Hauptrubrik
Banner Full-Size

Diesseits und jenseits von Konvention

Untertitel
ORBIT – das Kölner Festival für aktuelles Musiktheater
Vorspann / Teaser

Köln, im April – Nichts liebt das Theater so sehr wie den Außenseiter. Wofür man selber keineswegs einer sein muss. Wenn man es allerdings ist, wird etliches leichter und, nota bene, authentischer. Hans Werner Henze zum Beispiel. Dass der seine Homosexualität in der des Schriftstellers Jean Genet gespiegelt sah, hatte sein Ensemblestück „Miracle de la Rose“ auf einen 1946 veröffent­lichten Roman Genets so nachdenklich, so fantasievoll, so französisch ausfallen lassen. Lang ist‘s her. Und vergessen wahrscheinlich auch.

Autor
Publikationsdatum
Paragraphs
Text

Längst hat das Musik­theater ja aufgehört, gegen seine Väter zu rebellieren. Es genügt, so zu tun, als gäbe es sie nicht. Gewiss. Mit gleichem Recht gilt die Emphase des Neuanfangs. Wir vergessen, was war und beginnen frisch! So in etwa darf man den Anspruch des Kölner Festivals für aktuelles Musiktheater, das auf den schönen Namen ORBIT hört, wohl verstehen. Den Kairos, den glücklichen Augenblick ergreifen, sich „wach blinzeln für diesen Moment“ – das war’s, was Christina C. Messner und Sandra Reitmayer als künstlerische Doppelspitze von ORBIT sich wünschten, um zum Auftakt ihrer dritten Ausgabe dem genetischen „Wunder der Rose“ zu neuer Blüte zu verhelfen. Die allerdings blieb aus. Weshalb sich Philipp C. Mayer, ein Jahrgang 1995 und dem Studium noch kaum entwachsen, ausgerechnet für einen solchen Stoff entschieden hatte, konnten weder sein Stück noch die Inszenierung (Miriam Götz) schlüssig beantworten. Dabei geizte die Textvorlage weder mit Expressionismus noch mit seiner Stiefschwester Surrealismus.

Schiff ohne Meer

„Gefängnis ohne Mauern, Schiff ohne Meer ...“ führt in die depressive Kindheit eines notori­schen Diebes und Landstreichers, als der der junge Jean Genet eine Gefängnisstrafe nach der anderen aufgebrummt bekommt. Sein im Knast geschriebener Roman schildert erste, tiefe Liebesbeziehungen in der mythischen Welt einer Strafkolonie mit einem mystischen Verlobten Harcamone. Dem zum Tode Verurteilten erscheint das „Wunder der Rose“. – Und was erschien auf der ORBIT-Bühne? – Statt eines Sängers schickte Mayer den Schauspieler Max Kurth ins Rennen. Ihm oblag es, ein Textgebirge abzuspulen als sei man bei der LitCologne. Kam sympathisch rüber, wenn auch nicht ohne Aussetzer. Um den plaudernden Protagonisten ein ENSEMBLE GARAGE, das für ein Grundrauschen zu sorgen hatte, für Flächengrundierung wie mittlerweile üblich geworden. So schon zu Stückbeginn. Zu raunendem Theaternebel schabte, kratzte ein jeder vor sich hin. Was etwas Autistisches hatte und wohl auch haben sollte. Höhenflüge, Ausbrüche, Exklamationen in der Musik? All das fehlte. Signifikant das Schluss-Tableau. Zum großen Monolog das Ensemble zu andächtigem Stillschweigen verdonnert. „Gefängnis ohne Mauern, Schiff ohne Meer ...“ verheddert in der Takelage zwischen Literatur-Lesung, Live-Hörspiel, Stimm-Performance. Musiktheater im Trockendock.

