Hauptbild
Intime Wettbewerbsatmosphäre rund um Fanny Hensel: das Siegerduo Clark/Doubijanski. Foto: Juan Martin Koch

Intime Wettbewerbsatmosphäre rund um Fanny Hensel: das Siegerduo Clark/Doubijanski. Foto: Juan Martin Koch

Banner Full-Size

Zwischen den Pianos, zwischen den Welten

Untertitel
Die Musikakademie Schloss Weißenbrunn setzt auf Residenzen, Wettbewerbe und Musikvermittlung
Vorspann / Teaser

Es ist eine wunderbare Fahrt: Von Bamberg aus geht es nördlich durch die malerische, dünn besiedelte Landschaft der Haßberge und plötzlich taucht da links das Schloss Weißenbrunn auf. Als Musikakademie hat es sich seit 2020 zu einer Studien- und Begegnungsstätte mit dem Schwerpunkt historische Aufführungspraxis, insbesondere auf Tasteninstrumenten, entwickelt.

Publikationsdatum
Paragraphs
Text

Initiatorin der Akademie ist die Kirchenmusikerin Pia Praetorius, die von 1999 bis 2017 als Kantorin an der evangelisch-lutherischen Kirche St. Egidien in Nürnberg tätig war. Zusammen mit Wolfgang Kropp gründete sie in der Folge die Schloss Weißenbrunn Stiftung und veranstaltet seit nunmehr sechs Jahren Kurse, Konzerte, Artist-in-Residence-Programme, Wettbewerbe und Education-Projekte.

„Die Residenzen sind ein Kind der Coronazeit“, erzählt Pia Praetorius. „Was machen die jungen Musikerinnen und Musiker jetzt eigentlich alle, habe ich mich gefragt. Die haben jetzt einerseits so viel Zeit und andererseits womöglich keine Instrumente. Da wollten wir ein Angebot schaffen, damit sie zumindest arbeiten und üben konnten – zu zweit war das ja erlaubt.“ Der Schwerpunkt auf die historische Aufführungspraxis geht auf Praetorius’ Arbeit in Nürnberg zurück, wo sie viele Kontakte in der Szene aufgebaut hat. Auch ihre Affinität zu Tasteninstrumenten kommt von der kirchenmusikalischen Praxis her und so ist Stück für Stück eine exquisite Sammlung von Originalinstrumenten entstanden, die sich nun auf mehrere Räume im Schloss verteilen und im Rahmen der Arbeitsaufenthalte auch bespielt werden können.

In der Regel wählt die Stiftung ein Jahresthema und schreibt dazu Stipendien für die Residenzen aus. Im vergangenen Jahr stand die Komponistin Fanny Hensel im Mittelpunkt und da die Bewerbungslage so außergewöhnlich gut war, wurden mit sieben Aufenthalten mehr als sonst gewährt. Außerdem entstand daraus die Idee, 2026 den Fanny Hensel Wettbewerb für Lied-Duos zu veranstalten, der dann Ende April in intimer Atmosphäre vor Publikum ausgetragen wurde.

Drei Hammerflügel zur Auswahl

Die acht nach einer Video-Bewerbung ausgewählten Duos hatten dabei Gelegenheit, ihr Kurzprogramm aus etwa sechs Liedern von Fanny Hensel und ihrem Bruder Felix Mendelssohn Bartholdy zu präsentieren. Den besonderen Reiz machte dabei die Tatsache aus, dass die Pianist:innen zwischen drei historischen Hammerflügeln aus der Sammlung wählen und wechseln konnten: Die Fortepianos von Brodmann (1827), Graf (1824) und Pleyel (1836) zeigten dabei große Unterschiede in Bespielbarkeit und Klangcharakter, was die Duos immer wieder auf schlüssige Weise in ihre Programmfolge einbezogen.

