1956 hatte Chuck Berry seinen Hit „Roll Over Beethoven“. Das ist 70 Jahr her. 70 Jahre Zeit, um auch bei den Kulturfördereinrichtungen eine gewisse Genre-Parität bei der Mittelausreichung hinzukriegen. Diese zumindest anzustreben. Aber viele der eher der Hochkultur zugeneigten Förderstrukturen – aber auch „die Politik“ – auf kommunaler und Landesebene unterliegen noch immer dem Irrglauben, „die Popmusik“ oder „die Popularmusik“ sei wirtschaftlich selbständig überlebensfähig. Mitnichten. Die unteren 95 Prozent der nationalen Popkulturstrukturen leiden unter dem Glanz der kleinen internationalen Spitze. Und diese Strukturen aus Clubs und Festivals haben ähnliche Probleme, wie der übliche Mittelstand. Übergabeproblematik, Konkurrenzdruck der Großen, Publikumsveränderungen. Mit einigen zentralen Herausforderungen beschäftigte sich die Popkonferenz „dialog.pop 2026“ in Regensburg.
Das Panel „Changeover: Nachfolgeregelungen für Clubs & Festivals“ mit (v.l.) Moderator Raimund Meisenberger (PNP Passau), Karsten Schölermann (Knust, Hamburg), Luna Twiesselmann (Fundbureau, Hamburg), Tom Wöhrl (Silo1, Töging) und Katja Lucker (GF Initiative Musik gGmbH, Berlin. Foto: Bernd Schweinar
Opa und Oma müssen ihren Musikclub übergeben
Katja Lucker, die Geschäftsführerin der Initiative Musik gGmbH, reflektiert auf dem Panel „Nachfolgeregelung für Clubs & Festivals“: „Mein Bruder musste Kapitän werden, um die Familientradition zu erhalten“. Die Initiative Musik ist die zentrale Fördereinrichtung des Bundes für Pop und Jazz und angesiedelt beim BKM. Ohne diese Förderstruktur auf nationaler Ebene wäre die Popkulturförderung in Deutschland in der letzten Dekade mehr als ausgetrocknet. Insbesondere die Programm- und Clubprämierung war eines der ersten und noch heute wichtigen Förderinstrumente. Aber auch deren Clubbetreibende werden älter.
Übergabeproblematik: Oma und Opa haben ’nen Club
Karsten Schölermann, der langjährige Inhaber des Knust in Hamburg bringt es beim Panel auf den Punkt: „Viele Clubs werden inzwischen von alten Menschen geführt. Der Wechsel in der Familie funktioniert nicht automatisch. Viel fragen sich: Wo kann ich meinen Türschlüssel loswerden?“ Viele erfolgreiche Clubs haben eine Umsatzrendite von zwei bis vier Prozent. Damit liegen sie gleichauf mit vielen Programmkinos. Nicht unbedingt ein attraktives Feld, um Geld und Energie zu investieren. Andererseits: was wären unsere Kommunen ohne Musikbühnen und kleine Kinos? Solche Strukturen wurden und werden nicht selten auch von Selbstausbeutenden betrieben. Und jetzt dafür eine Nachfolgeregelung finden?
Luna Twiesselmann sitzt ebenfalls mit auf dem Podium und erzählt, dass sie den Club von ihrer Mutter übernommen habe, nachdem vorher die Suche unter den Mitarbeitenden vergeblich verlaufen war. Nach Wochen sei die Reihe an ihr gewesen. Sie habe den Schritt gewagt und Mamas Club in Hamburg übernommen. Das „Fundbureau“ habe dann zudem Umzugsprobleme zu bewältigen gehabt. Aber sie mache jetzt ihr eigenes Ding. Wenn Mama vorbeikommt und etwas kritisiert, überhört sie das und geht ihren Weg selbst. In einem mittelständischen Handwerksbetrieb oder auf einem Bauernhof ist das nicht anders. Das macht auch Hoffnung für die Kultur. Aber „Hurra, ich habe jetzt einen Club“ schreit niemand. Es ist und bleibt ein Ritt auf der Rasierklinge. Karsten Schölermann nochmals: „Mentoring ist ein ganz wichtiger Punkt, um Wissen weiterzutragen.“ In Hamburg gibt es das Clubkombinat als geförderte Anlaufstelle und Lobby-Organisation für den Kulturerhalt. Aber solche Strukturen existieren nicht flächendeckend. Dabei wären sie dringend notwendig, um die Infrastrukturen zu stützen und zu erhalten. Denn ohne kleine Plattformen, wird es auch für neue Talente schwierig den Weg zum Publikum zu finden.
Festivals: David mit oder gegen Goliath?
Den Generationenswitch gibt es bei den Popkulturfestivals nicht minder. Die 2025 veröffentlichte bundesweite Festivalstudie hat insbesondere die hohe Zahl an Ehrenamtlichen statistisch dokumentiert. Hier gilt es per se eine Veränderungsstrategie zu fahren. Während viele Clubbühnen eher im urbanen Raum beheimatet sind, beleben Festivals insbesondere den ländlichen Raum. Und sie sind ebenfalls elementar für den Aufbau von Newcomern unabdingbar. Werden Festivals aber erfolgreich, droht durchaus auch der Kampf gegen die großen Festivalkonzerne.