Spiegelbildlich

Exakt spiegelbildlich dazu die von ORBIT eingeladene französisch-schweizerische Produktion mit dem freilich nicht weniger geheimnisvollen Titel „Sombre. In the shadows of our time“. Ein nicht nur hier zu beobachtender Sprachmix, in dem sombre für dunkel steht, une sombre histoire für eine finstere Geschichte. Davon wurden auf der großen Bühne der Alten Feuerwache gleich zwei erzählt, wobei man, ungeachtet aller Attitüde des Geheimnisvollen, den Dramaturgien klare Faktenbasiertheit voranstellte, wofür die allgegenwärtigen Video­leinwände wertvolle Dienste leisteten. Was jeweils „Thema“ ist, ward vorab, gleichsam wie in der Pressemeldung, abgebildet. So las man vom Maler Paul Gauguin. Und man las von einem Dichter namens Ezra Pound. Ersterer hatte sich zwecks neuem Produktionsschub in ein Südsee-Paradies zurückgezogen, seine 14-jährige tahitische Ehefrau allerdings sitzenlassen. Und der Shadow, der Schatten über dem anderen, das Verfallensein an den italienischen Faschismus. Zwei fragile, fragwürdige Künstlerpersönlich­keiten, zu denen Jean-Baptiste Barrière und Cécile Marti zwei 40-minütige musiktheatrale Kommentare lieferten. Beide im Prinzip ohne Fehl und Tadel, wenngleich etwas glatt, ins Klassizistische spielend. Famos das Quartett aus Flöten (Camilla Hoitenga), Kontrabass (Fritz Hauser), Perkussion (Étienne Exbrayat) und Kantele, also der griffbrettlosen Kastenzither wie sie vor allem in Finnland heimisch ist. Letzteres die Verknüpfung zur 2023 verstorbenen Komponistin Kaija Saariaho. Mit Ehemann Jean-Baptiste Barrière und Sohn Aleksi (Regie) gab sich das als quasi innerfamiliäre Hommage. Dreh- und Angelpunkt der großartige Schweizer Bassbariton Robert Koller.

Aktuelles?

Wirklich Neues oder, wie dem Festival-Namen eingeschrieben, Aktuelles, erbrachte die so ziemlich alle Theaterkonventionen fröhlich sprengende Produktion aus Ungarn, „Host_Opera“ genannt, was an die Wendung a host of possibilities denken ließe. Nichts anderes nämlich hatte sich MuPATH, abgekürzt für music performance art theatre, vorgenommen. Die Geschichte selbst sehr irdisch, zurückreichend in eine Epoche als Ungarn noch Volksdemokratie war. September 1973. Zwei junge Männer nehmen fünfzehn Schülerinnen als Geiseln. Man will „in den Westen“. Nicht das allerdings ist das Interessante – das Vorhaben endet wie noch alle solche Vorhaben –, interessant ist, wie Samu Gryllus, der kompositorisch-dramaturgische Kopf von MuPATH, es anfasst, musiktheatral ausfaltet. Zunächst in ein Sängerquartett, das Geisel­nehmer, Polizei und Psychologen die Stimmen leiht. Drei arbeiten mit Notenständern, aber auch mit Kameras, die sie virtuos bespielen, auf- und zuklappen, uns ihre Gesichter auf zentraler Leinwand zeigen, sie verfremden. Vom Dirigentenpult gibt Gryllus Einsätze. Für vier improvisierende Solisten – Geige (Lola Rubio), Cello (Elisabeth Coudoux), E-Gitarre (Jordan White), Akkordeon (Dorrit Bauerecker) – aber eben auch für das Publikum. „Host_Opera“ ist nämlich Mitmach-Musiktheater. Soundpainting heißt so was. Erst ist man befremdet, wenn Gryllus seine Features einübt, im nächsten Moment Feuer und Flamme. Publikum atmet, summt, singt in allen Lagen, spricht Texte. Und dann das Ende! Kein Showdown wie im richtigen Tatort. Gryllus und seine Sänger – hervorzuheben Sopranistin Beata Gerandás – locken, führen das Publikum erst auf die Bühne, von dort ins Freie. Der Applaus fällt aus, ist aber, von dieser Stelle, unbedingt nachzuholen.

Ort
Autor
Print-Rubriken
Unterrubrik