Schon vor Beginn der Premiere brandet heftiger Jubel für alle Beteiligten auf. Er betoniert den Erfolg von Daniel Behle und Alain Claude Sulzer lautstark bis unwidersprechbar. Vor einigen Spielzeiten war deren erste Operetten-Schöpfung „Hopfen und Malz“ in Annaberg-Buchholz, am Theater Neustrelitz und im Brandenburger Theater zum Glücksmoment für das Desiderat der neuen tonalen Operette geworden. Jetzt fand das gleiche Team für „Schmetterling“ erneut zusammen. Am gleichen Uraufführungsort – im Eduard-von-Winterstein-Theater beim überaus erfolgreichen Operettenarchäologie-Intendanten Moritz Gogg – mit der Wagner- und vermittlungsaffinen Regisseurin Jasmin Solfaghari und dem Ausstatter Walter Schütze. Neu im Team ist Bruno Borralhinho, der frisch bestellte Chefdirigent und Musikdirektor Aue. Sie alle brachten Behles verführerisch glitzernde Farbrausch-Partitur mit einer Kraft zur Uraufführung, dass diese das Volumen des Theaters fast sprengte. Sängerstimmen kamen dabei nie in Nöte.
v.l.n.r.: Beatrice Löffelholz (Die Uhrmacherin), Zsófia Szabó (Petra) und Theo Rohde (Peter).
Foto: Dirk Rückschloß/Pixore Photography
Ein Fluch, ein Super-Tenor und die miese Zukunft: Daniel Behles Operette „Schmetterling“ feiert Uraufführung in Annaberg-Buchholz
Das Spielplan-Modul „Unterhaltung“ wird in Annaberg-Buchholz auf ganz breiter Ebene und intelligent ausgereizt. So folgte die dreiaktige Operette „Schmetterling“ – dieser Griff in den bildungsbürgerlichen Komödienstadel mit seiner Warnfunktion vor einer freudlosen Zukunft durch eine Gesellschaft 3.0 – auf einen ins Gothic-Milieu verlagerten „Kleinen Horrorladen“, der mit der wohl besten Horrorpflanze bundesweit punktet. Von der ursprünglichen Idee einer Operetten-Paraphrase um Wagner und Bayreuth war der sich klug ins schwerere Wagner- und Strauss-Fach bewegende Tenor Daniel Behle abgerückt.
Im ersten Akt, der Vergangenheit, wird dem Festspieldirektor Franz klamm. Die letzte Oper seines Großvaters hatte nämlich den Erschöpfungstod von Heldentenor-Goldkehlen verschuldet. Das geschah immer bereits vor den geplanten und danach abgeblasenen Uraufführungsversuchen. So bleibt des Großvaters Schwanengesang mit dem Fluch der Unaufführbarkeit behaftet. Dieser löst sich in Akt zwei, der Gegenwart, ansatzweise. Denn da kommt Peter, der Schmetterling mit der Superstimme. Er schafft die mörderische Partie zwar auch nicht. Doch vor seinem Hinscheiden kommt er in belkantistischem Glanz und Wonne dem Geheimnis von Werk und Fluch etwas näher. Eine Standuhr mit einer personifizierten „Uhrmacherin“ wird zum Depot der ominösen „Schmetterling“-Partitur. Sie überdauert die Zeiten bis zur sozialen Vereisung in naher Zukunft durch Digitalität und KI. Das absolute Musik- und Kunstwerk „Schmetterling“ erweckt als Freudenspender im dritten Akt die Menschheit aus dem digitalen Dornröschenschlaf und reanimiert die Eisgesellschaft zur Schöngeistigkeit.
Vor allem der Komponist und die Regisseurin hegen für Richard Wagner eine innige, alles andere überlagernde Kunstliebe. Und das, obwohl Behle ein erklärter Verfechter der kurzen und damit keineswegs unendlichen Melodie ist. In seinem Textbuch setzt Sulzer ein Schlagwort, einen Schüttelreim, eine Pointe an die nächste. Die subtilste Figur des Abends ist Prinzipal Franz. Seine großartige Verkörperung durch den exquisiten hohen Bariton Angus Simmons wird zum Höhepunkt der Premiere. Das bleibt auch gültig, wenn mit Theo Rohde eine der ganz großen Tenor-Hoffnungen der nahen Zukunft als Gast für Peter „Schmetterling“ erscheint.
