Weltumspannender Kulturdialog

Moisei Boroda im Gespräch mit dem Konzertpianisten und Musikfestival-Leiter Rainer Maria Klaas – Teil I


(nmz) -
Moisei Boroda: Lieber Herr Klaas, der Tag, an dem wir uns kennengelernt haben, liegt bereits 25 Jahre zurück, doch die Erinnerung daran ist so lebendig, als wäre es erst gestern gewesen.
Ein Artikel von Moisei Boroda

Damals ist es mir, dem kurz zuvor gewählten Vorsitzenden des DTKV-Bezirksverbandes, gelungen, ein Konzert georgischer Musik aus den Werken von Vazha Azarashvili, einem der führenden Komponisten der UdSSR, Vorsitzenden des Georgischen  Komponistenverbandes, zu organisieren und ihn zu diesem Konzert nach Herne einzuladen. Die Stücke waren technisch anspruchsvoll, ganz zu schweigen von der stilistischen Eigenart georgischer Musik. Die Pianisten, die ich im Visier hatte, sagten alle ab. Sie haben zugesagt, obwohl bis zum Konzert nur eine Woche blieb. Prof. Azarashvili sagte, es sei für ihn ein Wunder, dass ein Interpret, der bisher kein Werk georgischer Musik gespielt hatte, den georgischen Charakter seiner Kompositionen so präzise wiedergeben kann. In den zwei Jahrzehnten haben wir zusammen mehrere Konzerte veranstaltet. In Georgien werden Sie als authentischer Interpret georgischer Musik geschätzt. Ihr Klavierabend in Indonesien – teils mit Musik indonesischer Komponisten – wurde dort ein „epochales Ereignis für die indonesische Kultur“ genannt. Sie haben Werke armenischer, koreanischer, georgischer, russischer, französischer, polnischer, englischer, ungarischer, südamerikanischer, jüdischer, chinesischer Komponisten aufgeführt, in vielen Fällen uraufgeführt, insgesamt nicht weniger als 1.200 Komponisten – diese Musiken sind doch stilistisch, klanglich, gedanklich Lichtjahre voneinander entfernt. Ist diese Fähigkeit, sich in eine neue Musikwelt so zu vertiefen, dem Wunsch entsprungen, immer etwas Neues auszuprobieren, sich in die neue Klangwelt „hineinzustürzen“?

Rainer Maria Klaas: Die „Neugier“ auf alle möglichen Musikstile und immer wieder neue Stücke vieler verschiedener Komponisten war und ist sicher etwas, das mich von jungen Jahren an angetrieben hat. Etwa mit zwölf begann ich, alles, was mir – im wahrsten Sinne – „unter die Finger“ kam, vom Blatt zu spielen. Das war am Anfang sicher noch unbeholfen und für fremde Ohren schrecklich zu hören, aber nach und nach wuchs meine Fähigkeit, auch schwierigere Stücke recht schnell recht ordentlich spielen zu können. Ich denke, das ist eine wichtige Voraussetzung, um sich in alle möglichen Musikrichtungen zu orientieren. Aber eine generelle kulturelle Offenheit ist sicher eine ebenso wichtige Voraussetzung. Auch in puncto Sprachen, Literatur, bildender Kunst, Historie, Politik – Kulturgeschichte der Menschheit allgemein – war mein Wissensdurst als junger Mensch sehr umfassend.

Boroda: Wie finden Sie immer den richtigen Bezug? Oder ist alles „gar nicht so schwer“, weil es nur eine begrenzte Zahl von typischen „Musikgesten“ bzw. „Technik-Varianten“ gibt, auf die man sich stützen kann? Oder ist bei Ihnen der Durchbruch in eine andere Klangwelt gar rein intuitiv?

