Was wäre ein Instrument des Jahres, wenn nicht auch jemand es spielen würde? Allenfalls ein stummer Zeuge einer möglicherweise herausragenden Handwerkskunst des Instrumentenbauers. Ein Musikinstrument aber ist mehr – es kann uns Zuhörer mitnehmen in unbekannte emotionale Tiefen unserer selbst. Mit Tönen und Akkorden kann es uns neu gestalten, unsere tiefsten Sehnsüchte, Träume, Erinnerungen und Sorgen zu Klängen werden lassen, die uns neu und heil werden lassen. Dazu braucht es Musik und eben auch einen Spieler für das Instrument, der quasi als Vermittler zwischen Instrument, Musik und Zuhörer auftritt. Welchen Akkordeonisten, welche Akkordeonistin soll man in diesem Jahr hier vorstellen? Ein „seltsames“ Ereignis im Musikbetrieb hilft uns bei der Auswahl.
Das Jahr des Akkordeons in der nmz (Teil 7): Ksenija Sidorova
Das Jahr des Akkordeons in der nmz (Teil 7): Ksenija Sidorova
Die lettische Akkordeonistin Ksenija Sidorova ist in diesem Jahr die Portraitkünstlerin des Schleswig-Holstein Musik Festivals (SHMF). Damit hat es zum ersten Mal ein Instrument des Jahres in „seinem“ Jahr auf die Konzertbühne eines großen, renommierten, gut eingeführten und viel beachteten Musikfestivals geschafft. Das ist neu – gelegentlich hat man das Gefühl, dass unterschiedliche musikalisch tätige Organisationen ihre Aktionen nur in ihrem und für ihren eigenen Dunstkreis entwerfen und durchführen. Das ist schade und ignoriert so viele Synergien, die man nutzbar machen könnte – für die Musik selbst, die ausführenden Musiker und das geneigte Publikum. Nun denn: Die deutschen Landesmusikräte und das SHMF haben zusammengefunden! In 18 Konzerten wird Ksenija Sidorova in sehr unterschiedlich konzipierten Konzerten und mit sehr vielfältigen Bühnenpartner dem Instrument ihres Lebens Gehör verschaffen. Wir dürfen ihr dabei ein wenig über die Schulter schauen.
„Unsere Portraitkünstler“, erläutert Laura Hamdorf, Pressesprecherin des SHMF, „bekommen eine Carte blanche, d. h. sie dürfen sich ihr Portrait nach eigenen Wünschen zusammenstellen – also über die Programme, die Anzahl der Projekte und die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern und Orchestern entscheiden. Das erfordert viele Absprachen zwischen SHMF und Portraitkünstler. Nicht selten entstehen auch im gemeinsamen Gespräch vollkommen neue Programme und Ideen. Wichtig ist, dass die Musikerinnen und Musiker eine große Bandbreite ihres Repertoires vorweisen können, d. h. sowohl als Solisten in großangelegten Konzerten auftreten als auch in Kammerformationen. Wenn sie in ihrem Repertoire ‚über den Tellerrand‘ hinausblicken, also ihr Instrument in einen neuen Kontext setzen, mit Musikstilen experimentieren etc., ist das natürlich immer eine spannende Facette.“
Ksenija Sidorova. © Benne Ochs
Ksenija Sidorova nutzt diese Möglichkeit voll aus – auch wenn sie im Gespräch sagt, dass es „one of the hardest things“ [eine der härtesten Aufgaben] sei, die ein Musiker tun könne: neun vollständig unterschiedliche Programme, jedes an zwei unterschiedlichen Aufführungsorten gespielt (= 18 Konzerte), in einem Zeitraum von knapp zwei Monaten. In ihrer Programmgestaltung zeigt sie die riesige Spannbreite der Möglichkeiten eines Akkordeons, das sie selbst gern eine „Ein-Mann-Band“ nennt – vom Begleitinstrument in einem intimen Liederabend mit dem Bariton Benjamin Appl über eine kleine Kammermusik mit dem Mandolinisten Avi Avital über etwas größere Kammermusikbesetzungen mit dem SIGNUM saxophone quartet bis zu großen Solokonzerten für Akkordeon und Orchester. „One of the hardest things“, keine Frage – aber sie weiß auch, „that she had to make it“ [dass sie es tun muss], weil so eine wirklich einmalige Chance im Leben nie wiederkommen wird.
Von der Zeitung „The Telegraph“ wird Ksenija Sidorova als „Offenbarung“ beschrieben. Während des SHMF zeigt sie, wie weit ausgreifend diese Offenbarung ist. Die Gestaltung ihrer Programme und die Künstler, die sie dazu eingeladen hat, sind nur ein Aspekt dieser Offenbarung. Zwei weitere Aspekte scheinen aber noch dazu zu gehören.
