Beim Pariser „Siegfried“ überzeugen vor allem Pablo Heras-Casado am Pult und Andreas Schager in der Titelpartie, während die Inszenierung enttäuscht.
Aus der aktuellen Siegfriedproduktion der Opéra national de Paris © Herwig Prammer - OnP
Apokalypse Now? Oder doch später?
Auf den ersten Blick verblüfft Calixto Bieito mit seinem Pariser „Siegfried“. Auf den zweiten enttäuscht er. Auch da, wo sonst seine Stärken liegen, nämlich bei der Personenregie. Richtig krachen lässt er es nur bei der Begegnung von Wotan und Erda, wenn deren Streit in eine Handgreiflichkeit ausartet, bei der sich beide nichts schuldig bleiben. Und am Ende, wenn Brünnhilde und Siegfried zum Finale ganz konventionell zueinander finden und nach diesem Happyend der besonderen Art erstmal „abjeblendt“ wird, wie es bei Kurt Tucholsky so schön heißt.
Was der Regisseur seinem Siegfried-Darsteller zumutet, ähnelt eher einer Therapie mit Austoben an frischer Waldluft, als einem Rollenportrait. Der junge Siegfried kampiert mit Mime mitten im Wald. Schon das verblüfft, denn mit „Rheingold“ und „Walküre“ haben der Regisseur und seine Bühnenbildnerin Rebecca Ringst ihr Publikum in eine Welt entführt, die die große Katastrophe schon hinter sich hat. In der es Bäume nur noch im Topf gab. Einer Welt, in der die Behausung von Hunding ein Modul in einer übermächtig dominierenden Fassadenkonstruktion war. Die stand einer so lebensfeindlichen Umgebung gegenüber, die man nur noch mit Schutzanzügen und Atemmasken betreten konnte. Im „Siegfried“ sind diese Welt und die Fassade nur noch zu erahnen. Erst im dritten Aufzug kommt jenes gleißend weiße Containermodul zum Vorschein, in dem Brünnhilde, nun ja, tiefgefroren die Zeit von Siegfrieds Heranwachsen verbracht hat.
Wenn der Vorhang hochgeht, wird die Bühne diesmal jedenfalls von üppig wucherndem Grün beherrscht. Man wähnt sich plötzlich nicht mehr in einem Katastrophen-, sondern in einem Urwaldfilm. Aus dem Schnürboden ragt ein respektabler Wald. Auch der Boden ist mit dichtem Grün bedeckt. Mime trägt Straßenanzug und Krawatte, hat sogar den einen oder anderen Orden oder was auch immer am Revers. Ein versprengter Vertreter einer Welt, die es gar nicht mehr gibt? Und das in einem Wald, den es, nach allem was wir bisher in diesem Ring erlebt haben, im Grunde auch nicht geben kann.
Vielleicht ist dieser Wald aus lauter Bäumen, die gegen alle Naturgesetze von oben nach unten, oder horizontal von der Seite wachsen, eine Art Paralleluniversum. Hier geistern zudem Gestalten herum, die sich genetisch schon deutlich allen anderen unterschieden. Eine davon soll wohl jenes „Weib“ sein, das Alberich trotz seines Liebesfluchs „bewältigt“ und geschwängert hat. Wir erleben sogar die Waldgeburt eines Wesens mit, das uns möglicherweise als Hagen in der „Götterdämmerung“ wieder begegnen wird. Diese ab und an auftauchenden, manchmal auf dem Rücken liegend zappelnden Wesen gehören zu Bieitos Zugaben, die meist Behauptung bleiben. Vielleicht sollen wir uns schon in einem Neustart der Evolution befinden, der freilich erst nach dem Finale der Götterdämmerung schlüssig wäre? Man weiss es nicht. Kann auch gut sein, dass einfach nur ein Wald her musste. Ganz egal wie herum der wächst. Die Kopfüber-Waldvariante a la Baselitz ähnelt dem Wissen aus Erfahrung und ist zugleich etwas vollkommen anderes.
