Tage freier Musik – das verheißt entweder Utopie oder ist ein zu hoch greifendes Versprechen, das sich nicht einlösen läßt. Für Friedrich Gulda, der nach Ossiach und Viktring nun im erneuten Anlauf ins Schloß Moosham […], Land Salzburg einlud, bedeutet „Freiheit“ aller Wahrscheinlichkeit nach: frei sein von den Zwängen eines einengenden und entfremdenden Musikbetriebes, frei sein zur Erfüllung aller persönlichen Wünsche, auch in der Musik.
Vor 50 Jahren: „Tage freier Musik“ mit Friedrich Gulda
Wie wurde solchermaßen angestrebte Freiheit gestaltet? Mit Unterstützung des Österreichischen Bundesministeriums für Erziehung und des Salzburger Landes wurden Albert Mangelsdorff, Cecil Taylor, John Surman, Barre Philips und Stu Martin eingeladen, solistisch, miteinander und mit Gulda und seiner schlagzeugenden Partnerin Ursula Anders zu improvisieren. Um die 500 jazzbegeisterte Zuhörer, fast ausschließlich Jugendliche, waren herangepilgert, kampierten in Zelten, Autos und Heustadls und erlebten die Versuche dieser stilistisch recht unterschiedlich orientierten Musiker mit, sich improvisierend aufeinander einzustellen. […]
Die Überwindung besagter Kluft erfolgte in Form einer für alle Anwesenden freien Session, in der die professionellen mit den mutigeren unter den Amateurmusikern zusammenspielten. Der erste Versuch endete in schnellem und lautstarkem Chaos. Der zweite Versuch, von Gulda verbal vorstrukturiert, zögerte dieses Chaos etwas hinaus, um schließlich doch in ihm zu enden: zu stark war das Bedürfnis nach Selbstbehauptung, zu lang aufgestaut der Wunsch, sich freizuspielen, zu groß sicherlich auch die Zahl der bis zu knapp 300 Teilnehmer.
Jochen Vetter, Neue Musikzeitung, XXV. Jg., Nr. 4, November 1976
Ist das so mit der Freiheit? Das würde den kommerziellen und konservativen Konzert- und Festivalveranstaltern gefallen. Es muß nicht so sein. Aber notwendig wäre ein klareres Verständnis davon, wozu diese Freiheit produktiv genutzt werden soll und auf dieser Basis eine genauer und auf Erfahrungen auf bauende Planung allmählicher Entwicklung solcher Freiheit. […] Freiheit muß gemeinsam geübt werden.
Jochen Vetter, Neue Musikzeitung, XXV. Jg., Nr. 4, November 1976
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