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Alle Artikel kategorisiert unter »Michael Zwenzner«

Auf zur Knochenparade!

01.02.02 (Michael Zwenzner) -

Anachronistisch sei „der Glaube an strukturelles Denken. Dafür setzt man Monate seines Lebens ein, und das hört keiner und interessiert keinen. Man verliert sein Leben darüber. Es ist das Perverse unseres Musikbetriebs. Er ist auf Uraufführungen fixiert, dafür produzieren wir. Es geht dem Betrieb um die Uraufführung, um diesen Event, nicht um die Musik. Das heißt für uns, dass wir uns ständig immer etwas Neues aus dem Hirn saugen müssen." Wir zitieren Olga Neuwirth, aus einem Gespräch, abgedruckt im Programmheft der letzten Schwazer Klangspuren. Das Bild ängstigt: Komponisten als Rädchen in einer brav funktionierenden Gesellschaft mit dem Primat der Wirtschaft über alle (Kultur-)Politik und Lebensbereiche. Und der Fetisch Wachstum waltet längst auch hier: Gefordert ist die Massenfertigung des glanzvoll Immerneuen mit der Kehrseite besinnungslosen Konsums. Bis zum finalen Hörkollaps. Festivals zeitgenössischer Musik als heimliche Paraden des Geldgeists? Uraufführungen als Events, deren zugrundeliegende Hirn- und Herzleistung niemand mehr interessiert?

Voilà Viola

01.12.01 (Michael Zwenzner) -

„Die Violaspieler wurden stets aus dem Ausschusse der Violinspieler entnommen. War ein Musiker unfähig, den Violinposten schicklich zu bekleiden, so setzte er sich zur Viola. Daher kam es, daß die Bratschisten weder Violine noch Viola spielen konnten." So harsch urteilte Berlioz 1863 in seiner Instrumentationslehre und benannte damit vielleicht den Urgrund aller Bratscherwitze. Allerdings, der Mann war weitsichtig, nicht nur was das Komponieren anging: „Doch sieht man von Tag zu Tag mehr die Mißlichkeiten ein, die aus Duldung solcher Leute entstehen, und so wird die Viola nach und nach wie die anderen Instrumente nur geschickten Händen anvertraut werden." Geschickte Hände haben sie, heutige Bratschisten wie Garth Knox, Barbara Maurer oder Tabea Zimmermann, neben anderen vertreten in fünf Konzerten am 11./12. Januar in der WDR-Reihe „Musik der Zeit" in Köln. Und zwar mit einigen Uraufführungen: Zunächst erlebt Morton Feldmans „The Viola in My Life I-IV" die erste zyklische Gesamtdarstellung, dann folgen „viol consorts" von Peter Eötvös, Georg Kröll und Heinz Holliger (letztere bearbeiteten Binchois und Machaut). Der zweite Tag bringt ein „Solo" von Walter Fähndrich, zwei konzertante Werke von Jörg Widmann und Heinz Holliger, dazu Kammermusik mit Viola von Georg Kröll und James Tenney. Vorbei also die Zeiten, da Berlioz’ befand, „von allen Instrumenten im Orchester ist die Viola dasjenige, dessen ausgezeichnete Eigenschaften man am längsten verkannt hat."

Das Neue, unmöglich?

01.11.01 (Michael Zwenzner) -

Seit nahezu hundert Jahren spricht man nun von „Neuer Musik“, andererseits beklagen Kritiker in den letzten Jahren immer öfter, dass bei vielen Uraufführungen nicht wirklich Neues zu hören gewesen sei. „Was das Neue interessant macht, ist, dass das Neue auf verschiedene Weise und in verschiedenen Varianten ansetzt und deswegen auch oft nicht als solches anerkannt und erkannt wird.“ So der Kulturphilosoph Boris Groys. „Das ‚authentisch Neue’ gab es nie und wird es auch nicht geben, das ist eine Illusion. Wie alle Kunst- und Kulturbegriffe ist der Begriff des Neuen kontextabhängig.“ Das Nachdenken über solche Varianten des Neuen, über verschiedene Kontexte scheint bei Kritikern nicht sehr ausgeprägt.