Wenn dieses Laubwerk durch Videoprojektionen (von Sarah Derendinger) in Bewegung gerät, entfalten Musik und Szene minutenlang die Faszination einer sich ergänzenden Übereinstimmung. Allerdings bleibt das die Ausnahme. Am weitesten entfernen sich Musik und Gesang ausgerechnet in den Schmiedeliedern von der Szene. Da stolpert Siegfried wie ein Kind mit Bewegungshunger durch den Wald, zerfetzt ein altes Kleid (seiner Mutter?), findet dann plötzlich das Wunderschwert einfach im Grünen und fuchtelt damit herum. Besonders scharf kann es nicht sein, denn er hält immer die Klinge in der Hand. Es langt zwar für den Mord an Mime, aber Wotans Speer zerschlägt es nicht. Dieses sonderbare Gerät hatte ihm ja in der „Walküre“ bereits Fricka in mehrere Teile zerlegt, um ihren Mann zu demütigen. Jetzt hat er die Teile während seiner Begegnung mit Mime zwar mehr schlecht als recht wieder zusammengefügt, lässt sich das Teil dann aber einfach von Siegfried wegnehmen. Dass er ohne diesen Speer blind ist, hat als Idee zwar Witz, aber es folgt nichts weiter daraus. Außer vielleicht, dass Erda, die nach ihrem außer Kontrolle geratenen Dinner im Freien mit Wotan einfach sitzen blieb, diese Szene hörbar schadenfroh mit ansieht. Für die Begegnung mit Brünnhilde verschwindet der sonderbare Wald. Die Reste des Bodengrüns räumt Siegfried eigenhändig wie Kulissenreste beiseite. Brünnhilde wird zunächst in Umrissen in ihrer Kühlzelle sichtbar. Die quasi zu Eis erstarrten Flammen des Walkürenfelsens fügen sich sogar irgendwie in die vorherrschende Kopfstandlogik dieses Ringteils.
Auch wenn dieser „Siegfried“ als Gedankenexperiment eher enttäuscht, bleibt doch spannend, wie Bieito die Kurve ins Politik- und Untergangsspektakel der „Götterdämmerung“ kriegen will.
Trotz aller szenischen Unschärfen und logischen Querschüsse ist dieser Abend ein musikalisches Ereignis von Rang. Dafür sorgt erneut Pablo Heras-Casado, der das Orchestre de l’Opéra national de Paris bei dieser Ringkreuzfahrt sicher auf Kurs hält. Mit all den großen Bögen und lyrischen Feinheiten, all dem atmosphärischen Raunen und Waldweben, aber auch mit seiner Hingabe an die Protagonisten. Und da ist wieder eine handverlesene Truppe beisammen. Derek Welton ist ein zwar wohltimbrierter und in sich stimmig gezeichneter, aber etwas blasser Wanderer. Bei Gerhard Siegel ist nur der Anzug langweilig, ansonsten ist er ein exzellenter Mime von Rang! Mika Kares bekommt als Fafner einen spektakulären Auftritt mit Tiermaske auf dem Kopf und einer weiteren riesigen, von einem Kranausleger geführten Maske hinter sich als Verstärkung. Brian Mulligan ist hier nicht nur der alte Widersacher Wotans, sondern avanciert zum Geburtshelfer (von wem auch immer). So wie der Erda von Marie-Nicole Lemieux nicht nur von Wotan übel mitgespielt wird, sondern sie sich als Ausgleich an dessen Demütigung durch seinen Enkel Siegfried „erfreuen“ kann. Als Waldvogel hört man Ilanah Lobel-Torres schon eine Weile, bis man die knallig gelb Kostümierte auch mal durchs Bild fliegen sieht. Bleibt das Paar, dem eins der längsten (und merkwürdigsten) Liebesduette vorbehalten ist. Tamara Wilson erwacht von jetzt auf gleich aus der ihr verordneten Schockstarre und glänzt als eindrucksvolle Brünnhilde. Wirklich überraschend ist es zwar nicht, aber dafür umso erfreulicher: der überragende Star des Abends ist Andreas Schager – er ist zu einem Siegfried der Extraklasse gereift, der alles, was man bislang (manchmal auch schon mit einem Quantum Sorge) in Kauf nahm, hinter sich hat, wirklich gestaltet und nicht nur vokales Heldenposing betreibt und dennoch mit einem Furor aufwartet, der einem den Atem verschlägt. Die Bastille ist der Raum, den er spielend füllt. Er begeistert mit einem Siegfried, bei dem man fast schon froh über einen mal missglückten Ton ist. Sonst wären Zweifel angebracht, dass es Menschenwerk ist. Auch wenn dieser „Siegfried“ Zweifel an Bieito aufkommen lässt, der Siegfried ohne Anführungsstriche lässt keine an Andreas Schager zu!
Opéra national de Paris
Wagner: Siegfried
Pablo Heras‐Casado (Leitung), Calixto Bieito (Regie), Rebecca Ringst (Bühne), Ingo Krügler (Kostüme), Michael Bauer (Licht), Sarah Derendinger (Video), Bettina Auer (Dramaturgie)
Andreas Schager (Siegfried), Gerhard Siegel (Mime),
Derek Welton (Der Wanderer), Brian Mulligan (Alberich), Mika Kares (Fafner), Marie-Nicole Lemieux (Erda), Tamara Wilson (Brünnhilde), Ilanah Lobel-Torres (Waldvogel)
Orchestre de l’Opéra national de Paris
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