Gitarrenlegende John McLaughlin wird 80: «Ich liebe mein Instrument»


03.01.22 -
London - Er musizierte mit Miles Davis, gründete das Mahavishnu Orchestra und tritt regelmäßig mit einem indischen Kollektiv auf. John McLaughlin gilt als einer der einflussreichsten Jazzmusiker und Pionier der Fusion. Mit 80 ist seine musikalische Leidenschaft ungebrochen.
03.01.2022 - Von dpa, Philip Dethlefs, KIZ

John McLaughlin ist bestens gelaunt. Vor seinem 80. Geburtstag am Dienstag (4. Januar) erfreut sich der britische Jazzgitarrist guter Gesundheit und sprüht vor musikalischer Begeisterung. Permanent arbeitet er an neuer Musik. «Ich weiß, was ich gestern gemacht habe, aber das war gestern, heute ist neu», sagt McLaughlin im Zoom-Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. «Ich finde jeden Tag etwas Neues, denn die Gegenwart ist voller Möglichkeiten. Es ist wunderbar.»

Als Elfjähriger entdeckte McLaughlin die Gitarre für sich. Seitdem sei kaum ein Tag vergangen, an dem er sie nicht gespielt habe. «Ich liebe das Instrument heute noch genauso wie damals, als ich elf Jahre alt war», sagt er. «Wenn ich Gitarre spiele, ist es in gewisser Weise Arbeit, aber für mich ist es keine Arbeit, weil ich allein durchs Spielen ungeheure Freude und Befriedigung verspüre.»

Auf seinen Ehrentag blickt er mit Humor. «Jeder wird irgendwann 60, oder?», scherzt der im englischen Doncaster geborene Musikveteran, der aus seiner Wahlheimat Monaco zugeschaltet ist. «Ich fühle mich sehr gut. Ich hab wirklich extrem Glück, dass ich so gesund bin. Aber ich glaube, das liegt in der Familie.» Er ist das jüngste von fünf Geschwistern. Sein zehn Jahre älterer Bruder fahre immer noch täglich Fahrrad und sei bei klarem Verstand, erzählt McLaughlin. Sein eigenes Fitnessrezept ist eine tägliche Routine aus Meditation und Yoga.

Anfangen hat der Gitarrist mit beidem in den 60er Jahren. «Wir waren Hippies und haben versucht, die großen Fragen des Lebens zu beantworten. Wir haben alle LSD eingeworfen, was damals legal war, wie ich betonen möchte.» Andere Drogen habe er nicht angerührt, so McLaughlin. Aber nach einem «halben Dutzend LSD-Trips» sei ihm die Erkenntnis gekommen. «1966 oder 1967 hab ich gesagt: Ich hab's verstanden, ich kann die Welt nicht verändern, aber ich kann mich ändern. Und wenn ich mich ändere, hat sich die Welt verändert.

Die Musikwelt hat John McLaughlin kurz darauf revolutioniert. Im Jahr 1969 zog er nach New York, wo er neben Organist Larry Young eines der Gründungsmitglieder von The Tony Williams Lifetime war. Die Band um den gleichnamigen Jazzschlagzeuger zählt zu den Wegbereitern des Fusion-Genres. Doch noch bevor das Trio seine erste Platte aufnahm, rekrutierte Startrompeter Miles Davis, für den Williams getrommelt hatte, McLaughlin für sein wegweisendes Album «In A Silent Way».

Als Teenager hatte McLaughlin für Davis geschwärmt. Mit Mitte 20 stand er mit ihm im Studio. «Das war wie ein Traum, der wahr wurde», erinnert er sich. «Ich habe Miles erstmals an dem Tag getroffen, als ich in New York angekommen bin. Und er kannte meinen Namen schon. Er hatte mich noch nie spielen gehört, aber tags drauf war ich mit Tony bei ihm zuhause und er sagte: «Wir nehmen morgen auf, also bring deine Gitarre mit.» Das war ein großer Schock.» McLaughlin bestand die Feuertaufe und die Jazzikone wurde zu seinem Mentor.