Akkordeon mit Kopf und Füßen
Mauricio Kagel hat einmal (sinngemäß) gesagt, Musikinstrumente seien nur die Verlängerungen von körperlichen Organen und Fähigkeiten des Menschen. Sieht man etwa einen Menschen Posaune spielen, so kann man diese Äußerung gut nachvollziehen. Die Verlängerung und Vergrößerung des Raumes, in dem sich der Atem, die Luft, bewegen kann, bis zum Schalltrichter des Instrumentes. Bei Ksenija Sidorova ist das irgendwie anders: Sieht man sie während des Konzertes von vorn, so sieht man in erster Linie ihr Instrument, das sie auf beiden Seiten mit den Händen bedient. Über dem Akkordeon sieht man (nur) ihren Kopf, der sich wie eine Fingerpuppe im Rhythmus und Geist der Musik wiegt und an der oberen Kante des Akkordeons entlangbewegt. Unter dem Akkordeon sieht man nur ihre Beine und Füße. Man könnte (nicht nur optisch) das Gefühl bekommen, Ksenija Sidorovas Körper sei das Akkordeon selbst – oder umgekehrt. Die enge Beziehung, der super-enge Kontakt von menschlichem Körper und Musikinstrument scheinen sich bei ihr aufzulösen und zu einem Zentralkörper zwischen Kopf und Beinen zu werden. Das macht ihre Musik innig und emotional und aus einem Guss. Das ist nicht selbstverständlich!
Als letzter Baustein ihrer künstlerischen Persönlichkeit kommt hinzu, dass sie natürlich grundsätzlich ein umfangreiches Repertoire an Musik spielt, etwa Bearbeitungen von Musik aus etwa 300 Jahren. Das Thema „Bearbeitung“ lässt sich bei einem jungen Instrument wie dem Akkordeon, das gerade etwa 100 Jahre alt ist, nicht verhindern, wenn man „alte“ Musik spielen will. Herausragend wichtig ist für sie die Musik Astor Piazzollas, denn „ich spiele sie nicht nur – ich höre sie auch ständig, in guten und in schlechten Zeiten. Letztlich gibt mir Piazzolla ein Gefühl von künstlerischer Freiheit und ein Gespür für das unglaubliche Potential meines Instrumentes.“ Zuletzt versteht sie sich als Botschafterin der Musik ihres Geburtslandes Lettland und des Nachbarlandes Estland: „Ich glaube, unser bestes Exportgut ist die klassische Musik“, meint sie. „Man denke an die vielen Komponisten, Dirigenten und Interpreten, die diese beiden kleinen Länder hervorgebracht haben!“ Bei all diesen Säulen ihres musikalischen Denkens kommt noch hinzu, dass sie mit vielen Komponisten in Verbindung steht und immer wieder neue Originalkompositionen für Akkordeon (in unterschiedlichen Besetzungen) anregt, in Auftrag gibt oder deren Entstehung aktiv begleitet.
„Musik tut gut!“
Wer ist diese energiegeladene, scheinbar immer lächelnde, kommunikative und neugierige Frau? Und vor allem: Wie kam sie darauf, Akkordeonistin werden zu wollen? Ksenija Sidorova wurde 1988 im lettischen Riga geboren. Damals stand Lettland noch unter russischer Herrschaft und viele Dinge wurden sehr streng und geradlinig geregelt. Ihre Eltern hatten mit Musik wenig zu tun, aber ihre Großmutter gab ihr bei einem Besuch, als Ksenija etwa sechs Jahre alt war, ihr Akkordeon, das einzige Musikinstrument, das greifbar war. Die Oma war Lehrerin und fand: „Musik tut gut!“ Die ersten Schritte auf dem Akkordeon lernte sie bei ihrer Oma – einen bunten Strauß von Volksmusik und Folklore, die Gattungen, denen das Akkordeon ja lange besonders verbunden war. Vom achten Lebensjahr an besuchte sie eine Musikschule in Riga – das Akkordeon hatte sie liebgewonnen und wollte es nicht wieder weggeben. Ihre dortige Lehrerin bezeichnet Ksenija Sidorova als „ihre zweite Mutter“. Eine Frau, mit der sie viel zu tun hatte und die ihr – nicht nur in musikalischer Hinsicht – vieles beigebracht hat. Leicht war diese Schule, die Ksenija Sidorova als „normal“ empfand, nicht, es war alles sehr ernst und ernsthaft. Alles, wirklich alles, wurde erklärt, geübt und wurde so auch Teil der Persönlichkeit der jungen Musiker.
