Auf der Gebirgskette, die das Val D’Orcia von der Valdichiana trennt, erhebt sich auf einem Kalksteinhügel das malerische mittelalterliche Städtchen Montepulciano. Die Geschichte des Ortes reicht etwa bis zum Jahr 715 v. Chr. zurück und ist etruskischen Ursprungs. Im Mittelalter war die Herrschaft über Montepulciano stets Anlass für Streitigkeiten zwischen Florenz und Siena. Erst im Jahr 1404 gewann Florenz die Oberhand. Auf der Piazza Savonarola ist heute noch auf einer Säule der Löwe von Florenz „Il Marzocco“ als Wahrzeichen der florentinischen Herrschaft zu sehen. Neben zahlreichen weiteren Sehenswürdigkeiten kommen auch einige der besten Weine der Toskana aus dieser Region, unter anderem der bekannte Vino Nobile di Montepulciano.
Palazzo Ricci. Foto: Dario Pichini
Kollektive Neuinszenierung, europäischer Kontext
Die Geburt des Cantiere Internazionale d’Arte
Aber es gibt noch eine Besonderheit, die dem kleinen Ort internationale Beachtung gebracht hat: Im Herbst 1975 wandte sich die Stadt Montepulciano an den Komponisten Hans Werner Henze mit der Bitte, einen neuen Impuls für das kulturelle Leben der Stadt zu geben. Henze, der seit den 1950er- Jahren in Italien lebte und eng mit der Kulturszene der Toskana verbunden war, schien prädestiniert für diese Aufgabe. Seine Bestandsaufnahme vor Ort fiel jedoch ernüchternd aus: Es mangelte an musikalischer Bildung, die Musikschule war kaum funktionsfähig, das historische Theater geschlossen und baufällig, und das kulturelle Leben beschränkte sich weitgehend auf vereinzelte Filmvorführungen. Als einzige lebendige Tradition hatte sich das bis heute gepflegte Volksschauspiel „Bruscello“ erhalten.
Aus dieser Situation heraus entwickelte Henze ein Festival, allerdings nicht im herkömmlichen Sinne, sondern das Konzept eines „Cantiere Internazionale d’Arte“ – einer künstlerischen Werkstatt, die internationale Künstler*innen mit den Bewohnern der Stadt in einen produktiven Austausch bringen sollte. Bereits die erste Ausgabe im Jahr 1976 setzte programmatische Maßstäbe: Kollektive Arbeitsformen, interdisziplinäre Ansätze und die bewusste Öffnung hin zu einem lokalen Publikum prägten das Geschehen. Produktionen wie die Gemeinschaftsoper „Der heiße Ofen“, der Liederzyklus „Hommage à Kurt Weill“ oder die von Volker Schlöndorff und Mathieu Carrière inszenierte Kinderoper „Il palazzo zoologico“ zeigten exemplarisch, wie sich professionelle Kunstproduktion und partizipative Praxis miteinander verbinden lassen. Zugleich bot das Cantiere früh eine Plattform für junge Talente: Der damals 23-jährige Riccardo Chailly dirigierte Rossinis „Il Turco in Italia“, während Henze selbst – gemeinsam mit einem aus den Mitwirkenden gebildeten Chor – als Tenor auftrat und Giovanni Paisiellos „Don Chisciotte della Mancia“ für eine Aufführung auf der Piazza Grande neu einrichtete.
Palazzo Ricci und die Europäische Akademie: Ein Ort des Lernens und der Begegnung
Aus dem zunächst temporär angelegten Projekt entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten ein nachhaltiges Modell künstlerischer Produktion und Ausbildung. In enger Verbindung mit Henzes pädagogischem Wirken, unter anderem als Professor an der Hochschule für Musik und Tanz Köln (1980–1991), entstand die Vision, Montepulciano dauerhaft als internationalen Ausbildungsort zu etablieren. Sichtbarer Ausdruck dieser Entwicklung ist der Palazzo Ricci, ein Renaissancepalast im Zentrum der Stadt, der von der Kölner Hochschule und privaten Förderinnen und Förderern restauriert und 2001 als Europäische Akademie für Musik und Darstellende Kunst eröffnet wurde.
Seither bildet der Palazzo Ricci das institutionelle Pendant zum Cantiere: Während das Festival jährlich Henzes Idee eines gemeinschaftlichen, praxisorientierten Kunstbegriffs neu belebt, schafft die Akademie einen kontinuierlichen Raum für Lehre, Forschung und internationalen Austausch. Mit dem seit 2010 dort ansässigen Kolleg der Künste – einem Zusammenschluss der sieben Kunst- und Musikhochschulen Nordrhein-Westfalens – hat sich Montepulciano zudem als Labor interdisziplinärer künstlerischer Zusammenarbeit innerhalb des Studienlebens der Hochschulen etabliert eine Idee, die Henze schon in den 1980er-Jahren hatte, die sich damals aber aus verschiedenen Gründen (noch) nicht verwirklichen ließ.
