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Foto: moers festival 2026 / Dennis Hoeren

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Märchenhaftes moers festival mit Rekordpublikum – Vorläufige Bilanz zur 55. Jubiläumsausgabe am Festivalmontag

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Ein Märchen, das kurz vor seinem Happy End steht: Am heutigen Festivalmontag zieht das 55. moers festival eineerfreuliche vorläufige Bilanz. In den fünf Festivaltagen der bislang längsten Ausgabe seiner Geschichte (21.–25. Mai) setzte das moers festival unter dem Motto „...wie im Märchen“ gemeinsam mit rund 200 Künstler*innen aus rund 20 Nationen in nahezu 100 Konzerten ein unübersehbares Zeichen für klangliche Improvisation, Experimente und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Bei sommerlichen Temperaturen verwandelte sich die Moerser Innenstadt in eine große Bühne für Musik und Begegnung. Am Ende dieser außergewöhnlichen Reise zeigt sich schon jetzt: Wenn aus dem tonnenschweren ICH mit gemeinsamer Leichtigkeit ein WIR entsteht (HUI!), hat der böse Wolf keine Chance.

Täglich strömten bis zu 20.000 Gäste auf das gesamte Festivalgelände – ein Rekord-Gesamtpublikum, das im frei zugänglichen Festivaldorf und im ticketierten Bereich gleichermaßen ein Festival erlebte, das sich den Wölfen und bösen Rotkäppchen unserer Zeit mutig entgegenstellte. Überall auf dem Gelände machten Schulen, Kindertagesstätten, Initiativen, Vereine und zahlreiche Gruppen aus Nordrhein-Westfalen die vergangenen Tage zu einem Ort gelebter Gemeinschaft und kultureller Teilhabe.

Kunst als lautstarke Haltung gegen die Wölfe unserer Zeit

Tim Isfort, Künstlerischer Leiter und Geschäftsführer, zieht am heutigen Montag eine zutiefst positive Zwischenbilanz: „In einer Zeit, in der autokratische Kräfte weltweit an Einfluss gewinnen und demokratische Gesellschaften zunehmend unter Druck geraten, versteht sich das moers festival als Ort der freien Kunst und des offenen Denkens. Kunst kann Menschen zusammenbringen, Energien bündeln und den Mut stärken, Haltung zu zeigen. Mit der schmerzhaften Konfrontation mit autokratischer Rhetorik als Teil der Inszenierung wollte das Festival dazu ermutigen, sich den Wölfen unserer Zeit entgegenzustellen. Denn Stille allein reicht nicht mehr, um Demokratie zu verteidigen. Moers möchte dazu beitragen, die Erzählung unserer Gegenwart wieder in Richtung eines hoffnungsvollen ,Es wird einmal‘ zu wenden.“

Ein musikalisches Universum zwischen Improvisation und Gegenwartskunst

Musikalisch bestätigte das Festival in den vergangenen Tagen seinen Ruf als eine der vielseitigsten Plattformen für improvisierte und zeitgenössische Musik überhaupt. Ein besonderes kompositorisches und konzeptionelles Highlight setzte das Ideal Orchestra unter der Leitung des Leipziger Komponisten und Dirigenten Gellért Szabó. Das opulente, 23-köpfige Improvisationsorchester brachte für das 55. Festivaljubiläum ein eigens dafür konzipiertes, groß angelegtes Werk auf die Bühne: Eine dreiteilige Märchenoper, die sich an drei aufeinanderfolgenden Tagen konsequent entfaltete.

In Echtzeit webte das Großensemble weit gespannte Klanglandschaften zwischen Jazz, Neuer Musik und sakraler Dramatik, bei denen großformatige Kompositionen, spontan geformte Kollektivprozesse und visuelle Elemente ineinandergriffen. Szabós Musik – von Kritikern als tragisch, erhebend und von monumentaler Größe beschrieben – verlieh jedem Ton ein unüberhörbares Gewicht. Die außergewöhnliche Intensität dieser dreitägigen Performance, die in einer gefeierten großen Abschlussaufführung gipfelte, machte das Projekt zu einem tief mitreißenden Erlebnis, das den epischen, märchenhaften Charakter dieses Festivaljahrgangs perfekt verkörperte. Gemeinsam mit zahlreichen weiteren Gästen aus aller Welt erschufen die Musiker*innen Klangwelten voller Experimentierfreude, Wagemut und künstlerischer Offenheit – mal laut und wild, mal leise und konzentriert, stets aber geprägt von der Lust am Neuen und Unvorhersehbaren.

Länderschwerpunkt „Rotkäppchens USA“: Musikalische Exzellenz und politische Haltung

Einen der programmatischen und kulturpolitischen Kernpunkte des diesjährigen Festivals bildete der Länderschwerpunkt „Rotkäppchens USA“. Das Festival nutzte das satirische Motiv des gefräßigen Wolfs im roten Käppchen, um die Entwicklungen jenseits des Atlantiks unter dem dortigen Regime kritisch zu beleuchten. Über die Festivaltage hinweg wurde die aktuelle US-Szene sowohl aus kultureller als auch aus politischer Sicht intensiv hinterfragt: Gezeigt wurde ein Land, in dem die innovative, ungezähmte Kraft des Jazz und die Errungenschaften der Schwarzen Kultur durch autokratische Tendenzen massiv marginalisiert, zensiert und unterdrückt werden. Moers verstand sich hierbei als wichtiges Refugium für den freien Geist der US-Avantgarde – als Ort, an dem Künstler*innen die (teils tiefen) Wunden und die Zerrissenheit ihrer Heimat in Kunst verwandeln und ein unüberhörbares Zeichen für die liberale Demokratie setzen.

