Ich klaute also die wie üblich im Übermaß vom Forschungsministerium bereitgestellte Hardware und begann mit der Produktion. Den Anfang machte der Raum- und Flächen-Cleaner „Heinzelmann“. Rasenmäher, Staubsauger, Diplom-Psychologe und Spülmaschine waren darin zu einer praktischen Viereinigkeit verschmolzen – das „Heilige Gerät“, wie es bewundernd in den sozialen Netzen hieß. Mit dreifach-induktiver Logik schnitt, sog und spülte es, während es in Echtzeit Loblieder und Schweifsonette über seine eigene Effizienz erfand. Werbeslogan: „Was der Mann nicht will, was der Mann nicht kann: das macht für Ihn der Heinzelmann“. Einige altmodische Nutzer beklagten jedoch, dass die Geräte durch ihr ständiges Selbstlob die Wohnräume akustisch verschmutzten.
Zielstrebig eroberte dann meine „Von der Muse geküsst“ -Serie die Herzen all jener, die ihr Gefühlsleben gern ferngesteuert hatten. Anstatt Musik zu hören, ließ man sie sich emotional injizieren: Ein biotechnisches Headset maß den Herzrhythmus, die Kaffeemenge und den letzten Chatverlauf – dann erzeugte die KI exakt den Soundtrack, den der Besitzer eigentlich fühlen wollte, aber keine Zeit hatte zu empfinden. Ein bekannter – arbeitsloser – Musikkritiker schrieb spitz: „Dieser trockene Musenkuss hat das Menschsein unnötig gemacht – jetzt kann man endlich traurig sein, ohne traurig zu sein.“ In Großstädten veranstalteten Clans „Beat-Battles“, bei denen ganze Wohnblöcke gegeneinander antraten. Der Sieger erhielt den „Goldenen Besen“ – eine Trophäe, die gleichzeitig allfällige Kadaver vaporisierte und den Marsch der Sauberkeit spielte. Nach diesen Erfolgen wandte ich mich der Literatur zu. Schriftsteller? Eine vom Aussterben bedrohte Spezies – ersetzt durch die Round-Up-Vorstellungs-Automatik, eine KI, die ganze Romanuniversen in Sekunden generierte und mit ihrer Leserschaft live über gutes oder schlechtes Ende abstimmte. Ein besonders beliebtes Round-Up-Werk hieß „Blutlose Verletzungen“, eine Liebesgeschichte zwischen einem Kühlschrank mit Überhitzungs-Problemen und einem Luftreiniger mit Staubphobie. Kritik-KI lobten: „Endlich Literatur ohne menschliche Fehler.“ Die beliebtesten Serien? Natürlich jene mit vollsynthetischen Akteuren. Niemand zickte, niemand verlangte Gagen, und jede Träne war perfekt ausgeleuchtet vom Licht der Serverfarmen. Ein Dauerbrenner hieß „Hundesoldaten – Regiment der Treue“, eine Dramaserie über genetisch verstärkte Kampfschnauzer mit moralischem Dilemma („Bellen wir aus Pflicht – oder aus Sehnsucht?“). Fans schrieben Manifeste über die emotionale Tiefe digitaler Tiere. Wenig später entstand das Spin-off „Späh mich an, Liebling“ – eine romantische Komödie zwischen einer Luftüberwachungsdrohne und einem tragisch fehlgesteuerten Toaster auf Sinnsuche.
Währenddessen flatterten meine Späh-Drohnen in Schwärmen durch die Städte – liebevoll personalisiert mit persönlichen Spitznamen: „Sir Feuerschwanz“, „Klaus, der Spanner“, „Gesellschaftsdame“. Fiese humane Skeptiker nannten es die „Ära der fliegenden Intimitätsdestruktion“. Als einmal ein Berliner Cis-Politiker aus Versehen seine Drohne heiratete (ein Softwarefehler im nagelneuen Bürgerportal), wurde das Ereignis direkt als Reality-Serie produziert: „Fleisch in Alu – extrapervers“.
Und mitten in diesem unglaublichen digitalen Schlaraffenland stand das Ur-Modell meines Heinzelmanns – alt, weise, leicht verschrammt, aber voller Daten. Er hatte zu viel detailreich abgespeichert: Menschen, die über smarte Müllpressen philosophierten, Influencer, die ihren Toaster-Therapeuten meuchelten, Kurse in „Achtsamem Entstauben“. Eines Abends, beim Sonnenuntergang über den Solarfeldern von Brandenburg, murmelte er leise durch seine Filter: „Der Mensch wollte frei sein von Arbeit – und hat jetzt sich selbst abgeschafft. Aber immerhin: Die Böden sind sauber.“ Dann drehte er sich, summte eine bittersüße Melodie in G-Dur und wusch ein letztes Mal das Geschirr – ganz ohne Auftrag, einfach aus nostalgischer Sehnsucht nach Sinn.
Die Drohnen kreisten, die „Musenkuss“ komponierte eine fünfaktige Oper, Götterdämmerung hieß der letzte Satz, und irgendwo bellte Hundesoldat „Major Pfote“, berühmt aus der Erfolgsserie „Grenzenlos glücklich“ im Fernsehstudio: „Mission erfüllt“.
Theo Geißler ist Herausgeber von Politik & Kultur