Hörlust

01.10.01 (Michael Zwenzner) -

Donaueschingen, Graz, Brüssel – der musikalisch neugierige Zeitgenosse verbindet die Namen dieser Orte sofort mit Neuer und neuester Musik: kompakte Festivals als Enklaven der Hörlust in einer ohrenbetäubenden Zeit. Wer nun nicht ständig reisen kann, dem bleibt als Ersatz das Radio oder das Angebot vor Ort: Konzertreihen im Stile der Münchner musica viva oder der Kölner „Musik der Zeit“. In der öffentlichen Wahrnehmung bleiben diese Reihen allerdings weit hinter den genannten Festivals zurück – sehr zu Unrecht:

Uraufführungen

01.07.01 (Michael Zwenzner) -

Die Zeit der Festspiele, Festivals und Musikfestwochen ist wieder angebrochen, und fast ein jedes größere Exemplar schmückt sich mit mindestens einer Uraufführung – von möglichst internationalem Format. Was für einige Intendanten lediglich Alibifunktion im Rahmen des üblichen Festivaltrotts hat (kommt „Repertoire“ eigentlich von „Repetieren“?), ist für andere unverzichtbarer Bestandteil lebendig präsentierter Musikkultur, Beitrag zur Bildung eines zukünftigen Repertoires. Etwa für den Konzertgestalter Maurizio Pollini, der an seinen Salzburger „Progetto“-Abenden in den letzten Jahren erfolgreich gemischte Programme bot, in diesem Jahr (am 30. Juli) sein Konzert aber ausschließlich Neuer Musik widmet, darunter Uraufführungen von Giacomo Manzoni und Brian Ferneyhough. Manzoni liefert mit „Oltre la soglia“ für Mezzosopran und Streichquartett ein „in memoriam“ für den im vergangenen Jahr verstorbenen Franco Donatoni. Ferneyhough arbeitet sich mit seinem (um fünf neue Sätze ergänzten) knapp fünfzigminütigen „The Doctrine of Similarity“ für Chor und Ensemble an die zeitlichen Dimensionen seines zurzeit in Entstehung begriffenen Musiktheaterwerks heran. Angesichts der kompromisslos ausdifferenzierten Schreibweise dieses Wahl-Kaliforniers ist von Seiten des Klangforums Wien und des Arnold Schoenberg Chors ein Bravourstück zu erwarten.

Parallele Welten

01.06.01 (Michael Zwenzner) -

Kaum auszudenken: Alle städtischen Kliniken schlössen ihre Entbindungsstationen, die Kreißsäle würden eingemottet, Hebammen und Ärzte kümmerten sich ab sofort nur noch um Greise und Verstorbene. Ob Geburten, Kindergarten, Schulunterricht: Alles bliebe der privaten elterlichen Initiative überlassen. Nur hier und da gäbe es kleine öffentliche Zuschüsse ... Kaum auszuhalten: Münchner Marstall geschlossen, Kölner Studio für elektronische Musik eingemottet, (greise) Pultstars in Gold aufgewogen, Repertoire der großen Institutionen: zumeist Werke längst ausgestopfter Komponisten. Die Initiativen zur Zukunftssicherung einer ernst zu nehmenden Musikkultur liegen in den Händen einiger Privatpersonen. Den Mangel öffentlicher Gelder kompensieren sie mit Selbstausbeutung. Kurz: Die Ur- und Wiederaufführungsquote heutiger Kunstmusik bei den Veranstaltern verhält sich umgekehrt-proportional zu ihrer öffentlichen Förderung.

Uraufführungen

01.04.01 (Michael Zwenzner) -

Simon Rattle und das Berliner Philharmonische Orchester präsentieren Werke von Grisey und Messiaen: stürmischer Applaus, ausverkaufte Philharmonie. Pierre Boulez leitet das Ensemble InterContemporain im Münchner Prinzregententheater, auf dem Programm eigene Werke und ein Klavierkonzert von Philippe Manoury. Auch hier: ausverkauft, jubelndes Publikum. Das hiesige Interesse an (französischer) Gegenwartsmusik scheint enorm... Doch seit seiner Gründung 1976 war es für das Ensemble InterContemporain der allererste Auftritt in der „Musikstadt“ München! Und in Berlin gab es anlässlich der 18. Musik-Biennale zahlreiche hochkarätige Konzerte mit (Ur-) Aufführungen nicht nur französischer Provenienz: dies fast immer vor leidlich gefüllten Sälen.