Das Teatro Poliziano. Foto: Archiv der Comune di Montepulciano
Don Chisciotte della Mancia: Eine Neuproduktion als Echo der ursprünglichen Vision
Vor diesem historischen und institutionellen Hintergrund gewinnt das Jahr 2026 besondere Bedeutung: Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Cantiere, des 25-jährigen Bestehens der Akademie Palazzo Ricci sowie des 100. Geburtstags von Henze realisieren die sieben NRW-Hochschulen gemeinsam mit dem Cantiere eine Neuproduktion von „Don Chisciotte della Mancia“. Die Produktion wird inszeniert von Michael Dissmeier, der an der Hochschule für Musik Detmold lehrt, die musikalische Leitung übernimmt der italienische Dirigent Marco Angius, ein ausgewiesener Experte für zeitgenössische Musik. Bühnenbild und Kostüme entwerfen Studierende der Kunstakademie Düsseldorf unter der Leitung von Lena Newton, Ruth Groß und Hans Diernberger. Die Neuproduktion ist ein einmaliges und grenzüberschreitendes Gemeinschaftswerk der nordrhein-westfälischen Musik- und Kunsthochschulen, der Akademie Palazzo Ricci und der italienischen Cantiere-Stiftung, die etwa das Bühnenbild realisieren und mit dem Teatro Poliziano einen ganz besonderen Aufführungsort zur Verfügung stellen.
Die bewusste Rückkehr zu jenem Werk, das bereits 1976 programmatisch für den Aufbruch des Cantiere stand, ist dabei weit mehr als eine Reminiszenz. Vielmehr wird Henzes ursprüngliche Idee einer kollektiven, experimentellen Kunstpraxis unter den Bedingungen der Gegenwart fortgeschrieben und in einen europäischen Kontext überführt.
Auch ästhetisch erweist sich das Werk als anschlussfähig: Seine offene, nicht realistische Dramaturgie folgt einer assoziativen Logik, die vielfältige Perspektiven zulässt und individuelle künstlerische Handschriften begünstigt. Die Orientierung der Gesangspartien an klassischen Mozart-Fächern macht die Oper zugleich für die Arbeit mit Studierenden besonders geeignet. In Henzes Bearbeitung wird diese Struktur gezielt akzentuiert – als Einladung zu einem experimentellen Umgang mit Realität und Fiktion und als Plädoyer für künstlerische Freiheit.
Gerade hier verdichten sich Werk, Festivalidee und Gegenwartsperspektive zu einem gemeinsamen Diskursraum. Die Figur des Don Chisciotte wie auch Henze selbst stehen für einen künstlerischen Idealismus, der sich gegen scheinbar starre gesellschaftliche und institutionelle Strukturen richtet. In einer Zeit, die von politischen Umbrüchen, sozialen Spannungen und der Suche nach neuen Formen des Zusammenlebens geprägt ist, gewinnt dieses Momentum eine neue Dringlichkeit.
Das Projekt in Montepulciano macht somit exemplarisch sichtbar, welches Potenzial in einer Kunst liegt, die sich als kollektiver, grenzüberschreitender Prozess versteht: Es begreift künstlerische Praxis nicht nur als Reflexion von Wirklichkeit, sondern als aktive Kraft zu deren Gestaltung – und setzt damit ein Signal, das weit über den lokalen Kontext hinausweist. Begleitet wird die Aufführung durch eine internationale wissenschaftliche Tagung, die in den Räumlichkeiten des Palazzo Ricci stattfinden wird.
Aufführungen:
Premiere: 18. Juli 2026 Teatro Poliziano
Montepulciano
Aufführung: 19. Juli 2026 Teatro Poliziano Montepulciano
Begleitprogramm und Tagung: 17.7. – 18.7.2026
Palazzo Ricci/Rathaus Montepulciano: 25 Jahre Akademie im Palazzo Ricci. Entstehung, Entwicklung und Perspektiven. 100 Jahre Hans Werner Henze. Wirken H.W. Henzes in Italien und Nachlass. 50 Jahre Don Chisciotte Uraufführung und Neuinszenierung der Oper Don Chisciotte della Mancia 1976/2026
Wiederaufführungen:
1. November 2026 Theater Gütersloh
6. November 2026 Hochschule für Musik und Tanz Köln
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