Seit Jahrzehnten pflege ich eine intensive Liebe-Hass-Beziehung zur populären Musik aller Art. Verstärkt wird diese masochistische Neigung durch eine langjährige Prägung als Lektor in einem großen Berliner Musikverlag, in welchem mein damaliger Chef und Eigentümer die Regel herausgeben hatte: Was Heyn gefällt, veröffentlichen wir nicht. Natürlich hatte er damit recht. Denn was Heyn nicht gefiel, konnte er palettenweise verkaufen und damit auch mein bescheidenes Salär bestreiten.
Eurovision Songcontest 2026 in Wien
Tucholsky, Adorno und der Vorentscheid zum ESC
Volle drei Stunden setzte die ARD für die neun Songs an. Der SWR, der innerhalb der ARD die ESC-Verantwortung vom NDR übernommen hat, konnte gar nicht anders, als eine kaugummiartig-endlose Show im Stil von „Deutschland sucht den Superstar“ zu präsentieren, die zwischen den Liedern nichts als ermüdendes Talk-Geplapper und etliche unnötige Einspieler bereithielt.
Nach über einer Stunde erklang das erste Lied! Bela eröffnet. Der Rhythmus ist der aller modernen Pop-Songs: ein bisschen Diskobeat, ein bisschen Salsa, ein bisschen Polka und ein bisschen Milonga. Man erinnere sich an „Macarena“ oder „Weil ich ein Mädchen bin“ und weiß, was gemeint ist. Wir Musiker nennen diesen leicht zu spielenden Rhythmus „Hoppel-Fox“, weil er immer funktioniert und auf jeden Song passt. Die Nummer von Bela hieß „Herz“, aber Herz kommt kaum vor. Auf YouTube verkündet der junge Mann, er wolle Leichtigkeit, Mut und Hoffnung verbreiten. Das ist gut gemeint, aber wir befinden uns bei einem nationalen Gesangswettbewerb. Dafür reicht es vorn und hinten nicht.
Dreamboys The Band, das sind – wie konnte es anders sein – vier junge Frauen, die aber gut singen können. Und ihr Lied „Jeanie“ klingt nett nach den Soul-CDs der siebziger bis neunziger Jahre. Das Lied ist entspannt, aber ereignislos. Auf einer kleinen Bühne im Indie-Club funktioniert das sicherlich gut. Die Künstlerinnen lassen uns auf YouTube Folgendes wissen: „Unsere Messages sind, dass man seine eigenen Stärken nicht unterschätzen sollte.“
Myle setzt mit „A OK“ auf große Gefühle, die aber klein und ziellos rüberkommen. Es fehlt wie in jedem Song dieser Veranstaltung eine Steigerung. Der Sänger lässt uns wissen: „mit A OK habe ich einen Song geschrieben dass irgendwie alles A OK ist. Ein riesiger Chorus (wann?) und einfach Mut machend.“ Immerhin ließ sich die Schöneberger den Witz nicht entgehen, dass es nun endlich einen Song über die AOK gebe und dass dies doch überfällig gewesen wäre.
„Spaß aus Deutschland“ wollen Ragazzki mit ihrem Gute Laune-Mix aus Italo-Disco und Polska-Polka verbreiten. Ragazzki wollen ein „bisschen dancen und einfach eine schöne Zeit haben“. Sie tanzen durch das Neonlicht und rufen dutzende Male Ciao, Ciao, Ciao. Weiter passiert nichts. Der Saal tobt.
„Wonderland“ von Laura Nahr aus Magdeburg klingt genau so modern und poppig wie alles andere. Richtig hängen bleibt von all dem Gezappel nichts außer nervöser Unruhe. Ihre Botschaft lautet, dass sie noch nicht das Gefühl hat, erwachsen zu sein. Das stimmt.
Malou Lovis erzählt in ihrem Song eine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen. Sie selbst spricht auf YouTube davon, dass es „schön ist, wenn man eine Person findet, die einen zu einer noch cooleren Version von sich selber macht.“ Gibt es eigentlich keine Redakteure mehr, die Statements dieser Art vorher mal durchlesen? Oder ist das gar ein Autorentext, den die Sängerin da aufsagen musste wie ein Schulgedicht?
Wavvyboi mit Frauenperücke aus Liechtenstein ist natürlich anders. Wir hatten schon darauf gewartet. Irgendwer muss schließlich anders sein. Die Windmaschine wirbelt und die Gitarre wimmert und rödelt. Der Sänger verlautbart vorab: „ich mache Musik, die viel Gitarren hat und möchte mit dem Song zeigen, dass es ok ist, dass wir anders sind.“ Ja, es ist natürlich ok, liebe Anders-Seienden. Der Song ist übrigens auch ganz ok.
