Fernab vom Lärm der Welt öffnen sich hinter dicken Mauern Fenster zum Himmel. Im Garten ein Labyrinth, im Wald ein verborgener Brunnen, im Tal die Urft. Die Abgeschiedenheit macht Kloster Steinfeld zu einem Sehnsuchtsziel in der nördlichen Eifel. Wenig lenkt in diesem Refugium aus dem frühen 12. Jahrhundert ab von kontemplativer Konzentration. Was auch das Hören schult: auf die Klänge der Natur, auf die Nuancen einzelner oder auch vieler Stimmen, auf das gesprochene Wort, auf die Stille, auf Musik.
Olivia Stahn in den Arkadengängen des Klosters Steinfeld. Foto: Torsten Podraza/TRANSIENT Impulsfestival
Übergänge erlebbar machen
An der besonderen Empfindsamkeit, die Menschen beim gemeinsamen Erleben an einem Kraftort wie diesem unwillkürlich zueinander bringt, setzt das Impulsfestival des TRANSIENT-Projekts „Music for Places“ an. Unter dem Motto „Steinfelder Resonanzen“ gingen Künstlerinnen und Künstler aus der Region mit internationalen Gästen an zwei Tagen im Mai dem nach, was das genau hier Gewordene zu erzählen vermag.
Die Eifel sei „das wichtigste Ensemblemitglied“, sagt der Festivalleiter, Blockflötensolist und Hochschulprofessor Jeremias Schwarzer. Die Aufmerksamkeit der Kunstschaffenden richte sich aus auf die „Kreativität um uns herum“, auf die Landschaft, in der „ganz viel an Erinnerung gespeichert“ sei. Das Projekt arbeite forschend, gehe dem nach, was in der Gegend vorhanden sei, und zwar sehr elementar.
Von 2026 bis 2029 wird TRANSIENT eingebunden in den künstlerisch noch weiter gespannten Bogen der Steinfelder Kulturtage und auch Teil des Förderprogramms „LOKAL“ der Kulturstiftung des Bundes sein. Diese Vernetzung zielt darauf, im Zusammenspiel mit örtlichen Communities künstlerische Formate zu entwickeln, an denen sich viele beteiligen können. Die Begrifflichkeit des Übergangs – „trans“ steht im Lateinischen für „über/durch“ und „ire“ für „gehen“ – soll auf immer wieder neue Weise reflektiert werden.
Von hier nach dort, das könnte die Bewegungsrichtung sein, die sich beim Impulsfestival durch sämtliche Veranstaltungen zieht. Schon das Eröffnungskonzert schlägt eine Brücke zwischen Welten. Die Pianistin Serra Tavsanli verbindet die klanglichen Erinnerungen an ihre Kindheit in Istanbul mit Robert Schumanns „Kinderszenen“, aber auch mit Musik von Johann Sebastian Bach oder Fanny Hensel. Sie beschwört, unterstrichen durch Videosequenzen von Folkert Uhde und persönliche Erzählungen, das Gemeinsame zwischen Ost und West und bündelt, was sie sagen will, in den klugen Versen des Dichters Yunus Emre (1240–1321): „…lasst uns in Liebe leben, niemand überlebt die Welt.“ Diese Botschaft richtete sich zuvor auch an rund 250 Jugendliche bei zwei Schulkonzerten.
Der Festivalauftakt fand im bestuhlten Rahmen der Aula des Steinfelder Gymnasiums statt; untypisch für TRANSIENT, bei dem die Grenzen zwischen Ausführenden und Publikum möglichst durchlässig gestaltet werden sollen. Und so trifft am nächsten Morgen eine Gruppe von Blasmusikerinnen und Blasmusikern aus der Nähe im Klostergarten auf Menschen, die einfach so zuhören können – beim Bummel übers Gelände, auf der Picknickdecke, auf der Parkbank. Die Musik wolle der „spirituellen DNA des Ortes“ nachspüren, sagt Jeremias Schwarzer einleitend, und dann entfaltet sich eine Klanglandschaft, bei der sich in stetem Fluss Töne verschieben, mit jazzigen Anklängen, sehr frei. Zwei Tage lang hatten Saxophonist und Komponist Frank Reinshagen und Posaunistin Maxine Troglauer mit dem Ensemble BraZZanova gearbeitet und diese generationenübergreifende Gruppe ermutigt, am Ort selbst eine je eigene Form des Improvisierens zu finden. Das Unterfangen gelingt.
Am Nachmittag geht es mitten hinein in die hügelige Eifellandschaft. Schauspielerin Heidrun Grote hat mit der Theaterschule Nettersheim eine literarisch-musikalische Wanderung vorbereitet. Auf dem Weg durch Wald, Feld und Flur treten Texte der Autorin Marie T. Martin in einen überraschenden Dialog. Plötzlich gibt es ein gesangliches Echo (Olivia Stahn, Sopran) von der anderen Talseite. Es gibt Begegnungen mit rastlos rastenden Wanderern im absurd anmutenden Gespräch, und auch die Besinnung auf das eigene Ich findet Raum. Kaleidoskopartig formt sich ein immer wieder neues Bild. Tragendes Motiv ist Eichendorffs „Wünschelrute“. Dessen „Schläft ein Lied in allen Dingen…“ bringt das Ansinnen des TRANSIENT Interdisciplinary Research Ensemble um Jeremias Schwarzer und die Konzertdesigner Folkert Uhde und Ilka Seifert auf den Punkt.
Im Kreuzgang des Klosters werden Übergänge besonders sicht- und erlebbar. Die Wandelkonzerte „Kreuzgang I und II“ bespielen die Arkadengänge des sich zur Mitte hin öffnenden Raums mit ruhigen, auf Widerhall ausgelegten Werken. Mittelalterliches trifft Zeitgenössisches, und das Gestein der Eifel selbst wird hörbar: in einer Klanginstallation von Leon Senger und in einer Performance des Chors der Steinfelder Basilika.
All das durfte Nachklingen in einem Nachtkonzert in der Schülerkapelle des Klosters. Jeremias Schwarzer verband persische Ney-Musik mit Werken aus Barock, Mittelalter und Gegenwart. Und ließ spüren, welch universelle Kraft in diesen Weisen liegt.
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