Wie Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ vor 150 Jahren klang? Vielleicht so ähnlich wie Ende Juli in Ravello.
Der Mond schaut zu bei der Götterdämmerung in Ravello. Foto: Michael Ernst
„Götterdämmerung“ am Meer – Historisch aktuell … und der Mond schaut zu
Wieviel Wagner ist zumutbar in diesem Jubiläum „150 Jahre Bayreuther Festspiele“, wieviel Wagner ist erträglich, wenn logischerweise auch das Jubiläum der vor eineinhalb Jahrhunderten erstmals aufgeführten Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“ begangen wird? Anders gefragt: Kann es neben Bayreuth noch andere Orte für die Musik von Richard Wagner geben?
Die gibt es, natürlich. Wagners Musiktheater wird in nahezu aller Welt aufgeführt, wird mal modern, mal eher bieder und oft irgendwo zwischen diesen beiden Polen inszeniert und gespielt. Seh- und Hörgewohnheiten haben sich geändert, die Aufführungspraxis ebenso. Aber wie klang Wagners Musik im Original, gibt es ein Museum, wo man dem auf den Grund gehen kann?
Gibt es natürlich nicht. Auch Aufnahmen aus Wagners Zeiten haben wir keine. Doch es gibt das historische Notenmaterial und aus dem speist sich das 2023 gestartete Projekt „The Wagner Cycles“ der Dresdner Musikfestspiele (hätte man wie in aller Welt üblich auch einfach nur „Ring“ nennen können), in dem das Dresdner Festspielorchester gemeinsam mit Concerto Köln unter der musikalischen Gesamtleitung von Kent Nagano dem Originalklang auf die Spur kommen wollen.
In den vergangenen Jahren konnte diesbezüglich in Konzertsälen und Opernhäusern von Dresden und Prag über Köln und Hamburg bis nach Paris und Luzern schon viel erreicht, sprich: vorgeführt werden. Mit dem Vorabend „Das Rheingold“ gastierte dieses wissenschaftlich begleitete Projekt bereits ein erstes Mal beim Ravello Festival an der amalfitanischen Küste. Dort wurde nun auch die in diesem Jahr herausgekommene „Götterdämmerung“ aufgeführt, freilich nur in verkleinerter Besetzung und lediglich in einer aus Prolog und erstem Akt bestehenden Zwei-Stunden-Fassung.
Als authentische Wagner-Stätte ist Ravello natürlich ein idealer Aufführungsort, denn just hier soll dem ego-mäßig größten Wagnerianer aller Zeiten 1880 die Idee für das Bühnenbild des zweiten Aktes seines „Parsifal“ gekommen sein: „Ich habe Klingsors Zaubergarten gefunden.“ Bei einem Gang durch die bezaubernde Anlage der Villa Rufolo – einem historischen Gebäudekomplex mit prachtvollem Baumbestand, Blumenbeeten und fantastischer Aussicht auf die amalfitanische Küste und das Tyrrhenische Meer – ist dieser Gedanke unbedingt nachvollziehbar. 1953, zum 70. Todestag Wagners, wurde das Ravello Festival ins Leben gerufen, insbesondere Arturo Toscanini hat mit seiner Präsenz wesentlich zum Ruf Ravellos als „Stadt der Musik“ beigetragen.
Eine perfekte Kulisse für die Eingangsszene der konzertanten „Götterdämmerung“: Mit etwas Fantasie erhebt sich vis-à-vis der Walkürenfelsen, das verlöschende Sonnenlicht könnte dem Lodern von Loges Heer entsprechen, von den Nornen fragend kommentiert: „Welch Licht leuchtet dort? – Dämmert der Tag schon auf? – Noch ist’s Nacht.“ Nur hat der Rhein weder die Tiefe noch die Pracht des Mittelmeers, sind die Rheinhänge weit entfernt vom Zauber der Costiera amalfitana und müsste dort wohl auch nicht gegen das becircende Großkonzert der Zikaden angekämpft werden.
Eine perfekte Kulisse für die Eingangsszene der konzertanten „Götterdämmerung“. Foto: Michael Ernst
Kent Nagano sowie die in historischer Aufführungspraxis geschulten Musikerinnen und Musiker focht das nicht an, sie ließen die Streichinstrumente flirren, die Blechbläser um Konsonanzen ringen, Holz und Harfenklang für kammermusikalische Intonation sorgen, auf dass die Pauken das Dunkel der Nacht einläuten konnten. Dies war freilich, sowohl der örtlichen als auch der Witterungslage geschuldet, mit einer enormen Luftfeuchtigkeit verbunden, wie sie selten so nachhaltig hörbar gewesen ist. Insbesondere die Darmsaiten verweigerten sich der Stimmung, manche Passagen klangen schon bald wie weiland das gute alte Grammophon. Wagner historisch? – Unter diesen Bedingungen ein Wagnis.
Dennoch realisierte Nagano, wie er andernorts wiederholt schon bewiesen hat, eine hochdramatische, aus gewagtem Piano aufbrausende Erzählung dieser „Götterdämmerung“, wobei er einmal mehr von faszinierenden, dieses Projekt mit profunder Hingabe unterstützenden Sängerinnen und Sängern unterstützt worden ist. Allen voran (auch wenn diesmal auf ihren Schlussgesang verzichtet werden musste) die schwedische Sopranistin Åsa Jäger als großartige Brünnhilde. Textverständlich, impulsiv und schlichtweg mitreißend, sie hätte gewiss gern auch die „Starken Scheite“ noch gestemmt. Den koreanischen Tenor Young Woo Kim hatte sie diesbezüglich ganz auf ihrer Seite, ihm machte sein Siegfried sichtlich Freude, unüberhörbar die Gestaltungslust in seiner mitunter etwas heftigen Stimme. Patrick Zielkes Hagen ist einmal mehr der Bösewicht par exzellence gewesen, wenig Gesten haben ausgereicht, diesen abgründigen Bass rollengerecht zu charakterisieren. Gutrune und Waltraute waren Ania Vegry und Jasmin Etminan, die mit ihren lyrisch ausgelegten Stimmen auch als dritte und erste Norn überzeugten und gemeinsam mit Marie-Luise Dreßen ein qualitativ stimmiges Trio abgaben. Bariton Johannes Kammler schließlich als Gunther wirkte mit seiner Noblesse in Auftritt und vokaler Ausstrahlung fast ein wenig zu fein für das intrigante Ringen um den Ring.
In Summa also ein bestens aufeinander eingespieltes Ensemble, das – nach Aufführungen in Dresden, Köln und Hamburg (Paris und Luzern werden noch folgen) auch das verwöhnte Publikum in Ravello überzeugten konnte. Ob einige Besucher den Abend vor der Zeit verließen, weil ihnen die Stimmungsschwankungen missfielen oder weil sie mit historischem Wagner nichts anzufangen wussten, sei dahingestellt. Sie verpassten damit nicht nur ein einzigartiges Experiment (das im kommenden Jahr übrigens als Gesamtaufführung dieses „Rings“ in Wien, Hongkong und Shanghai erklingen soll!), sondern auch einen übermusikalischen Fingerzeig, wie er aus den Tiefen des Rheins zu stammen schien. Ein aus süffigem Orangerot ins Goldene wechselnder Mond spiegelte sich zum Finale im Mittelmeer, als wollte er für die Luftfeuchte dieses Abends um Nachsicht bitten.
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