Weltumspannender Kulturdialog

Im Gespräch mit dem Konzertpianisten und Musikfestival-Leiter Rainer Maria Klaas – Teil II


(nmz) -
Ein Artikel von Moisei Boroda

Moisei Boroda: Zum „Tempo“: schnell – schneller – noch schneller. Dem großen Horowitz wird die Aussage zugeschrieben, dass viele moderne Pianisten spielen, wie man auf einer Schreibmaschine tippt. Teilen Sie diese Meinung?

Rainer Maria Klaas: Horowitz – ich habe ihn 1986 und 1987 noch in Hamburg gehört – war ja selber zum Glück kein Kind von Traurigkeit, wenn es darum ging, „schnell“ zu spielen. So, wie Sie aber bei der Fotobearbeitung am Computer geschickt mit Komponenten wie „Belichtung“, „Helligkeit“ und „Kontrast“ spielen müssen, um ein gutes Ergebnis zu erhalten, so ist auch in der Musik die Balance zwischen muskulärer Umsetzung, instrumenteller Klangkontrolle und Saal­akustik immer wieder neu zu justieren. Der Pianist, der in jedem Konzertsaal der Welt und auf jedwedem Flügel immer gleich schnell, gleich artikuliert, gleich laut spielt wie zu Hause beim Üben, ist im eigentlichen Sinne kein „Profi“, jedenfalls keiner einer echten Kommunikation mit dem Publikum, für das man doch schließlich spielt.

Boroda: „Romantische Pianistik“ – ist sie ausgestorben?

Klaas: Wenn „romantisch“ heißt, unreflektiert und damit „kitschig“ zu spielen: hoffentlich ja; falls es heißt, mit dem Mut zum Spontan-Risiko in immer intensivere Interpretationsspiralen einzutreten, statt Vorbereitetes abzuspulen: hoffentlich nein!

Boroda: Im Januar dieses Jahres wurde Ihr 70. Geburtstag und bereits ein Jahr zuvor Ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum gefeiert. Was waren für Sie die drei wichtigsten Ereignisse in dieser langen Zeit auf der Bühne?

Klaas: Ich denke immer noch gern an das erste Mal zurück, als ich – 1983 – das dritte Klavierkonzert von Rachmaninow spielte, übrigens in meiner Heimatstadt Recklinghausen. Dann 1999 die 50 Konzerte in ganz Nord­rhein-Westfalen mit verschiedenen Programmen als systematischer Rückblick – 1901 bis 1999 – auf das 20. Jahrhundert – das war spannend! Ende desselben Jahres 1999 gab ich in Seoul einen Klavierabend unter anderem mit Werken von Beethoven und meinem Freund Stefan Heucke; im Umfeld dieses Konzertes lernte ich meine heutige Ehefrau, die Pianistin Jung-Hoon Wang kennen. Geliebt habe ich auch meine Klaviertrio-Zeit im „Trio ALKAN“, die leider wegen Differenzen der Streicher zu früh zu Ende ging. Und in den letzten zehn Jahren wurde mir die – in einem Dutzend CDs dokumentierte – Zusammenarbeit mit dem Regisseur und Melodram-Sprecher Peter P. Pachl sehr wichtig.

Boroda: Das Denken in großangelegten Konzertzyklen ist seit langem typisch für Ihre konzeptionelle und organisatorische Arbeit. Den Jahrhundertrückblick „MM::99“ haben Sie gerade erwähnt. Der astrologische Zyklus „Zwölf“ und der 25-teilige „Zeitreise“-Zyklus für das Kulturhauptstadtjahr 2010 im Ruhrgebiet liegen nun schon einige Jahre zurück. Ist etwas Neues, Vergleichbares geplant?

Klaas: Ja, ab September 2020 läuft in Gelsenkirchen und Recklinghausen der neunteilige Zyklus „(Statt) Beethoven“. Es geht dabei um Stücke, die vor, um und nach Beethoven geschrieben wurden, sozusagen im Bannkreis dieses großen Mannes, also Werke von Haydn, Mozart, Moscheles, Schubert, Czerny, Schumann, Alkan, Brahms bis zu Bartók und Schostakowitsch – aber kein einziges Originalwerk von Beet­hoven selber.

Boroda: Ganz gleich, was Sie auf dem Programm haben, zeichnet sich Ihr Spiel von hoher Kultur des Spielens, des „Zusammenlebens“ mit dem Instrument aus. Soweit ich weiß, hatten Sie ausgezeichnete Lehrer. Wer war das? Was war das Wichtigste, das Sie mitgenommen haben?

