«Buuuh!» - Wenn Opernbesuchern der Kragen platzt


09.05.16 -
Berlin - Operngäste können wütend werden - einige buhen einem Regisseur nach der Vorstellung dann ihren Ärger ins Gesicht. Passt das eigentlich zu den Umgangsformen in der Hochkultur? Was Spitzendirigenten, ein Opernfan und der Knigge dazu sagen.
09.05.2016 - Von dpa, Julia Kilian, KIZ

Bernd Schwab schiebt erstmal eines vorneweg. «Ich applaudiere ganz heftig und ganz viel», sagt er. «Da darf jetzt kein falscher Eindruck entstehen.» Schwab ist ein eher unauffälliger Mann, Anfang 60, mit Hemd und Jackett. Er geht privat viel in die Oper. Viel, das heißt bei ihm etwa siebzig Abende im Jahr. Bernd Schwab klatscht dann gern. Bernd Schwab ist aber auch schon heiser aus dem Saal gegangen. Weil er so viel gebuht hat.

Für ihn sei das manchmal der einzige Weg, seinen Ärger loszuwerden, sagt der Berliner, nämlich wenn er die Inszenierung eines Regisseurs gar nicht verstehe. Es ist nicht so, dass sich Schwab keine Mühe gibt. Er sagt, er lese viel, bevor er eine Premiere sieht. Überhaupt, neue Inszenierungen schaut er mindestens dreimal. Um reinzukommen ins Stück. Manchmal platzt ihm dann aber trotzdem der Kragen.

«Ich bin ja der Regie ausgeliefert, nix weiter. Ich kann ja nichts machen», sagt er. «Dann staut sich irgendetwas halt auf.» Dann wird er laut.

Wikipedia erklärt im Eintrag Buhruf unter «Vorgang»: «Hierbei wird in der Regel tatsächlich laut «Buh» gerufen». In deutschen Opernhäusern kann man das Phänomen krakeelender Zuschauer manchmal erleben, allen voran in Berlin und Bayreuth. So erklärt es Musikwissenschaftler Anno Mungen von der Universität Bayreuth. «Wo es relativ selten der Fall ist? In den USA. In New York habe ich das nicht erlebt, an der Met.»

Buhrufe hätten in der Musikgeschichte durchaus Tradition, sagt Mungen. Früher habe es ohnehin ein größeres Repertoire an Publikumsreaktionen gegeben. Auch Kritiker der Zeitungen hätten früher viel berichtet, wie das Publikum reagiert.

Aber Buhrufe in der Oper? Dem Zuhause der Hochkultur? Damit ist nicht jeder einverstanden, allen voran naturgemäß die Opernmacher selbst. Dirigent Daniel Barenboim von der Berliner Staatsoper findet das primitiv. «Sehen Sie: Wenn Sie in ein sehr gutes Restaurant gehen und das Essen gefällt Ihnen nicht, gehen Sie dann in die Küche und schreien den Koch an? Nein!», sagte der 73-Jährige der dpa. «Sie geben vielleicht ein bisschen weniger Trinkgeld als sonst und gehen vielleicht nie wieder in dieses Restaurant.» In der Oper ist das natürlich nicht ganz so einfach.

Ähnlich wie Barenboim sieht es auch Dirigent Christoph Eschenbach vom National Symphony Orchestra in Washington. «Ich finde schon diesen Laut - oder diesen Unlaut - Buh, finde ich etwas sehr Vulgäres und Hässliches», sagt der 76-Jährige. Wenn man es nicht möge, solle man nicht klatschen und rausgehen. Buhrufe sein vulgär. «Und man versucht damit auch, die Leute, die begeistert sind runter zu buhen», sagte Eschenbach. «Das ist so was wie Bürgerkrieg im Publikum.»

Auf neue Zuschauer kann das in der Tat komisch wirken, wenn im Publikum manche in tiefen Lauten losbuhen. Und andere fleißig weiter klatschen. Das kann fast zu einem zweiten Konzert ausufern. Buuuuh. Klatschklatschklatsch. Nach Angaben der Deutschen Oper sind Buhrufe grundsätzlich zulässig. «Es ist selbstverständlich erlaubt, im Zuschauerraum seine Meinung kundzutun», sagt eine Sprecherin. Und was sagt der Knigge, die Benehmensbibel?

Linda Kaiser von der Deutschen Knigge Gesellschaft findet Buhrufe unangebracht und überflüssig. «Buh-Rufe können nicht erwidert oder diskutiert werden und stehen so - als Form der Meinungsbekundung - für einen höflichen Menschen nicht zur Verfügung», schreibt sie auf Nachfrage. Wenn es einem gar nicht gefalle, könne man in der Pause gehen. «Leere Zuschauerplätze sprechen für sich.»

Auch Bernd Schwab entscheidet sich manchmal so. Oder er verweigert den Applaus. Er ist ja kein unhöflicher Mensch. Wenn er in sein Lieblingsopernhaus - die Deutsche Oper in Berlin - geht, kennt er die Pförtner mit Namen und winkt vielen Menschen. Er sagt, er würde nie einen Sänger ausbuhen. «Das finde ich unfair.» Aber seinem Unmut über einen Regisseur macht er Luft. Sein «Buhgewitter», so nennt Schwab das, hat er in der aktuellen Saison schon drei mal losgelassen.

Er glaubt, es würden eigentlich oft mehr Menschen buhen, sie trauten sich aber nicht. Der Saal voller Zuschauer bilde ja eine Gemeinschaft, wenn alle zusammen applaudierten. «Sie setzten sich ja als Buher davon ab», erklärt er. Man schließe sich selbst aus, was für Menschen eine gewisse Hemmschwelle bedeute. «Deswegen glaube ich, gibt es auch eine ganze Menge Menschen, die nie buhen», sagt Schwab. «Obwohl sie mir dann danach erzählen, sie seien ja entrüstet über die Inszenierung!»

 

Hintergrund

Opernfans warfen früher Gedichte und Orangen auf die Bühne

Berlin (dpa) - Opernsänger sind im 19. Jahrhundert oft mit Gedichten, Lorbeerkränzen oder Orangen für gute Leistungen bedacht worden. Solche Dinge seien damals auf die Bühne geworfen worden, erklärt Musikwissenschaftler Anno Mungen von der Universität Bayreuth. Früher habe es eine größere Palette an Publikumsreaktionen gegeben als man das heute kenne.

Sängerinnen seien zum Beispiel auch mit Namen gerufen worden. «Aber es wurde natürlich auch gebuht, gezischt oder es wurden Skandale angezettelt, wenn einem etwas nicht passte, damit die Vorführung unterbrochen wird», sagt Mungen. Auch Buhrufe waren neben dem heute typischen Applaus schon bekannt.

Kritiker erwähnten diese Reaktionen damals prominent in ihren Berichten. Die Zeitungen hätten damals weniger von der Inszenierung berichtet, sondern von den Sängern und den Reaktionen, erklärt Mungen. Für die Theater sei das sehr wichtig gewesen - sie hätten ihren Spielplan entsprechend kurzfristig angepasst. Heute wird das mit großem Vorlauf arrangiert.

Weil die Publikumsreaktionen damals noch wichtiger waren als heute, kam es wohl auch zu Schummeleien: Claqueure wurden im 19. Jahrhundert vom Theater dafür bezahlt, dass sie sich unters Publikum mischten und die Aufführung bejubelten. «Es gab solche Praktiken», sagt Mungen. Wie verbreitet das gewesen sei, sei aber unklar. Das sei schwierig herauszufinden.

 

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