Beim Panel „Survival of the Independent: Strategien jenseits der Konzertkonzerne“ saßen namhafte Praxisprotagonisten auf der Bühne. Volker Hirsch vom Taubertal-Festival schilderte die Wurzeln des längst legendären Festivals in der Evangelischen Landjugend und spricht von der Konzertbranche als „People‘s Business“. Was viele nicht wussten, klatscht er trocken in den Raum: „Aber nach zwei Jahren standen wir vor der Insolvenz. Danach waren wir 25 Jahre jedes Mal ausverkauft“. Und Volker Hirsch berichtet auch von seinen Kooperationserfahrungen mit Bertelsmann, die nach anfänglichem Raketenstart später auch wieder in der Unabhängigkeit endeten, nachdem dort die Konzernpolitik geändert und Events eingestellt wurden. Rückblickend auf diese Erfahrungen wagt er die These: „Die Zukunft kann rosiger werden, als es momentan erscheint!“ Den Grund benennt er konkret: „Unabhängige machen Events, die mit der Region verwurzelt sind“.
Stefan Reichmann vom Haldern-Pop-Festival lebt diese These seit Jahrzehnten. Andererseits rückt er Sentimentalitäten gerade: „In der Branche gilt ein Spruch: Wenn Du Loyalität willst, dann kaufe Dir einen Hund.“ Deshalb praktiziert er das Do-It-Yourself-Prinzip (DIY) bis ins Detail und hat zusätzlich zum Festival noch einen kleinen Club und einen Plattenshop initiiert. Der Grund: „Unser persönlicher Service ist unsere persönliche Beziehung.“ Und noch einen Unterschied zu den Megafestivals benennt er klar: „Wir verkaufen Tickets, um ein Festival zu machen! Viele Große haben den umgekehrten Zweck“. Und Volker Hirsch vom Taubertal-Festival stellt klar: „Wir leben oder sterben mit der Realität, ob wir das letzte Drittel an Tickets verkaufen oder nicht!“ Das relativiert auch den in der Politik oft vorhandenen Irrglauben, wonach private Veranstaltende (im Popkulturbereich) per se eine Gelddruckmaschine am Laufen hätten.
Womit wieder die regionale Komponente im Spiel wäre – die kulturpolitische Erhaltungsaufgabe. Bewilligungstechnisch tun sich Fördereinrichtungen nur auf den ersten Blick schwer. Es ist Kreativität gefragt, um etwa regionales Programm finanziell zu unterstützen. Denn im Vergleich zu Hochkultur und festen Häusern mit öffentlich bezahltem Personal, fußt die Popkultur fast ausschließlich auf privatwirtschaftlichem Risiko! Dort gibt es keinen subventionierten Fallschirm, falls es zu Lücken kommt – finanziell oder aber auch personell! Und eines stellte auch Patrick Oginski von südpolmusic aus München nochmals klar: „In München killen viele Megakonzerte die kleinen und mittleren Shows und im Bereich von 300 bis 500 Besuchenden haben es Veranstaltende gerade extrem schwer zu überleben“.
Freiwillige Leistungen nicht unfreiwillig!
Den schmalen Grat zwischen Leben und sterben lassen thematisierte auch nochmals das Schlusspanel „Zwischen Livekultursterben und Gesellschaftswirken: Wie sichern wir die Zukunft der Livekultur?“. Der langjährige Betreiber der Würzburger Posthalle und dortige Stadtrat Jojo Schulz formuliert dabei zwei Kernsätze: „Freiwillige Leistungen sind nicht unfreiwillig!“ und „Kultur ist ein elementarer Teil der Daseinsvorsorge“.
Mankel Brinkmann vom nationalen Festivalnetzwerk LiveKomm ergänzte: „Kulturförderung ist eine Verantwortung für die Kleineren in der Kette!“ Damit deutet er auch auf eine in finanzschwachen Zeiten noch dringendere Sensibilisierung für Verteilungsgerechtigkeit als Defizit in Behörden und Politik hin. Und nicht zuletzt auch bei den Kulturschaffenden und Genres untereinander. Aber wer gibt schon gerne freiwillig etwas ab, wenn ohnehin überall gespart und der Rotstift angesetzt wird. Insofern blieben die Aussichten als Fazit der Popkonferenz in Regensburg auch eher durchwachsen. Aber etlichen in der Branche schien noch gar nicht bewusst zu sein, vor welch tiefen Einschnitten die Kulturförderung in den nächsten Jahren stehen wird.
Mit einer Überdosis Larmoyanz wird an der emotionalen Ausgestaltung einzelner Detailthemen gefeilt, während die Realität konkret gefordert wäre, den Geldbeutel der nächsten fünf bis zehn Jahre in den Blick zu nehmen. Dr. Rainer Sontheimer, Bildungsreferent aus der CSU-Landesleitung versuchte mehrfach an die Essientials zu erinnern und forderte die Schlussrunde auf: „Gehen wir gemeinsam zum Bürgermeister, damit die Verwaltungen auch bei klammen Kassen kreativer werden.“ Seine kommunizierte Kernforderung an alle: „Kulturschaffende müssen mit Mandatsträgern permanent ins Gespräch kommen und im Gespräch bleiben“.
Und sein daraus resultierender Aufruf: „Besucht laufend die politischen Parteistammtische!“ Das hat seinen Grund: Politiker und Behörden reden gerne davon, dass Kulturveranstalter weggekürzte öffentliche Förderung „durch Sponsoringeinnahmen ersetzen“ sollten. Aber das ist ein klassischer Irrtum. Denn Sponsoring ist bei Rock und Pop kein Mäzenatentum, wie man es unter Umständen aus der Klassik kennt oder es dort verortet. Pragmatismus wie zu Corona-Zeiten wäre auch heute gefragt. Damals sagte Bayerns Ministerpräsident Söder: „Die Verwaltungen müssen als erstes schauen, was ist möglich, und nicht, was steht einer Veranstaltungsdurchführung im Wege“. Das gilt für Flächen und Geld gleichermaßen. Gerade in den nächsten Jahren.
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