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Arthur Bruce (Wozzeck) mit Opernchor und Staatsorchester des Oldenburgischen Staatstheaters. Foto: © Stephan Walzl

Arthur Bruce (Wozzeck) mit Opernchor und Staatsorchester des Oldenburgischen Staatstheaters. Foto: © Stephan Walzl

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Ein hochaktueller „Wozzeck“ von Manfred Gurlitt in Oldenburg

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„Wir arme Leut“ in Oldenburg – Georg Heckel mit Manfred Gurlitts selten gespielter Oper „Wozzeck“ eine hochaktuelle Sicht eines Femizids. 

 

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Einsam sitzt im Oldenburgischen Staatstheater der kleine Junge auf den Platten, die wie Photovoltaik aussehen und einen Teil der ersten Zuschauerreihen überdecken. Damit wird zweierlei ausgedrückt: Wir sind die Gesellschaft, in der sich Wozzecks furchtbares Schicksal vollzieht, und nur die Kinder sind es, die eine bessere Zukunft ermöglichen (könnten). In den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts wurden zwei Opern über Georg Büchners 1837 entstandenes Fragment „Woyzeck“ komponiert: Alban Bergs Oper wurde 1925 in Berlin uraufgeführt und Manfred Gurlitts Werk 1926 in Bremen, wo der Komponist damals der Generalmusikdirektor der Oper war – wahrscheinlich wussten die beiden voneinander nichts.

Doch während sich Bergs Fassung zur „größten Oper des 20. Jahrhunderts“ (H. H. Stuckenschmidt) entwickelte, taucht Gurlitts Arbeit nur noch gelegentlich auf. Doch sie hat durchaus ihre Meriten: Im Unterschied zu Berg präzisiert Gurlitt viel mehr den Fragmentcharakter des Textes, setzt die inhaltlichen Bruchstücke und in der Regel auch unfertigen Sätze und Satzfetzen so unvermittelt aneinander, wie der junge Georg Büchner das geschrieben hat. Elias Canetti hat Büchners Arbeit „den vollkommenen Umsturz der Literatur“ bezeichnet. Gurlitts Musik hat aber mit ihrem spätromantischen, neoklassizistischen Ton nicht annähernd die emotionale Wucht, die Berg trotz oder gerade wegen seiner in klassischen Formen wie Fuge, Passacaglia, Sonatenhauptsatz, Suiten, Variationen verankerten Atonalität schafft. Gurlitt arbeitet mit einem viel kleineren, schlagzeug- und bläserlastigen Orchester eher mit einer klaren Leitmotivik – „wir arme Leut’“ –, bleibt häufig eingängig tonal, aber durchaus auch schon freitonal.

Die überzeugende Regie des Generalintendanten Georg Heckel verschärft den Ansatz Gurlitts: Es gibt keine stimmungsvollen Bühnenbilder (Ausstattung von Timo Dentler und Okarina Peter), es gibt keine pathetischen Gesten der Liebe, der Angst, der Trauer, sondern eher scherenschnittartige Ausschnitte. Sie sind allerdings mithilfe des ausgeklügelten Lichtes (Steff Flächsenhaar) so arrangiert, dass sie nicht minder emotional wirken. An erster Stelle ist hier der Bariton Arthur Bruce als Wozzeck zu nennen, der mit unglaublicher Passivität und Demut, die seine innere Wut zudecken, sein Schicksal trägt und stimmlich mit enormen Nuancen beeindrucken kann. Stephanie Hershaw als Marie ist ebenso kaum zum revoltierenden Aufschrei für ihr Leiden fähig, sie verschafft sich nur irgendwie ihren betäubenden Spaß mit dem wunderbaren Mannsbild Tambourmajor (Paul Brady). Der Doktor (Johannes Leander Maas), der Hauptmann (Chanhee Cho) und Wozzecks Freund Andres (Seumas Begg) bringen in diesem Sinne scharfe, aber eher holzschnittartige Profile.

Das Stück, in dem immerhin ein Femizid aus gekränkter Männlichkeit passiert, ist hochaktuell. Darüber hinaus stellt es die Frage nach der Verantwortlichkeit solcher Taten, in diesem Fall die Frage, ob Wozzeck wegen seiner ihn zerstörenden Vergangenheit überhaupt etwas dafür kann, ob er wegen psychischer Krankheit angeklagt werden kann: Er und Marie leben in großer Armut und damit Abhängigkeit und Unterdrückung. Der historische Wozzeck, dessen Fall (1821) Büchner zugrunde legt, wurde in Leipzig hingerichtet. Der Heckel'sche Wozzeck bereut, indem er die tote Marie hochzieht und minutenlang umarmt, anschließend Selbstmord begeht und damit seinen Fehler eingesteht, und die Kinder gehen erst wieder mit den Erwachsenen, als die ihre Masken abgelegt haben und sich – vielleicht – in Zukunft anders verhalten werden. Heckel schafft damit eine hochanregende doppelte Lesart für diese Frage: Natürlich hat Wozzeck Schuld und natürlich hat die moralinsaure Gesellschaft Schuld. Beides ist miteinander verflochten. Der Dirigent Vito Cristofaro und das auf der Bühne sitzende Orchester überzeugen durch Präzision, Klangfarben und virtuose Einzelleistungen. Anhaltender Beifall.

  • Die nächsten Aufführungen: 5., 13., 19. und 23 Juni. Die Produktion wird in die nächste Spielzeit übernommen

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