Klaas: Ob ich „immer den richtigen“ Bezug finde, kann ich selber natürlich nicht zuverlässig oder gar „objektiv“ beantworten. Wenn wir von Klaviermusik sprechen, gibt es zweifellos eine große Fülle von gestischen und manuellen, emotionalen und spirituellen „Patterns“ – aber doch auch nicht unendlich viele. Ich denke, irgendwann ist man durch alle Stile und deren Gegenteile einmal durch und kann von kaum noch etwas grundlegend „überrascht“ werden. Übrigens reicht die Ebene des „Blattspiels“ dazu keineswegs aus, sondern die gründliche, auch auswendige Erarbeitung schwerer Konzertwerke mit genauester Fingersatzkontrolle etc. muss unbedingt hinzutreten. Die so genannte „Intuition“ bleibt immer wichtig, darf aber mit den Jahren immer mehr als Destillat wachsender pianistischer Erfahrungen verstanden – und genossen – werden.

Boroda: Gibt es für Musik ganz unterschiedlicher Art irgendeine gemeinsame „geistige bzw. klangliche Metabasis“?

Klaas: Das ist eine interessante, letztlich philosophische Frage, die ich mir bisher so nicht gestellt habe. Wahrscheinlich müsste man ein ganzes Buch darüber schreiben. Aber, um mich jetzt einmal „konstruktiv“ herauszureden: Die Vorgaben, die das Klavier als Instrument macht, mit seinen riesigen Möglichkeiten, aber auch mit seinen Grenzen, zum Beispiel der Vorgabe von Halbtönen oder dem automatischen Diminuendo angeschlagener Töne, sind zunächst einmal eine materielle „Basis“, mit der sich alle Komponisten aller Himmelsrichtungen befassen bzw. abfinden müssen. Und damit komme ich als Pianist eben auch gut zurecht. Wenn Sie mein Gesicht beim Hören von Vierteltonmusiken à la Alois Hába sähen, würden Sie mich vielleicht nicht mehr als Allround-Stilisten bezeichnen.

Boroda: Welche positiven und welche negativen Prozesse können Sie in der modernen Musik beobachten?
Klaas: Das Neue nur um des Neuen willen ist mir suspekt, ebenso der Mut zur Hässlichkeit, der oft festzustellen ist – Resultat von Traditionsverachtung oder auch schlicht Mangel an echter Kreativität  bzw. gekonntem Handwerk. Im Laufe meiner jahrzehntelangen Beschäftigung mit neuen Musikstilen haben sich manche meiner Einstellungen zum Positiven, manche zum Negativen verändert, manche sind aber auch gleich geblieben.Alle „superdeterminierten“ Musiken, die ich früher noch als Herausforderung sah, an der man sich beweisen müsse – Serialismus mit rein „errechneter“ Ton-für-Ton-Dynamik, auch die Überkomplexität à la Sorabji, Ferneyhough oder Finnissy sind mir inzwischen recht gleichgültig geworden, jedenfalls die Zeit nicht wert, um ernsthaft daran zu arbeiten. Die Präparationen von Cage sind vorübergehend reizvoll, faszinierne mich aber nicht nachhaltig. Die Klavierstücke op. 19 von Schönberg, noch unideologisch nicht-zwölftönig, habe ich für die linke Hand allein bearbeitet, um sie für mich wieder zu beleben, von Stockhausen genügt mir sein Klavierstück III mit 23 Sekunden Dauer, aber vom Zwölftöner Hans Erich Apostel mit seinem fabelhaften Klangsinn könnte ich gern einen ganzen Abend spielen. Im übrigen, um noch einmal auf Ihre „Meta-Ebene“ zu kommen, sehe ich „Modernität“ als innere Konstituante guter und insofern bleibend innovativer Musik. Das heißt zum Beispiel: Beethoven mit seiner werkweise, manchmal taktweise nachvollziehbaren Dialektik ist „zeitlos modern“, seine Werke bleiben eine Herausforderung, die auf den heutigen Konzertpodien und in vielgepriesenen Gesamteinspielungen nur sehr eingeschränkt erfüllt wird.

Boroda: Wie ist Ihre Einstellung zum Jazz in seinen unterschiedlichen Stilrichtungen? Könnten Sie sich vorstellen, ein Konzert aus Jazz-Improvisationen zu spielen?

