die sagen: Bildung heißt jetzt Priorisierung von Unterricht in Deutsch, Mathematik und Sachkunde. Das ist ein absurdes Verständnis von Bildung. Es regt mich geradezu auf, wenn ich höre, dass die Bedeutung der musikalischen oder auch der kulturellen Bildung etwas Nachgeordnetes sei. Was für ein reduziertes Verständnis! Es führt uns in eine Gesellschaft hinein, die noch problematischer wird, als sie jetzt schon ist.

nmz: Im Hinblick auf das Nachwuchs-problem lautet eine Ihrer Forderungen, die Ausbildungsstrukturen sicherzustellen und die musikpädagogischen Ausbildungsplätze nicht zu deckeln. Ist die Wurzel des Übels tatsächlich, dass es nicht genügend Ausbildungsplätze gibt? Offenbar interessieren sich inzwischen zu wenige junge Menschen für den Beruf des Musikpädagogen. Liegt die Wurzel vielleicht an anderer Stelle, vielleicht sogar in den Schulen und Musikschulen selbst?

Zaiser: Die Nachwuchsförderung ist eines der Hauptthemen, denen wir uns in der Föderation widmen wollen: Wie können wir es schaffen, ab dem Eintritt in die Musikschule bis zum Studium Strukturen zu schaffen, die nicht nur die musikalische Performance in den Blick nehmen, sondern auch die musikalische Bildung von Anfang an als ein Teil davon betrachten und Ideen generieren, wie wir die jungen Leute für diesen Bereich frühzeitig begeistern können.

Nimczik: Wir brauchen Pädagogen, die nicht nach innen, sondern nach außen gerichtet sind. Ich selber muss erst einmal begeistert sein, um andere zu begeistern. Wir kommen mit Defizitbeschreibungen nicht weiter: Wer noch nicht die Harmonielehre beherrscht oder nur einen bestimmten Sektor an Musikpraxen,  wird erst gar nicht ins Studium eingelassen. Da müssen wir offener sein.

nmz: Sie nennen in dem Papier auch das nicht neue Thema „Quer- und Seiteneinstieg“. Gibt es Kriterien, die jemand erfüllen muss, um geeignet zu sein, in diesen Beruf quer-einzusteigen?

Zaiser: Fachfremder Unterricht kann vielleicht mal funktionieren, wenn man über einen Erfahrungshorizont und eine übermäßige Begabung als Pädagoge verfügt. Ich will das nicht nur an dem Erwerb von formalen Bildungsabschlüssen festmachen. Aber ich sehe die Gefahr, gerade auch, wenn der Nachwuchsmangel sich weiter ver­stärkt, dass immer häufiger auf das zurückgegriffen wird, was gerade am Markt ist. Dass man immer mehr versucht, mit Weiterqualifikationsmaßnahmen  Menschen aus anderen Berufen in einer Schnellwäsche Inhalte und Methoden zu vermitteln, die sie dann womöglich auf derselben Ebene anwenden wollen wie jemand, der das studiert hat.

nmz: Ist das ein Plädoyer gegen den Quer- und Seiteneinstieg?

Zaiser: Nein, das ist es nicht. Aber ich bin skeptisch, wenn es darum geht, den Weg allzu leicht zu öffnen.

Nimczik: Ich würde sehr allgemein sagen, dass Professionalisierung eine Grundbedingung für unsere komplexe Welt ist. Man braucht sich nur vorzustellen, dass man sich fachfremden Zugführern anvertraut, fachfremden Piloten, oder Gebäude durch fachfremde Statiker berechnen ließe. Das würde niemand zulassen. Bei Lehrkräften reden wir darüber mittlerweile wie selbstverständlich, nach dem Motto: Das kann ja jeder.

Wir kennen differenzierte Nach- und Weiterqualifizierungsmodelle, aber das dürfen keine Schmalspurlösungen sein. Ein einfaches Beispiel: Die kindgemäße Anleitungsfähigkeit für das Singen kann nicht in wenigen Stunden vermittelt werden. Das braucht Zeit und Kontinuität, es braucht auch das Engagement und den Willen, sich darauf einzulassen.

nmz: Wenn wir das dritte Kapitel Ihres Papiers anschauen, das mit „Forderungen und Konsequenzen“ übertitelt ist, dann fällt auf, dass die Forderungen sich an sehr verschiedene Zielgruppen wenden: einige richten sich an die unterschiedlichen politischen Ebenen, andere an die Ausbildungsinstitute. Es gibt auch Forderungen, die Sie an sich selbst richten. Was wird jetzt mit dem Papier passieren?

Offen für Weiterentwicklung

Nimczik: Es ist richtig, dass das Papier nicht nur in eine Richtung weist. Dierk Zaiser und ich  sind dabei, Gespräche zu führen: Wir wollen hören, welche Impulse die Einzelverbände aus dem Papier gezogen haben, wo sie ihre Schwerpunkte sehen. Die Ergebnisse werden dann von uns wieder in die Gesamtrunde eingespielt. Dann wird erarbeitet, welche Perspektiven wir alle miteinander verfolgen wollen. Das ergibt ein Wechselspiel genau auf den von Ihnen genannten Aspekt bezogen: Das Papier stellt Anforderungen an uns selbst. Die Aufgaben bleiben in den Verbänden, aber es gibt im Sinne einer Bündnisstruktur die gemeinsame Gesamtperspektive, die wir voranbringen möchten.

Zaiser: In meinem Verband ist die Resonanz überaus positiv, und es gab auch schon erste Ideen und Beispiele, wo dieses Papier hilfreich sein könnte, wo man sich darauf als ein Symbol der Stärke berufen kann. Wir denken auch daran, dass dieses Jahr noch eine Bundestagswahl stattfindet und wollen versuchen, das Papier in die Politik hineinzutragen. In unserem föderalen System ist das nicht so ganz einfach. Unter anderem wollen wir mit der Kultusminis­terkonferenz in Kontakt treten.

nmz: Sie betonen in Ihrem Papier mehrfach die Bedeutung der Privatmusikerzieher, der privaten Musikschulen, auch der Kirchen und der Laienmusikverbände. Diese alle sind in der Föderation aber nicht vertreten. Woran liegt das?

Zaiser: Wir haben im Moment Statuten, die auch die Mitgliederkonstellation festlegen. Dies zunächst als Fortschreibung der Verbände, die sich bei der Gründung zusammengeschlossen haben. Wir sind aber absolut offen für die Weiterentwicklung. Das ist eine der Aufgaben, die wir uns als Vorsitzende gesetzt haben.

nmz: Ist geplant, an dem Papier weiterzuarbeiten, oder ist es zunächst einmal in Stein gemeißelt?

Nimczik: Wir werden sicherlich nicht morgen anfangen und die nächsten drei Jahre mit der Erstellung eines neuen Papiers verbringen. Das heißt aber nicht, dass unser Positionspapier statisch ist. Jetzt liegt die Veränderungsperspektive im Sinne einer Weiterentwicklung der musikalischen Bildungslandschaft bei den einzelnen Verbänden und dem gerade angesprochenen Wechselspiel.

Zaiser: Wichtig ist uns, dass das Papier auch nach innen Stärke entwickelt. Natürlich soll es auch eine Lobby­kraft nach außen haben, Menschen zum Nachdenken anregen, die Entscheidungsbefugnisse haben. Aber es soll auch für Menschen, die in der musikalischen Bildung tätig sind, identitätsstiftend sein und ihnen Kraft geben, ein Gefühl von Solidarität und Einheit, von gemeinsamem Handeln und Denken.

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