Es sei nicht mehr zeitgemäß, jemand als dick zu verspotten, nicht mehr witzig, jemand grün und blau zu schlagen, und nicht mehr besonders effizient, ihn zur Blamage aus einem Wäschekorb in den Fluss zu kippen, sagt Regisseurin Verena Stoiber im Programmheft-Interview zu ihrer „Falstaff“-Inszenierung am Staatstheater Mainz. Ausstatterin Clara Hertel pflichtet bei: „Für uns war von Anfang an klar, dass wir eine Übersetzung finden müssen.“ Beide verlegen die Handlung in einen Großkonzern. Falstaff ist der Chef, und Windsor mit seinen Bewohnern ist nicht eine Kleinstadt westlich von London, sondern die Firma mit ihrem Personal.
Falstaff (Derrick Ballard) bedrängt Alice (Nadja Stefanoff). Foto: Andreas Etter.
Falstaff aktuell – Verena Stoibers bissige Verdi-Inszenierung am Staatstheater Mainz
Ist dieser Ansatz plausibel sinnvoll, und funktioniert er auf der Bühne? In den Chefetagen mächtiger Konzerne solcher Firmen, argumentiert Stoiber, finde man Männer, „deren Verhalten keine Konsequenzen zu haben scheint, egal, was sie tun“. Dick müssen sie nicht sein; es reicht, wenn sie sich breitmachen und dicktun. Man kommt nicht umhin, an einen zum US-Präsidenten aufgestiegenen Geschäftsmann zu denken. „Seinen Anlagen nach ist er kein Politiker, eher ein Dealer, am meisten ein Clown, der den Diktator gibt“, hat kürzlich in seiner aufschlussreichen Studie „Der Fürst und seine Erben“ der Philosoph Peter Sloterdijk über Donald Trump notiert. Auch Falstaff lässt sich auf jeden Handel ein, der ihm Vorteile verspricht, düpiert willentlich seine Mitmenschen und erklärt am Ende alles zu einem großen Spaß. Da liegt es nahe, ihm einen blauen Anzug, ein weißes Hemd, eine rote Krawatte, eine ausladende Blondfrisur und eine rote MAGA-Kappe zu verpassen – und dies schon für mutig zu halten.
Stoiber und Hertel gehen subtiler vor: Der Typ, der da auf der Chefetage im Hochhaus mit Blick auf eine typische Skyline vor einem aufgeräumten Schreibtisch sitzt, dumme Gedanken ausbrütet und freche Sprüche klopft – er trägt zwar einen blauen Anzug und ein weißes Hemd, aber eine gelbe Krawatte und eher schütteres graues Haar. An seine Günstlinge verteilt er gelbe Kappen mit der Aufschrift „WIN“. Das steht für die Abkürzung des Firmennamens „Windsor“, aber auch dafür, dass er Siegertypen mag und Loser verachtet. Golden sind seine Büroutensilien, sein stolz zur Schau gestellter Papierkorb und das monumentale Eingangsportal der Konzernzentrale mit eingraviertem Firmennamen. In seiner sexuellen Unersättlichkeit hat er auch etwas vom Finsterling Andrew, vormals Prinz, aus dem Hause Windsor – und ähnelt in seiner Rücksichtslosigkeit dem Planetenunternehmer Elon Musk. Aber anders als dieses Trio bringt dieser Falstaff etwas charmant Verschmitztes mit, das sowohl Verdis Figur als auch dem Wesen seines Darstellers entspricht: Derrick Ballard, mittlerweile in seiner 12. Mainzer Spielzeit, hat zu viel Bühnen- und Rollenerfahrung, um einen bloßen Bösewicht zu markieren.
Natürlich reicht es nicht, eine moderne Falstaff-Figur zu kreieren, sondern man muss diesem Typen auch irgendwie beikommen. Sonst geht es dem Theater wie der Gesellschaft, die einen dubiosen „großen“ Mann hervorgebracht hat und ihn nun anstarrt wie das Kaninchen die Schlange. Was lässt sich gegen die Verrückten auf den Chefsesseln und Herrscherthronen unternehmen? Sloterdijk formuliert es vorsichtig: „Ohne die gewöhnlichen Leute wird nichts zu machen sein. Sie sind, wie sie zur Freiheit verdammt sind, auch dazu verurteilt, auf ihre Weise etwas Größe zu zeigen.“ In Verdis Oper, wie auch der Vorlage, Shakespeares „Die lustigen Weiber von Windsor“, fällt diese Aufgabe den Frauen zu, mit denen der Unersättliche anbandeln will. Auf der Bühne des Mainzer Großen Hauses sind dies sowohl Alice Ford als auch Meg Page, die gleichlautende Nachrichten des Konzernchefs auf dem Mobiltelefon vorfinden und ihn dann mit Hilfe ihrer Freundin Mrs. Quickly in die Falle locken. Nadja Stefanoff (Alice), Verena Tönjes (Meg) und Abongile Fumba (Quickly) sind ein überzeugendes Trio: reif und erfahren genug, um vorm Chef nicht einzuknicken, aber noch jung und energisch genug, um die Intrige durchzuziehen.