Musikalisch geriet dieser Schwerpunkt zu einem einzigen Triumphzug: Klangforscher wie der Trompeter Nate Wooley im Trio mit den Ausnahme-Perkussionisten Chris Corsano und Ches Smith (Folk Music) demonstrierten die kompromisslose Kraft der reinen, ungezähmten Improvisation. Das renommierte Ensemble für zeitgenössische Musik YARN/WIRE und die hochgelobte junge Trompeterin Skylar Tang mit ihrer Europapremiere loteten die Grenzen der Moderne völlig neu aus. Für tiefgehende, afrofuturistische Klanglandschaften sorgte die Formation Black Earth Sway rund um die visionäre Flötistin und Komponistin Nicole Mitchell.Der große Höhepunkt dieses Schwerpunkts steht derweil unmittelbar bevor: Am heutigen Montagabend wird die Saxofonistin Lakecia Benjamin mit ihrer Performance das Festivalfinale krönen und ein letztes, unvergessliches Highlight auf den Kastellplatz zaubern.

Auch international stieß das Festival bereits auf große Resonanz. Der niederländische Musikkritiker Wouter Schenk (Written in Music) würdigte das moers festival als einen Ort „musikalischer und kreativer Überraschungen“ und hob insbesondere dessen „kreativen freien Geist“ hervor. Zugleich beschrieb er das Festival als eine Plattform, die gesellschaftliche Entwicklungen kritisch reflektiere und Kunst als Sprache des Austauschs nutze.

Die ganze Stadt als Festivalgelände

Ausgehend von der neuen Hauptbühne auf dem Kastellplatz spannte das moers festival mit seinen vielfältigen Programmlinien ein dichtes Netz kultureller Begegnungen durch die gesamte Stadt. Mit der Reihe „?Afrika“ öffnete sich der Blick auf musikalische Entwicklungen und Erzähltraditionen in Ghana, Togo und Benin. Die Kooperation mit dem renommierten Huddersfield Contemporary Music Festival (hcmf//) schlug Brücken zwischen internationalen Szenen der Gegenwartsmusik und machte Moers einmal mehr zu einem Ort weltweiter künstlerischer Vernetzung.

Die hochkarätig besetzten und von Jan Klare kuratierten moers sessions sowie die Freysinn!-Jam-Sessions, die Reihen discussions! und die kostenlosen moersify!-Konzerte in der Stadt, das Pianomobil, die moers app, die moersbikes sowie nicht zuletzt das umfangreichste Programmheft der Festivalgeschichte wurden zu Werkzeugen eines Festivals, das Begegnung aktiv ermöglichte. Dies wurde getragen durch den außergewöhnlichen Einsatz zahlreicher Volunteers sowie Unterstützer*innen, die das Festival mit großem Engagement geprägt haben.

Hohe Auslastung und starkes Signal am neuen Standort

Die Publikumsresonanz über das Pfingstwochenende war außergewöhnlich hoch. Der Kastellplatz als zentrale Festivalbühne sowie die umliegenden Spielstätten – darunter die Katholische Kirche St. Josef, die Evangelische Stadtkirche, das Alte Landratsamt, die Open-Air-Bühne im Schlosshof, das Schlosstheater Moers, das Peschkenhaus, Die Röhre, das Bollwerk 107 und verschiedene Orte im Schlosspark – verzeichneten über die gesamte Festivaldauer hinweg eine hohe Auslastung an den Kapazitätsgrenzen. Insbesondere die kostenfreien Angebote in der Innenstadt lockten so viele Menschen an wie selten zuvor.

Besonders erfreulich auf Seiten der Ticketeinnahmen: Die Zahl der verkauften Tickets, die bereits im Vorjahr ein Rekordhoch verzeichnete, konnte auf dem Niveau von rund 2.000 Tickets stabil gehalten werden – ein starkes und nachhaltiges Signal für den neuen, zentralen Standort in der Moerser Innenstadt. Auch das solidarische Preismodell „Pay What You Can“, das kulturelle Teilhabe mit einer fairen Finanzierung verbindet, wurde von den Besucher*innen hervorragend angenommen und trug nach Einschätzung der Festivalleitung maßgeblich zum positiven Gesamtergebnis bei.

Die Moral von der Geschicht

Noch bis in den heutigen Abend hinein wird in Moers diskutiert, improvisiert, gelacht, gestaunt, getanzt und zugehört. Fünf Tage lang hat Moers bewiesen, dass Kunst Räume schaffen kann, in denen Unterschiede nicht trennen, sondern verbinden. Die vorläufige Moral von der Geschicht: Der Wolf war groß, laut und furchteinflößend. Doch die Gemeinschaft in Moers war größer. Und so verschwindet er an diesem Montagabend dorthin, wo Wölfe verschwinden, wenn niemand mehr Angst vor ihnen hat.

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