Spätere, von drohender Bildungsferne infizierte Musikarchäologen werden die Entstehungsjahre von „Schmetterling“ wohl zwischen 1918 und 1933 verorten. Kaum jemand wird auf die Jahre 2023 bis 2026 tippen – trotz einiger bei Philip Glass entdeckter Übergangskniffe. Behle bekennt offen, dass ihm fachgerechte Modulationen zu lange dauern. Er ist lieber ein Meister des zackigen statt der „feinsten allmählichen“ Übergänge des Meisters Wagner. Bruno Borralhinho signalisiert, dass man das zweigleisige Erlösungsgeschehen trotz der wichtigen Warnbotschaft nicht ganz ernst nehmen muss. Schön ist, dass der von Niccolò Morello einstudierte Opernchor einen großen, mit authentischer Spiellust ausgefüllten Part hat. Die Erzgebirgische Philharmonie spielt nach „Die gelbe Lilie“ und „Der Fürst von Pappenheim“ mit gewohnter, unbestechlicher Expertise für melodramatische Universaloperette.
Theater, Theater-Masken, Theater auf dem Theater! Nicht in der Fülle von Situationen besteht hier die Regieherausforderung, sondern in der Versynapsung dieser verschiedenen Ebenen: Der erste Akt riecht etwas nach wilhelminischen Theaterkomödien im Stil von Direktor Striese im „Raub der Sabinerinnen“ oder „Das kleine Hofkonzert“. Jasmin Solfaghari mixt Boulevardstück, Farce und Schwank. Schön gerät mit Angus Simmons die Wiedergeburt des Direktors Franz als charmanter Vampir mit genrespezifischem Aufputz. Der dritte Akt in der entindividualisierten Cloud bleibt schonend sanft statt kalt und hart. Insgesamt geht es in der Uraufführungsinszenierung vor allem um souveränes Spiel und die Nähe zum liebevoll aufgeschlossenen Publikum.
Das Ensemble gestaltet wunderbar: Zsófia Szabó ist als Sängerin Petra zum Glück alles andere als eine Wagner-Heroine im Erlösungsrausch für Tenorhelden mit Psychoknacks. Malina Höfflin als Helga wirkt wie das Double einer auf großen Bühnen derzeit nicht hundertprozentig erfolgreichen Opernregisseurin aus Frankreich. Als alle Farben von mysteriös bis knarzig abdeckender Bass verkörpert Ivaylo Guberov den Richard. Beatrice Löffelholz als elegante Uhrmacherin schwebt mit erotischem und esoterischem, immer attraktivem Glamour durch die Zeiten. Bridgette Brothers, Juliane Prucha, Stephanie Ritter (als Migräne 1, 2, 3) bereichern mit Uli Heim und Volker Tancke das vitale Treiben. Bunt ist auch die Ausstattung. Schütze setzt kein Theater auf die Bühne, sondern baut ein altdeutsches Arbeitszimmer mit Fototapete. Dahinter sieht man die Häuserreihe einer kleinen fränkischen Residenz- oder vielleicht auch erzgebirgischen Industriestadt.
Diese Uraufführung zeigt gleich mehrere erfreuliche Stärken: Behle und Sulzer schmiegen sich keinem Trend der aktuellen Musical-Mache an. Auch die Erkenntnisse der aktuellen Operetten-Forschung sind ihnen offenkundig schnuppe. Mit Intendant Gogg haben sie einen Ermöglicher. Dieser fördert im immens breiten Angebot des Annaberger Theaters zwischen Entdeckungssensationen aus den 1920er-Jahren und DDR-Musicals diese Retro-Farbe ganz bewusst. Der Geist und die Kapazitäten des Hauses lassen gar nicht erst zu, dass Behles Fantasien an der ganz langen Wagner-Leine zum sentimentalen Verschnitt werden können. Das hier recht bodenständige Glitzern der Farbrausch-Instrumentation beflügelt eine Edel-Posse mit Musik. Das Applausdonnern setzt sich bereits zur Pause und erst recht am Ende fort.
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