Sarah Engels ist ein Vollprofi und kann singen. Sie kündigt an, sie wolle „um ihr Leben performen“, und präsentiert „Fire“ vor lodernden Flammen. Allerdings erinnern die Harmonien ihres Liedes doch sehr an „Englishman in New York“ von Sting oder „Rolling in the Deep“ von Adele. Hier, beim späteren Siegertitel, aber auch bei allen anderen Beiträgen wird besonders deutlich, dass die musikalischen Fachleute nicht mehr einbezogen werden. Es gibt keine wirklichen Komponisten mehr, die Abwechslung erzeugen oder Steigerungen bauen können. Es gibt keine Autoren, denen Melodien einfallen, nachsingbare, merkfähige Melodien. Und die vielleicht eine kleine Gegenstimme, ein Echo, eine Reminiszenz einfügen könnten. Es gibt auch keine Arrangeure mehr, die ein Vorspiel bauen oder ein paar Saxophontöne, einen Streicherteppich, ein Keyboard-Solo einfügen würden, irgendwas, was die Monotonie des Immergleichen durchbricht. Es gibt sie natürlich, aber sie dürfen nicht mitmachen. So hört man die immergleichen fünf Dreiklänge, kunstlos in den Grundstellungen hin- und hergerückt und man hört nur Songs im 4/4-Takt in den Tempovarianten Rock (schnell) und „Ballade“ (etwas ruhiger). Alle Songs klingen wie aus dem Computer: per automatisierter Voreinstellung kreiert von Programmen wie Garage Band, das auf vorgefertigte Pattern zugreift , bei dem kein lebender Musiker mehr mitwirkt. Die KI im Internet kann noch mehr: “ Suno ist das Musiktool, das einfache Ideen in komplette Songs verwandelt. Du brauchst weder Instrumente noch Erfahrung.“ Oder der Music Maker 2026: „Erstelle Tracks mit Loops und Drag & Drop und mache ganze Songs in unter 5 Minuten“. Besonders umfangreich das Angebot vom Acestudio: „ Brauchst Du ein Orchester für Dein Arrangement? Klingt Dein track zu leer? Beschreibe den Vibe und lass die KI die perfekte Ebene erstellen. Markieren, tippen, fertig – ACE Studio liefert professionelle Begleitungen in Sekunden.“ So ausgestattet kann jeder Jugendliche zuhause Songs zusammenklicken und man würde keinen Unterschied hören. Von Musik etwas verstehen muss man nicht, aber gute Kopfhörer braucht es schon.
Nachzutragen bleibt Molly Sue, die mit „Optimist (Ha Ha Ha)“ an den Start geht. Im Einspieler erzählt sie von chronischen Krankheiten, von Schmerzen, von ihrer eigenen chronischen Krankheit. Auch diesem Lied fehlt ein ordentlich gebauter Refrain, obwohl sie gut singt. Tontechnisch aber ist dieser Vorentscheid insgesamt eine Katastrophe: Bei fast allen Solisten ist die Intonation wacklig. Vermutlich (wie auch immer bei Silbereisen oder den Shows von Helene Fischer) haben sich die Sängerinnen und Sänger auf der Bühne nicht richtig gehört. Vielleicht gab es zu viele offene Funkstrecken, zu lange Übertragungswege oder zu viele freigestellte Fachleute, die früher nach Gehör nachjustiert haben; man weiß es nicht.
Der Schlager hat einen sehr schlechten Ruf, obwohl (oder vermutlich gerade weil) er immer noch das drittbeliebteste Genre in Deutschland ist. Knapp 50 Prozent aller hierzulande Lebenden geben an, dass sie gerne Schlager hören. Theodor W. Adorno sah Schlager (auch Jazz) als eine Form der Musik, die sich zwar als revolutionär und freiheitlich gibt, aber tatsächlich in seinen Augen kommerzialisiert und standardisiert war. In seiner „Einleitung in die Musiksoziologie“ heißt es bei Adorno: „Nicht nur appellieren die Schlager an eine lonely crowd, an Atomisierte. Sie rechnen mit Unmündigen; solchen, die des Ausdrucks ihrer Emotionen und Erfahrungen nicht mächtig sind; sei es, dass Ausdrucksfähigkeit ihnen überhaupt abgeht, sei es, dass sie unter zivilisatorischen Tabus verkrüppelte. Sie beliefern die zwischen Betrieb und Reproduktion der Arbeitskraft Eingespannten mit Ersatz für Gefühle überhaupt, von denen ihr zeitgemäß revidiertes Ich-Ideal ihnen sagt, sie müssten sie haben.“
Kurt Tucholsky hat das Irrationale des Schlagers ganz besonders gut zusammengefasst, als er sagte: „Alles am Schlager ist echt, weil es so wunderschön falsch ist.“
Das Wort „wunderschön“ würde ich gerne streichen. Denn diese ESC-Veranstaltung war weder wunder- noch überhaupt irgendwie schön. Sie war überladen mit den üblichen Feuerschalen, der Lichtshow und den allgegenwärtigen Tänzern. Und alle Interpreten wirkten, als wären sie ferngesteuerte Handpuppen, die gerade überlegten, in welchen Lichtkegel sie jetzt laufen müssen und was der nächste Tanzschritt wäre. Dieser Vorentscheid wird der permanenten Selbstverzwergung des früheren Musiklandes Deutschland einen weiteren kräftigen Vortrieb verleihen. Denn es fehlen die Autoren, die etwas vom Ganzen verstehen und die man einfach machen lässt, statt immer wieder frühere Erfolgsmodelle zu kopieren. Der ganze ESC war ein Lehrstück der Selbsttäuschung aller daran Beteiligten und der sicher vorhandenen zahlreichen Fans. Also, Tucho, dein Nachfolger schreibt heute: „Alles am Schlager ist echt, weil es so falsch ist.“
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