Xkpfszt! Auf der Jagd nach Titeln

01.03.01 (Michael Zwenzner) -

Sinfonien? Suiten? Sonaten? Von wegen! Kompositionen heißen heute in der Regel anders. Warum das so ist? Vielleicht, weil Kunst und Leben in vorher ungekanntem Maße miteinander verschmolzen sind, und die ganze Welt – kompliziert wie sie ist – in all ihren Facetten heute den Stoff liefert, den man zum Komponieren braucht. Insofern wären Titel wie „cadmiumscharlachrot“ (für Posaune von Antoine Beuger erstmals am 7.3. in Düsseldorf), „Zwei nachzutragende Resonanzen für Ruthi“ (für Klavier von Yuval Shaked am 4.3. in Köln) oder „Schrödingers Katze“ (für Orchester von Fredrik Zeller am 15.3. in Berlin) samt der dazugehörigen Musik schlicht fantasievoller Ausdruck unserer Zeit. Vielleicht spielt aber auch eine Rolle, dass es sich im Zeitalter des schnellen Konsums und der mächtigen Schlagworte auch auf dem Musikmarkt zu behaupten gilt.

Der Bettelbrief zum „Battle Piece“

01.03.01 (Michael Zwenzner) -

Was macht einen zwischenzeitlich in Deutschland so gründlich vergessenen Komponisten wie Stefan Wolpe heute interessant? Ist es jener Joschka-Effekt, der zur Zeit das hiesige politische Klima bestimmt?

Musik-Termine - Uraufführungen

01.02.01 (Michael Zwenzner) -

„Ihre Suche führte zu folgendem Ergebnis: Ihre Suche führte zu keinem Ergebnis“: Das ist sie, die Poesie des Internets. Zumindest wenn man auf der städtischen Homepage Oldenburgs nach dem Festival „10 Jahre oh ton“ sucht, das in dieser Stadt vom 2. bis 4. Februar stattfindet. In der Rubrik Kultur/Konzerte trifft man dafür auf das Oldenburger Bockbierfest. Beim zweiten Versuch bekommt man dann vom Pressearchiv alles mit „oh“ ausgespuckt, etwa „Lustige Kohlfahrt dringend gesucht“ oder „Erntebasar und Flohmarkt...“. Nachdem an dieser Stelle der hohe Norden zuletzt schon schlecht weggekommen ist (was sofort einige Hamburger Stoßseufzer auslöste: „Mag ja alles stimmen, aber politisch ist ein solcher Artikel ganz schlecht...“), wollen wir dieses Mal etwas differenzierter an die Sache herangehen. Natürlich gibt es sie überall, die unermüdlichen Kämpfer für die Musikkultur jenseits der Big Events, auch in Hamburg. Und wir wollen hoffen, dass man in Oldenburg bald nachbessert, sonst wäre wieder allzu deutlich, auf wie wenig fruchtbaren Boden solches Engagement bei städtischen Kulturträgern bisweilen fällt. Mancher Floh mag sich in des einen oder anderen Ohr günstig niederlassen, wenn das oh ton-ensemble zwölf neue Kompositionen von Volker Heyn, Peter Köszeghy, Gustavo Beccera-Schmidt, Johannes Quint oder Helmut Oehring/Iris ter Schiphorst aufführen wird.
Vorbildlich die Stuttgarter Website. Eclat? Kein Problem. Musik der Jahrhunderte? Dito. Wer zwischen dem 8. und 12. Februar Zeit und Lust hat, reise nach Stuttgart, um dort 17 Uraufführungen beizuwohnen. Vom szenischen Projekt für Gitarrenduo von Thomas Witzmann über neue Orchester- und Vokalwerke (etwa von Nikolaus Brass, Georg Friedrich Haas, Uwe Kremp und Dror Feiler) bis zu einem Kinderzaubertheater mit Musik von John Cedric Brown reicht das Spektrum. Überproportional viele bisher kaum bekannte Komponistennamen im diesjährigen Programm lassen auf eine erfreuliche Neugier und Abenteuerlust im Leitungsteam von „Musik der Jahrhunderte“ schließen. So gut wie gewährleistet ist auf jeden Fall hohe Aufführungsqualität durch Ensembles wie das SWR Vokalensemble, die Ensembles Ictus und VARIANTI, das Gitarrenduo Bruck & Ross oder die Neuen Vocalsolisten.

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