Klaas: Ein freies Improvisationskonzert: ja, ein improvisiertes Jazz-Programm: nein. Meine früher starke Liebe zum Jazz hat sich verringert, zum Teil, weil und soweit ohrenbetäubende elektrische Verstärkung à la Rock und Pop seit etwa 1970 Einzug gehalten haben, zum Teil wegen des der Musikrichtung innewohnenden Problems der „Redundanz“: zu viele Dinge werden zu oft in zu ähnlicher Weise wiederholt, dagegen wird man als klassischer Musiker mit den Jahren immer allergischer – bei Musik, bei politischen Reden, beim weltumspannenden Blog-Gelabere, bei Predigten in der Kirche. „Fasse Dich kurz, komme auf den Punkt, halte Deine Hörer nicht für blöd, behandele andere Sujets bei anderen Gelegenheiten“ – das sind wichtige Postulate an gute Musik, egal, ob sie eine Minute oder eine Stunde dauert.

Boroda: Von mehreren Seiten wird Kritik an zu vielen Wettbewerben für junge Instrumentalisten geäußert – um es etwas überspitzt zu sagen, bald werden Wettbewerbe für fünfjährige „junge Talente“ durchgeführt, dann kommen die Wettbewerbe für die Drei-bis Vierjährige, etc. Was ist Ihre Einstellung zu diesem Phänomen des modernen Musikbetriebes? Muss es so sein – weil das Tempo des Lebens, und folglich des Konzertlebens – Aufstieg, Zenit, Abstieg eines Musikers – sich so verkürzt hat?

Klaas: Eine Frage ist ja, ob mit Wettbewerben wirklich der Typus des „kreativen“ Musikers ans Licht befördert wird, oder doch eher der auf höchstem (manuellen) Niveau „Durchschnittliche“, der eben der Mehrzahl der Juroren nicht missfällt und den Eindruck erweckt, immmerhin das Abschlusskonzert mit Bravour hinzulegen. Die Fragen einer Nachhaltigkeit des zu erwartenden künstlerischen Wirkens auf Jahrzehnte bleiben offen. Man könnte durch gewisse Wettbewerbskonditionen hier die Spreu schon mehr vom Weizen trennen. Wenn ich denke, dass ein „Jugend-musiziert“-Talent immer noch mit ein und demselben Programm von regional über Land bis zur Bundesebene weitergereicht wird, sagt das alles. Würde man zum Beispiel sehr schlicht verlangen, dass das Landesprogramm auf der Bundesebene nicht wiederholt werden darf, käme man schon zu aussagekräftigeren Ergebnissen, zu schweigen von Blattspiel- oder Eintagesstücken, die eher etwas über das „Potential“ aussagen.

Boroda: Eine weitere Frage: Ich weiß, dass Sie eine ziemlich nüchterne Einstellung zu den heutzutage wie Pilzen aus dem Boden auftauchenden jungen „Stars“ haben. Ist die Luft vielleicht „zu dick“ geworden, um einem begabten Menschen die Chance zu geben, sich durchzusetzen – insbesondere, wenn er aus bescheidenen finanziellen Verhältnissen kommt?

Klaas: Die Erkenntnis, dass zur einer erfolgreichen internationalen Podiumskarriere viele außermusikalische Eigenschaften gehören: Tagesablaufdisziplin, Sprachengewandtheit, stabiler Kreislauf, Schlafenkönnen in fremden Hotelbetten, ein guter Magen für ausländische Küchen etc., ist nicht neu. Dem können und wollen sich schon seit 150 Jahren immer nur einige der Künstlerinnen und Künstler aussetzen, die es von Hand und Gedächtnis her eigentlich könnten. Manche machen den „Zirkus“ auch nur ein paar Jahre mit und ziehen sich dann auf eine Professur zurück. Vieles regelt sich so von selber, weil der weltweite Konzertmarkt ja nicht unbegrenzt wachsen kann. Gäbe es noch eine ernstzunehmende internationale Konzertkritik, am besten zwei Zeitungen in jeder größeren Stadt, so würden einige Auswüchse eines oberflächlichen „Starkults“ sich zudem noch rascher erledigen.

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