Klaas: Die Teichmüller-Schülerin Mathilde Redemann (Recklinghausen) führte mich zwischen meinem 12. und 16. Lebensjahr in das systematische pianistische Üben, ins polyphone und dynamisch differenzierte Spiel ein. Es folgten die vielleicht wichtigsten fünf Jahre meiner Ausbildung, nämlich an der Folkwang-Hochschule Essen beim Kempff-Schüler Detlef Kraus, der mir mit Brahms-Fingerübungen, Chopin-Etüden, Bach-Fugen und Beet­hoven-Sonaten den Weg in die große Konzertpianistik wies. Der Sancan-Schüler Klaus Hellwig, ebenfalls in Essen, stellte französische Spezifika vor allem des virtuosen Fingerspiels in den Vordergrund, und schließlich begleitete mich die große brasilianische Virtuosin Yara Bernette 1974 bis 1977 in Hamburg zum Konzertexamen (mit Tschaikowsky-Klavierkonzert, Beethovens Les-Adieux-Sonate und einer Sonate des Argentiniers Juan José Castro). Ich möchte aber auch meine Kurserfahrungen und zahlreichen Fachgespräche mit wichtigen Klavierpersönlichkeiten nicht unerwähnt lassen: Guido Agosti (Siena), der Godowsky-Schüler Jorge Bolet (Freiburg und anderswo), der Leschetizky-Schüler Czeslaw Marek (Zürich), Robert-Alexander Bohnke (Tübingen), Günter Philipp (Dresden) und andere mehr.

Boroda: Um 1980 gaben Sie zusammen mit Ferdinand Schulz einige Bände des „Piano-Jahrbuchs“ heraus. Denken sie jemals an eine Fortsetzung dieser Schriftenreihe, die damals beim Fachpublikum große Resonanz fand?

Klaas: Ich habe tatsächlich Pläne, die publizistische Arbeit in aktualisierter Form wieder aufzunehmen – denn es gibt einfach zuviel Unsinn, der heute unwidersprochen geschrieben wird, und auch zu viele klavierspezifische Themen, die völlig unbehandelt bleiben. Aber Einzelheiten verrate ich zur Zeit noch nicht.

Boroda: Sie sind nicht nur Konzertpianist, Kammermusiker und Fachautor, Sie haben auch ein Studio für junge Pianisten. Was sind die Grundlagen Ihrer Arbeit als Lehrer?

Klaas: Neben den eigenen pianistischen Erfahrungen vor allem die beiden größten „Klavierlehren“, die jemals geschrieben wurden, nämlich die Bücher von Czeslaw Marek und von Günter Philipp, die ich, wie erwähnt, ja auch selber kennenlernen und zu ihren Büchern befragen durfte. Die Entwicklung eines improvisatorisch-suchenden, gewissermaßen nachkomponierenden Übens und die Fähigkeit des Lernenden, mehr und mehr auf eigenen Beinen zu stehen, statt die Rezepte eines oder mehrerer Lehrer umzusetzen – das sind mir wichtige Leitlinien als Pädagoge.

Boroda: Wenn Sie jetzt ins Exil auf eine einsame Insel gehen müssten, dabei aber nur Noten von drei Musikwerken beziehungsweise drei Bücher (beliebigen Inhalts) mitnehmen durften, was wären diese Musikwerke, diese Bücher?

Klaas: Da bin ich mal bewusst unbescheiden: Bachs Wohltemperiertes (beide Bände), Beethovens gesamtes Klavierwerk und die Klavierkonzerte von Rachmaninow. Als Zugabe „Zettels Traum“ von Arno Schmidt.

Boroda: Angenommen, man hat jetzt einen von menschenähnlichen Wesen besiedelten Planeten entdeckt, wo auch Konzertleben vermutet wird. Sie, Rainer Maria Klaas, wurden ausgewählt, dort ein Freundschaftskonzert zu geben. Der Planet ist ganz nah zu uns, und in einem Monat erreichbar. Sie haben Zeit sich vorzubereiten, ein guter Flügel fliegt mit Ihnen in der Rakete mit. Welches Programm würden Sie den außerirdischen Musikliebhabern anbieten?

Klaas: Welch eine Ehre! Möglicherweise Bachs Italienisches Konzert, Beethovens Sonate op. 101, Chopins Barcarolle, Skrjabins 10. Sonate, Stockhausens III. Klavierstück und Alkans „Le festin d’Ésope“.

Boroda: Herzlichen Dank für das Gespräch.

Klaas: Herzlichen Dank zurück.

 

Das könnte Sie auch interessieren: