Manchmal bilden Konzert-Programme unterschiedlicher Veranstalter eine in sich geschlossene, kohärente Erzählung. In München war das Mitte Juni der Fall. Beim großen Festkonzert zum 75-jährigen Jubiläum des Münchener Kammerorchesters (MKO) in der Isarphilharmonie dirigierte Jörg Widmann seine „Friedenskantate“ für Soli, Chor, Orgel und Orchester von 2023. Das Werk erinnert – in Aufbau und Struktur, Form und Gehalt, Anspruch und Dramaturgie – an eine Bach‘sche Kantate oder Passion.
Ein Ritt auf der Retro-Welle
Einen Tag später folgte im Herkulessaal ein weiterer Ritt auf der Retro-Welle. Im Rahmen der „musica viva“ interpretierte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BR) mit Matthias Pintscher am Pult neue Werke von Lisa Streich und Jüri Reinvere. Da ist Streichs „Black Swan“ für Klavier und Orchester von 2025, das in München mit Tamara Stefanovich die europäische Erstaufführung erfuhr: Bei diesem Kompositionsauftrag der „musica viva“ und der Kansas City Symphony winkte aus der Ferne Alfred Schnittke.
Die gebrochenen Akkorde und der betont einfache, konsonante Lyrismus des Klaviers werden zusehends mikrotonal ausgehöhlt, oder es brechen rohe Orchester-Tutti herein. Das rührt zu Beginn durchaus an, trägt aber nicht eine Dauer von rund 30 Minuten. Als „rauschhaft, voll und süffig“ bezeichnet Streich das neue Werk. Wie sie zudem kommentiert, stehe der „Schwarze Schwan“ für „Seltenheit und Transformation, eine Erinnerung daran, dass auch in vertrauter Umgebung jederzeit das Unerwartete hereinbrechen kann und die Art, wie wir die Welt sehen, verändert“.
Ordnung und heile Welt
Doch im Gegensatz zu Schnittke wird hier nicht eine „heile Welt“ in einen geradezu essenziellen Abgrund getrieben. Dafür ist das neue Werk der in Schweden geborenen Streich leider viel zu dekorativ und harmlos gedacht. Die Ordnung und „heile Welt“ wird im Grunde nicht infrage gestellt, und diese Haltung irritiert fast schon angesichts eines Weltlaufs, der sich gegenwärtig derart disparat geriert: „ver-rückt“ im wortwörtlichen Sinn. Es sind vielmehr spektrale Klangflächen-Blöcke, die die Siemens-Musikförderpreisträgerin 2024 aneinanderreiht.
Das könnte sich ewig in der Dauerschleife weiter fortspinnen und findet einen eher künstlichen Ausgang. Nachdem der Anfang des Stücks nochmals aufgegriffen und variiert wird, kommt plötzlich kurz vor Schluss der Dirigent Pintscher ins Spiel. Er setzte sich zu Stefanovich ans Klavier und spielte mit ihr vierhändig. Das alles entwickelte wenig Dringlichkeit. Es blieb größtenteils bei ermüdender Redundanz: schade, denn eigentlich hatte man von Streich mehr erwartet. Mit „Das Lied von den zwei Erden“ für Sopran, Kannel und Orchester von Reinvere folgte eine Uraufführung. Der gebürtige Este ist bekannt für seine postmodernen Reflexionen der Romantik. Er ist fraglos ein stupender Beherrscher der Orchestrierung, vielfach inspirierend sein Blick auf das Gestern mit den Mitteln des Heute. Bei Reinvere bleibt nichts reiner Selbstzweck, sondern wird ein konzises Mittel zum Zweck. Auch das neue Werk entwickelt insgesamt eine wirkungsvolle Dramaturgie.
Lied von der Erde
Allein der Titel spielt auf Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ für zwei Singstimmen und Orchester an, und auch sonst gibt es einige Parallelen. Da sind jeweils die letzten Worte: Bei Mahler wird das finale „Ewig“ mehrmals wiederholt, bei Reinvere sind es die Worte „Und Friede bricht an, ohne Ende“. Der Originaltext stammt von Reinvere selbst. Es geht darin, vordergründig betrachtet, um Eindrücke der Landschaft auf Spitzbergen, die poetisch eingefangen und überhöht wird. Selbst ein Eis-Seesturm wird thematisiert.
Die eigentliche Botschaft ist jedoch eine Art Eskapismus und Weltentrücktheit, wie dies auch Mahler als Haltung in seiner Symphonik vielfach lebt. Genau diese Haltung hat eine bemerkenswerte Brücke zur Aufführung der „Friedenskantate“ von Widmann ein Tag zuvor beim MKO-Jubiläumskonzert geschlagen. Als Widmann das Werk komponierte, war der großflächige russische Angriffskrieg in der Ukraine seit einem Jahr Realität. Das Werk endet mit einem finalen „Halleluja“, das den Wunsch nach Frieden mit großspurigem Pathos und im Über-Dur geradezu heraufbeschwört. Reinvere wählt einen anderen Weg.
Wenn es den äußeren Frieden nicht gibt, ist der Frieden im Inneren entscheidend. In seinem Werk sucht das Ich den Frieden in und mit sich selbst. Das Ich ist, in diesem Sinn, der Welt und dem Weltgetümmel abhanden gekommen. Wenn in der Sozialpsychologie seit der Pandemie die Frage erörtert wird, ob und inwiefern auch in freiheitlichen Demokratien zusehends das Phänomen einer „inneren Emigration“ zu beobachten ist, angesichts gesellschaftlicher Spannungen und Spaltungen, so ist das neue Werk Reinveres ein auskomponiertes Beispiel dafür.
Leider funktioniert die Partitur nicht in allen Aspekten, was nicht der Interpretation geschuldet war. Man mag darüber streiten, ob AušrinÄ— StundytÄ— die in jeder Hinsicht passende Sopranistin gewesen ist. In ihrem vibratoreich-süffigen Gesang waren die Worte kaum zu verstehen. Ein Problem überdies das Kannel-Spiel von Kristi Mühling: Die baltisch-finnische Zither musste verstärkt werden und ging dennoch im Orchesterklang bisweilen unter.
Hier bedarf es einer Optimierung der dynamischen Balance. Dafür aber hat das BR-Symphonieorchester aus dem Werk einen veritablen Hörroman gemacht: überaus vielschichtig, nie den hohlen Effekt zelebrierend. Zum Abschluss wurde der 100. Geburtstag von Hans Werner Henze gewürdigt. Dazu erklang Henzes „Heliogabalus Imperator“ von 1972/86. Diese „Allegorie für Musik“ thematisiert die spätrömische Dekadenz unter der kurzen Tyrannei von Kaiser Elagabal. Sein zweifelhaftes Wirken erinnert an manche Populisten und Autokraten unserer Zeit.
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