Bis zu ihrem 16. Lebensjahr blieb Ksenija Sidorova an dieser Schule und hatte die ganze Zeit über dieselbe Lehrerin, die ihr auch nach acht Jahren immer noch etwas zu vermitteln vermochte. Eher als kleinen Scherz, zumindest „nebenbei“, erstellte Ksenija Sidorova in dieser Zeit für einen Bekannten ein Tonband mit ihrer Musik, wir würden es heute ein „Demo“ nennen. Die Wege des Herren sind unerforschlich, sagt ein altes Sprichwort – nach einiger Zeit bekam sie von einem ihr gänzlich unbekannten Mann (immerhin ein Professor für Akkordeon) einen Anruf, dass sie doch mal nach London kommen solle und ihm vorspielen. Er würde sie gern mal live hören, nicht nur vom Band. Also fuhr sie nach reiflichen Überlegungen – und vielleicht trotzdem ein klein wenig naiv – mit ihrer Mutter nach London. Es war kein Vorspiel vor einem Akkordeonlehrer – es war die offizielle Aufnahmeprüfung für die „Royal Academy of Music“, die sie mit Bravour und ausgestattet mit einem Studienstipendium bestand.
London
„You are in“ [Sie sind aufgenommen], hieß es nach der Prüfung. Dabei wollte sie zunächst einmal in zwei Jahren ihren Schulabschluss in Riga machen und dann studieren. Aber eine professionelle Akkordeonistin wollte sie auch werden – also ging sie nach London. Die erste Woche begleitete sie ihre Mutter – danach war sie auf sich selbst gestellt. Ihr Studium begann mit einer „unteachable lesson“ [eine Lektion, die man nicht beigebracht bekommt, die man quasi selbst lernen muss]: Alle anderen Studenten an der Academy verfolgten dieselben Ziele, hatten dieselben Leidenschaften. Ksenija Sidorova meinte, mehr und mehr üben zu müssen, um mithalten zu können. Sie übernahm sich, vergaß, zu essen und musste zurück nach Riga geflogen werden, um sich dort im Krankenhaus wiederherstellen zu lassen. Danach ging das Studium „normal“ weiter.
Vieles war neu für sie – hatte ihr ihre Lehrerin in Riga immer gesagt, was und wie sie zu spielen habe, so musste sie sich nun viel von Grund auf selbst erarbeiten (denn ihr Lehrer kam nur etwa alle zwei Wochen zum Unterricht aus Dänemark eingeflogen). Auch ihr Lehrer gab wenig vor, fragte viel öfter nach ihrer Meinung und Vorstellung. Technisch war sie schon lange perfekt – aber hier wurde nun der musikalische Geist geschult. Gespräche mit ihren Lehrern und ihre vielen Kommilitonen hätten sie zu der Musikerin gemacht, die sie heute ist. Viele der Musiker, die sie zu den Konzerten des SHMF eingeladen hat, hat sie in dieser Zeit kennen und schätzen gelernt. Wenn man sie mit ihren Freunden auf der Bühne sieht, erkennt man, was Musik so alles bewirken kann – aber letztlich ist alles Emotion pur!
Ksenija Sidorova. © Benne Ochs
Information:
- Homepage des SHMF: https://www.shmf.de
Die Konzerte des SHMF sind gut verkauft, viele ausverkauft. Es lohnt sich aber immer, sich auf die Warteliste setzen zu lassen!
Drei CDs – quasi Ksenija Sidorova pur:
Die letzten drei CDs von und mit Ksenija Sidorova sind alle ein Traum und gehören eigentlich in jeden Plattenschrank. Insbesondere zeichnen sie die gesamte Weite des von Ksenija Sidorova gespielten Repertoires nach. Wer mehr von ihr hören will (und wer sie erst einmal gehört hat, wird unaufhaltsam süchtig), kann sich hier einen wunderbaren Überblick über ihre Musik verschaffen – dieses aber nicht nur rein akademisch, sondern emotional und voller Genuss:
- Kseija Sidorova: Piazzolla Reflections
Alpha-Classics.com / EAN 3760014196645
Kompositionen von Astor Piazzolla (u.a. das „Concerto for Bandoneon, String Orchestra and Percussion ‚Aconcagua‘“), Pietro Roffi, Sergey Voitenko, Franck Angelis, Sergey Akhunov und Johann Sebastian Bach
Ksenija Sidorova, Akkordeon
BBC National Orchestra Of Wales, Clark Rundell - Crossroads
Alpha-Classics.com / EAN 3701624510902
Kompositionen von Johann Sebastian Bach, Sergey Akhunov, Dobrika Tabakova und Gabriela Montero
Ksenija Sidorova, Akkordeon
Sinfonietta Rīga, Normunds Šnē - Prophecy
Alpha-Classics.com / EAN 3701624511985
Kompositionen von Erkki-Sven Tüür, Tõnu Kõrvits („Dances“, die im Rahmen des diesjährigen SHMF ihre deutsche Erstaufführung erlebten) und Pēteris Vasks
Ksenija Sidorova, Akkordeon
Estonian Festival Orchestra, Paavo Järvi
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