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Getanztes Konzert „Escape Valse“ der Gruppe Stegreif. Foto: Mozartfest Würzburg/Fabian Gebert

Getanztes Konzert „Escape Valse“ der Gruppe Stegreif. Foto: Mozartfest Würzburg/Fabian Gebert

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Die eigene Stärke auf schwankendem Boden spüren

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Schlagzeugerin Leonie Klein ist die erste Zukunftskünstlerin des Mozartfests Würzburg
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Die Theaterstraße 8 wird in Würzburg zur wichtigen Adresse. Zwischen Beauty-Salon und Barber-Shop erforschen Menschen vier Wochen lang miteinander, was schön ist und als schön gilt, was Schönheit in einem tieferen Sinne ausmacht und wie schön es sein kann, gemeinsam etwas zu entdecken – im Augenblick und doch nachhaltig.

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Tag für Tag wird es bei den Veranstaltungen im Zwei-, Drei-Stunden-Takt immer enger in diesem temporären „Studio für Schönheit“. Es spricht sich herum, dass der Besuch des „M PopUp“ lohnt. Die Schwelle ist niedrig. Die Tür öffnet sich zum Gehsteig, das Schaufenster auch. Im „Ladenlokal“ des Mozartfests Würzburg verdichtet sich das Leben, wie es ist, mit Ideen von dem, wie es sein könnte. Hier trifft Würzburg aufs Mozartfest und umgekehrt auch, und das Festival hat einen Ort, sich inhaltlich selbst zu spiegeln.

Host des Studios ist die Artiste d’avenir des Festivals: Leonie Klein, Schlagzeugerin, die erste Zukunftskünstlerin des Mozartfests Würzburg. Ihr war – zum Abschluss der vierjährigen Förderung der Kulturstiftung des Bundes im Programm „tuned – Netzwerk für zeitgenössische Klassik“ – die Aufgabe gestellt, passend zum diesjährigen Motto, „Beschworene Schönheit – Idol Mozart“, im Programm verschiedene Formate für verschiedene Räume zu entwickeln.

„Denk dir was aus“, sei, auf den Punkt gebracht, der Auftrag von Mozartfest-Intendantin Evelyn Meining gewesen. Große Freiheit also und „ein weißes Blatt Papier“, sagt Leonie Klein im Gespräch mit der nmz. Fix gewesen seien einige Spielstätten. Am Konzept fürs „M PopUp“ habe sie ein Jahr lang gefeilt und „gefühlt ganz Würzburg angerufen und kennengelernt“. Mit einem facettenreichen und klar strukturierten Ergebnis: Beauty trifft Schönheit!

Bei allem, was Leonie Klein initiiert, bildet die Musik den wesentlichen Ankerpunkt. Von dort bricht sie auf in andere Welten: die verwandter Künste, die der Wissenschaft und jene, die in die Breite der Gesellschaft führen. „Für mich ist es wichtig, verschiedene Disziplinen miteinander zu verbinden. Ich möchte über den Tellerrand schauen“, sagt sie. Mögliche Risiken kalkuliert sie ein. Wer nicht wagt ... kommt nicht voran. Balance findet nur, wer das vertraute Terrain verlässt, die eigene Stärke auf schwankendem Boden spürt. „(...) eine Kultur, die nicht mehr wagt zu irritieren, verliert ihre Lebendigkeit – und ihre Glaubwürdigkeit“, schreibt Leonie Klein ins Programmbuch des Mozartfests. Sie suche „nach Formen, in denen Musik nicht abgeschlossen wirkt, sondern den Tanz auf dem Drahtseil wagt – durchlässig für Gegenwart, Gesellschaft, Wandel.“