Unerwartete Schwierigkeiten entstehen durch die Parallelaktion von Alices Ehemann, den die Diener bzw. Assistenten Falstaffs (Collin André Schöning und Stephan Bootz) von den Absichten ihres Herrn in Kenntnis gesetzt haben. Auch Ford möchte Falstaff beim Stelldichein ertappen und erscheint bei ihm als Signor Fontana in Mafia-Aufmachung mit Baseballkappe, Sonnenbrille und Geldkoffer. Brett Carter und Derrick Ballard liefern in dieser Szene ein Kabinettstückchen über Männerkumpanei – vom reservierten Herantasten bis zu heuchlerischer Verbrüderung. Auf Seiten Fords folgt ein gewaltiger Ausbruch von Zorn und Eifersucht, weil Falstaff ihm vom bevorstehenden Têtê-à-Têtê berichtet hat. Dass Ford dieses Treffen mit einem ganzen Tross von Mitarbeitern belauert, verschärft die Situation. Tatsächlich landet Falstaff zeitweise in einer Kleiderkiste, kann aber wieder entkommen. Die eigentliche Blamage liegt darin, dass Alice seine Annäherungsversuche mittels einer „Kiss-Cam“ hat filmen lassen und dass diese Bilder gleich live übertragen wurden. Letzteres geschah wohl versehentlich. Alice erschrickt zunächst selbst, freut sich dann aber über die vielen bissigen Betrachter-Kommentare. Der inzwischen ziemlich beliebte und oft überstrapazierte Einsatz einer Live-Kamera auf der Bühne erwächst hier plausibel aus der Handlung.
Auch Ford findet sich düpiert; denn statt seiner Frau mit Falstaff entdeckt er ein anderes Liebespaar: seine Tochter Nannetta (Julietta Aleksanyan) mit ihrem Liebhaber Fenton (Myungin Lee). Dabei wollte er Nannetta ganz patriarchalisch mit dem knochentrockenen Dr. Cajus (Yoonki Baek) verheiraten. Der steht der Firma nahe, während Fenton so gar nicht zur Belegschaft passt und später sogar das gemalte Porträt des Firmenchefs mit Teufelshörnern und der Parole „No kings“ verunstalten wird. Verblüffend ist, wie passgenau die Eskalationsdynamik der Szene dem Impuls der Musik folgt und wie organisch die Aktualisierung wirkt. Das hat allerdings auch einen Preis: Der italienische Originaltext wird in der deutschen Übertitelung stellenweise sehr frei behandelt, damit er zur Handlung passt. So spricht Falstaff nostalgisch von seiner Zeit „als junger Assistent“ statt „als junger Page“. Aber dergleichen stört nicht besonders, weil Verena Stoiber ihre Inszenierung genau auf den flexiblen Gestus der Musik abstimmt. Den zeichnet GMD Gabriel Venzago mit dem Philharmonischen Staatsorchester Mainz überzeugend nach – mit viel Freude an den Farben und scharfen Kontrasten der Partitur und an ihrem charakterisierenden und karikierendem Potenzial, auch wenn man sich die Synchronisation von Gesang und Orchester in der Premiere noch etwas präziser gewünscht hätte. Der Opernchor und die als Hauspersonal vielfältig eingesetzte Statisterie beleben engagiert den Gesamtablauf.
Die entscheidende zweite Intrige führt Falstaff an die legendäre Eiche von Herne im Park von Windsor. Hier soll er nicht nur endgültig blamiert werden, hier sollen nach dem Willen der Frauen auch Nannette und Fenton offiziell verheiratet werden. Dass Falstaff auf die geheimnisvolle Erzählung vom wilden Jäger anspringt, passt gut ins Bild. Emporkömmlinge in der Rolle des „großen Mannes“ gieren, wie Sloterdijk beobachtet, nach mythologischer Legitimation – sichtbar an Trumps Faszination für das englische Königshaus. Dass der Mainzer Falstaff entschlossen nach dem goldenen Hirschgeweih greift, das ihm Mrs. Quickly als notwendige Verkleidung überbringt, wundert ebensowenig. Es signalisiert ihm nicht nur die lange entbehrte Krönung, sondern auch die Legitimation, seine animalischen Instinkte auszuleben. Dass er den Ort des Stelldicheins – vermutlich einen lange unbenutzten Hörsaal im Keller des Gebäudes – als Triumphator vor dampfendem Hintergrund betritt, überhöht die Szene ins Geheimnisvolle. Dass von der Eiche aber nicht mehr übrig geblieben ist als eine hölzerne Schulbank (statt z. B. einer historischen Skulptur), nimmt der Szene leider wieder an Wirkung. Falstaff wirft sich trotzdem erschreckt zu Boden – nicht vor einem Feenreigen, sondern vor dem Chor aller weiblichen Angestellten, die er einst belästigt hat. Einzeln treten sie nun vor. Die fingierte Gerichtsverhandlung danach beeindruckt ihn nur, bis er die Verkleidung durchschaut hat. Fast gewinnt er wieder die Oberhand, wenn er alle zur berühmten Schlussfuge animiert und alles zum Scherz erklärt. Doch als er frohgemut ins Büro zurückkehrt, sitzt auf seinem Platz wie selbstverständlich die dunkelhäutige Darstellerin der Mrs. Quickly – ein herber Schlag für einen alten weißen Mann, der glaubt, dass ihm die Welt gehört! Da zeigt die Aufführung auch am Ende noch einmal ihren Biss. Das Premierenpublikum antwortet mit Applaus und Jubel für alle Beteiligten.
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