«Ich war absolut erstaunt, wie Miles mich dazu brachte, auf eine Art zu spielen, auf die ich selbst nie gekommen wäre», sagt McLaughlin, der auch auf Davis' Nachfolge-Alben zu hören ist. Der Trompeter war so begeistert vom Gitarristen, dass er einen Song nach ihm benannte. Track vier auf «Bitches Brew» heißt schlicht «John McLaughlin».

McLaughlin spricht über Davis (1926-1991) wie über einen Vater. «Miles war mein König», sagt er. «Er war wie ein Pate für mich, denn er hat dafür gesorgt, dass ich überlebt habe. Mit Tony habe ich 20 Dollar pro Abend verdient. Damit kam man in New York kaum über die Runden. Aber immer, wenn ich Miles gesehen habe, hat er mir einen Hunderter in die Tasche gesteckt. «Du musst was essen und die Miete bezahlen», hat er gesagt. Er hat sich wirklich gut um mich gekümmert. Ein toller Kerl.»

Miles war es auch, der McLaughlin riet, eine eigene Band zu gründen. So formierte er 1971 das Mahavishnu Orchestra, eine der bedeutendsten Fusion- und Jazzrock-Bands, die jedoch nicht lange zusammenblieb. «Das Problem war, dass wir zu schnell zu viel Erfolg hatten», sagt McLaughlin. Egos und unterschiedliche Lebensweisen hätten ebenfalls zur Trennung beigetragen. «Damals hieß es Sex, Drugs und Rock'n'Roll. Das war nichts für mich. Ich hab im Hotel Salat gegessen, meditiert und geschlafen, während die anderen Jungs losgezogen sind. Vielleicht fanden sie mich etwas unsozial, weil ich keine Lust dazu hatte.»

Mit Alkohol hatte er nicht viel am Hut, weil er als 16-Jähriger schlechte Erfahrungen gemacht hatte. «All die Musiker in der Band waren älter als ich und alle waren Trinker», erinnert sich McLaughlin an seine Anfänge. «Und nach nur einer Woche in der Band war ich von Whiskey, Gin und Bier besoffen gewesen und war krank von allem. Ich hab danach bis Mitte 30 keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt.»

Heute trinkt er gern Wein. Zum Geburtstag wird sich McLaughlin ein Gläschen gönnen. Er plant eine große Party. «Wenn es Corona erlaubt», sagt er. «Es ist echt beunruhigend.» Wegen der Pandemie musste er viele Konzerte absagen. «Ich war an einem Punkt, wo ich so frustriert war, dass ich ein bisschen verrückt geworden bin. Aber aus dieser Verrücktheit heraus hab ich angefangen, Musik zu schreiben, viel Musik. Daraus wurde «Liberation Time»» - sein aktuelles Album.

Nach dem Erfolg von «Liberation Time», das im Wesentlichen entstand, indem sich McLaughlin und die beteiligten Musiker ihre Aufnahmen hin- und herschickten, arbeitet der Tausendsassa jetzt am nächsten Album mit seiner Band Shakti, die er in den 70ern gegründet hatte. «Da freue ich mich wirklich sehr drauf», sagt er. Während McLaughlin im Studio bei sich zu Hause aufnimmt, sind die anderen Musiker über Indien und die USA verstreut. «Na klar ist es schöner, live mit ihnen zu spielen. Aber wenn du deine Datei zurückbekommst, auf der diese Maestros spielen, und du setzt deine Kopfhörer auf und hältst dein Instrument in der Hand, dann bist du mit ihnen in einem Raum.»

Seit 25 Jahren ist er mit seiner deutschen Frau Ina verheiratet. «Ich habe Deutschland immer geliebt», schwärmt John McLaughlin, der auch Deutsch spricht. 2022 will er wieder auf der Bühne stehen. Im März sind auch zehn Konzerte in Deutschland geplant, wenn es die Pandemie erlaubt. «Ich hoffe es», sagt McLaughlin. «Ich klopfe auf Holz.»

 

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