Bild
Ein Musikpavillon ermöglicht Open-Air-Konzerte. Foto: Koch

Ein Musikpavillon ermöglicht Open-Air-Konzerte. Foto: Koch

Text

Die Jury (Olga Pashchenko, Dmitry Ablogin, Jan Kobow und Pia Praetorius) zeichnete schließlich durchaus nachvollziehbar das Duo George Clark, Bariton, und Rachel Doubijanski (Großbritannien/Deutschland) mit dem 1. Preis (8.500 Euro), Benedetta Zanotto, Sopran, und Axel Trolese (Italien) mit dem 2. Preis (5.000 Euro) und das Duo Convivium (Lucia Boisserée, Sopran, und Tung-Han Hu, Deutschland/Taiwan) mit dem 3. Preis (3.000 Euro) aus. Dank zweier Publikumspreise – einer vor Ort, einer als Online-Abstimmung auf Basis des Live-Streams –, diverser Konzerteinladungen und des Henle-Sonderpreises ging erfreulicherweise kein Duo leer aus.

Für letzteren war Annette Oppermann, die Herausgeberin der kürzlich erschienenen Ausgabe ausgewählter Lieder (siehe Seite 8) vor Ort. Dass das Publikum mit ihr, den Teilnehmenden oder auch mit dem für die gute Stimmung verantwortlichen Experten für historische Tasteninstrumente Georg Ott zwischendurch ganz selbstverständlich ins Gespräch kommen konnte, machte neben dem künstlerischen Niveau den Reiz der gelungenen Veranstaltung aus.

Der Mitschnitt des Wettbewerbskonzerts kann bei Youtube eingesehen werden, ebenso viele weitere Filme, die während der Residenzen der vergangenen Jahre entstanden sind. Denn diese bieten den Nachwuchskünstlern nicht nur den Rückzug in die Abgeschiedenheit des Schlosses und die Konzentration auf die Feinarbeit am jeweiligen Repertoire, sondern auch professionelle Videos von Yoél Culiner, der sich mit seiner Produktionsfirma in der Musikszene einen ausgezeichneten Ruf erarbeitet hat.

Mitmach-Musikprojekte

Ein weiteres Feld, das die Stiftung für sich entdeckt hat, sind Angebote für Kinder und Jugendliche. Die Idee, spezielle Open-Air-Konzerte im Gartenpavillon anzubieten, wurde angesichts der weiten Anfahrtswege für Familien bald zugunsten von Schulbesuchen modifiziert, die nun im dritten Jahr angeboten werden. So konnten sich Musikvermittler:innen mit Konzepten für „Mitmach-Musikprojekte“ bei der Stiftung bewerben, die sie nach entsprechender Auswahl im Schloss weiter ausarbeiten, proben und schließlich in den Schulen durchführen können. Zu diesen Vermittlungsangeboten werden ebenfalls Videos erstellt, mit denen die Gruppen sich dann auch anderswo ins Gespräch bringen können.

Bild
Historische Tasteninstrumente in historischem Ambiente. Foto: Koch

Historische Tasteninstrumente in historischem Ambiente. Foto: Koch

Text

„Durch die Erfahrungen der zwei vergangenen Jahre wissen wir mittlerweile sehr gut, was Schulen brauchen und was sich im Schulalltag gut integrieren lässt“, sagt Pia Praetorius. „Wir schreiben unsere Projekte mittlerweile sehr konkret für eine ganz spezielle Altersgruppe aus und erreichen damit viele Grundschulen und Kindergärten in einem Radius von Ebern bis Kronach.“ So werden im Herbst die Gruppen Amaconsort und Barock_Plus mit Grundschul- und Vorschulkindern musizieren, das Trio Compáz wird in 6. Klassen an Mittelschulen und Gymnasien eine „Klangreise Brasilien“ antreten und das Patagonien Quartett wird sich in 11. Klassen am Gymnasium „Zwischen Wien & Lateinamerika“ bewegen.

Das Interesse der Schulen sei groß, weiß Pia Praetorius zu berichten. Die Stiftung arbeite derzeit daran, weitere Förderer zu gewinnen, um das Angebot auszuweiten. Die Bewerberlage entwickele sich positiv, freut sich die Schlossherrin: „Unsere Initiative spricht sich sowohl bei den Musikern als auch bei den Schulen herum. Wir sehen uns da vor allem in einer Rolle als Vermittler zwischen den beiden Welten.“

Weiterlesen mit nmz+

Sie haben bereits ein Online Abo? Hier einloggen.

 

Testen Sie das Digital Abo drei Monate lang für nur € 4,50

oder upgraden Sie Ihr bestehendes Print-Abo für nur € 10,00.

Ihr Account wird sofort freigeschaltet!