Bestes Beispiel beim Mozartfest ist die kompakte Konferenz „Alles tanzt“ im Vogel Convention Center. Vor dem Hintergrund einer weitgespannten Videowand („The Curve“ ist namensgebend für diesen Raum des VCC) gibt Leonie Klein am Nachmittag des 4. Juni zunächst der Natur eine Bühne, dem „MoorReaktor“, einer Installation des Künstlerkollektivs MONAS. Im Rampenlicht: ein kleines grünes Biotop aus Torfmoos, hinter Glas und über Sensoren verkabelt. Messbar sind Temperatur, Luftfeuchte und CO2-Gehalt, hörbar ist der Klang dieses Urgrunds, sichtbar, wie sich dessen Puls durch äußere Einflüsse ändert. Denn das wühlt das erdige Panorama auf dem Screen auf. Irgendwann strömt der ewige Fluss wieder still dahin. Es ist zu spüren, wie zerbrechlich und kraftvoll zugleich diese Moorschönheit ist.

Die Emotion führt ins Gespräch. Leonie Klein lädt von MONAS den Klangkünstler Kurt Holzkämper, den Umweltwissenschaftler Prof. Dr. Hubert Wiggering und den Videoartisten Vincent Wikström aufs Podium. Gemeinsam loten sie aus, was möglich wäre, wenn „wir alle“ es wagen würden, ausgetrocknete Moore neu zu bewässern. Ein Ökoprojekt mit Potenzial, das aber politische Rahmenbedingungen braucht.

Kann Schönheit helfen, die Welt zu retten? Diese Frage vertieft eine noch interdisziplinärer besetzte Runde: mit der Sozialpsychologin Prof. Dr. Gundula Hübner, Start-up-Gründer Sebastian Ortler, Musik(mittl)er Lorenz Blaumer und Umweltexperte Wiggering. Die Perspektive ist hoffnungsvoll. Positive Veränderungen seien möglich, wo im Konsens einer gemeinschaftlichen Initiative ein Handlungsdruck auf politische Entscheidungskräfte entstehe. Schöngeredet wird aber nichts. Mit Blick auf die Kulturpolitik unterstreicht Lorenz Blaumer, künstlerischer Leiter von Stegreif – The Improvising Symphony Orchestra, wie die aktuell so restriktiv gemanagte öffentliche Förderung das Kreativsein erschwere. Da gehe manchen die Luft aus. „Es verschwindet ein Stück Vielfalt.“

Beim Mozartfest lädt Stegreif zum Tanz. „escape valse“ beginnt in der VCC-Rotationshalle mit einem stummen Walzer. Dieser entfacht einen Sog, der auch das Publikum auf die Bühne zieht. Alles tanzt. Maurice Ravels „La valse“ wird als Rekomposition von Mike Conrad mehrfach durchbrochen von Rekompositionen impressionistischer Werke von Claude Debussy, Lili Boulanger und Johanna Müller-Hermann.

In den Tanz mischen sich Störgeräusche. Musikerinnen und Musiker, Tänzerinnen und Tänzer werden sortiert: nach Größe, Geschlecht, Alter, sexueller Orientierung, Intelligenz, Schönheit. Manches ist absolut, anderes relativ oder gar der Willkür unterworfen. Die Schärfe der Befehle deutet an, dass ein späterer Marsch tödlich sein könnte. Streicherbögen und Blasinstrumente werden zu Waffen, Trommelschläge schüren wie Schüsse die Angst. Jetzt sind alle gleich. Gäbe es nicht die Kraft der Musik, wäre wohl alles dahin ...

Leonie Klein, die so vieles anstößt und gestaltet, schöpft im Rückzug aufs eigene Musizieren neue Energie. „Ich habe so unglaublich viel im Kopf“, sagt sie. „Auf der Bühne kann ich das ausblenden. Dann bin ich ganz bei mir.“ Diese Konzentration trägt sie auch in Würzburg. Beim „Drum Quotes“-Solo, beim Konzert mit den Stipendiaten des MozartLabors – oder auch am Ende eines Schlagzeug-Workshops im „M Popup“. Dort findet sich vieles von dem, was die Teilnehmenden in den 80 Minuten zuvor miteinander erkundet haben, in ihrer Interpretation von Péter Eötvös’ „Thunder“ wieder. Wie schön!

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