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Jennifer O’Loughlin (Violetta Valéry), Thomas McGowan (Baron Douphol). Foto: © Anna Schnauss

Jennifer O’Loughlin (Violetta Valéry), Thomas McGowan (Baron Douphol). Foto: © Anna Schnauss

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Im stilistischen Vielerlei – Verdis „La Traviata“ an Münchens Staatstheater am Gärtnerplatz

Vorspann / Teaser

Noch ist die Produktion im Musiktheater eine männliche Domäne. Zwar sind Künstlerinnen und weibliche Teams auf dem Vormarsch, doch über viele Dramaturginnen hinaus kann das aufgeschlossene Publikum nur wünschen, dass auf nahezu alle Werke ein anders grundierter Blick geworfen und dann auf der Bühne realisiert wird. Erfreulich also, wenn nach August Everding und Günter Krämer in der Staatsoper nun eine Regisseurin Verdis Klassiker interpretiert.

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„Sie verdienen eine bessere Zukunft“ prangt gleichsam als Leitmotiv über dem projizierten Vorhang mit schwerem Faltenwurf. Dann eröffnet sich dem Blick zum Pianissimo der ersten Takte ein dunkler Raum, in dem Violetta „müde zum Tod“ über einem Stuhl hingestreckt ist, in einem weißen Kleid mit roten Flecken. An der Wand sitzt ein kleines Mädchen im weißen Kleidchen. Dieses Kind steht dann auch in den folgenden Szenerien da – bis hin zu Violettas Sterbe-Aufschrei „O gioia“. Da fühlt sich der Musiktheaterfreund herausgefordert: Ah, phantastischer Realismus! Nur wird diese Stil-Schiene viel zu wenig expressiv geformt: nicht nur eine fulminante TV-„Anstalt“, sondern regelmäßige Magazin-Berichte zeigen, dass Prostitution von jungen Mädchen und Frauen bis jetzt ein durchorganisierter Kapital-trächtiger „Wirtschaftszweig“ ist.

In der folgenden Ball-Szene, für die der selbstgefällige Arrogantling Douphol (überzeugend Thomas McGowan – und auch alle andern Comprimarii) Violetta mit einem neuen Collier dekoriert; Alfredo tritt jedoch mit einem großen Blumenstrauß auf, der als gleichsam netter Fremdkörper herumgereicht wird und am Rand liegen bleibt. Der liegt auch in der ländlichen Idylle am Rand der Picknick-Decke – doch Alfredo tritt mit einem zweiten Strauß auf. Dann liegt der erste Strauß wieder in Floras Ball-Saal – und am Ende auch im halbdunklen Sterbe-Raum. Doch zum handlungsmittragenden Symbol „Kamelie-n-Dame“ wird das nicht … auch nicht die zwei hohen Blumen-Wandbilder im Ball-Saal, die zum ersten Liebesduett aus Dunkelgrau ein wenig in Rot „erblühen“…

Dann ist die ganze Landidylle mit zwei Tannenbäumen und zwei Reh-Attrappen etwas hanebüchen „gebaut“; ein Schweinwerfer fährt als „Sonne“ herab und Alfredo setzt sich eine heutige Sonnenbrille auf. In seinem Rachefuror darf Alfredo dann die Rehe umwerfen. Zuvor ist der Blumenhintergrund durchsichtig geworden, dort stehen Violetta und Douphol neu vereint – und Alfredo reißt den „Schleier der Dekoration?“ herunter. 

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Jennifer O’Loughlin (Violetta Valéry), Matija Meić (Giorgio Germont). Foto: © Anna Schnauss

Jennifer O’Loughlin (Violetta Valéry), Matija Meić (Giorgio Germont). Foto: © Anna Schnauss

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Beim „Maskenball“ bei Flora (attraktiv konturiert Anna Tetraushvili) tragen alle eine graue Augenmaske – aber vor allem auf der Stirn …? Ähnlich „unausgeführt“ wirkt Violettas weißes Kleid vom Anfang auch zur Sterbeszene: Sie singt von den letzten Louisdor – doch am Kleidgürtel und an den Schulterträgern glitzert viel Edelsteinbesatz … Über einige andere Details hinweg war da der Haupteindruck von Isabel Ostermanns Inszenierung gewachsen: im stilistischen Vielerlei verwabert. Und auch Stephan von Wedels Raum-Idee wirkte wenig stücktragend. Dass dann in beiden Ball-Bildern zu üppigen Retro-Kostümen des Kaiserreichs zwei heutige Paparazzi mit Blitzlicht hereinstürmen … ach, Stilvielfalt …

Die Rettung aus Verdis unverändert herzanrührender Dramatik gelang auch nicht ganz. Am Ende wurde kolportiert, dass Chefdirigent Ruben Dubrovsky mit einem seit letzter Woche andauernden Infekt dirigierte – alles klang akzeptabel, doch wohl erst die späteren Aufführungen werden etwas Handschrift zeigen. Dubrovsky hatte akzeptiert, dass Violetta das schmerzzerrissene „E tardi! – Es ist zu spät“ ihrer finalen Briefszene zu Beginn vor dem Einsetzen der Ballmusik wie ein hochdramatisches Motto in den Raum schleudern durfte. Dies und insgesamt viel der Kantilenen sang Jennifer O’Loughlin mit mal Süße und mal Nachdruck, doch eine differenzierte Personenregie hätte ihr viel mehr entlocken können – und ein Kostümzauberer wie Alfred Mayerhofer ihrer fraulichen Kurtisanen-Erscheinung mehr kaschierende Raffinesse verleihen sollen. Matteo Ivan Rašić brachte über die jungmännliche Attitüde auch viel premierenbedingte Tenor-„forza“ mit – mehr „dolcezza lirica“ würde zu ihm passen. Matija Meić besitzt die massive Bühnenerscheinung für den Provinz-Patriarchen Giorgio Germont und die rund-dunkle Bariton-Fülle. Doch dass er fast im Schoß Violettas liegend um ihren Verzicht bittet … oder dass am Ende Alfredo todkrank geschminkt zu Violetta zurückfindet und schon Blut hustet … wieder Vielerlei hineingepackt, ohne … 

Leider kommt dem Werk-liebenden „Traviata“-Freund in den Sinn: an Berlins Komischer Oper hat Nicola Raab mit einem weiblichen Bühnenteam eine ganz zeitgenössische Violetta gleichsam zu Verdis einleitend leiser Trauermusik ein imaginäres Grab Marie Duplessis besuchen lassen – und dann tritt sie vor ihren großen Bildschirm und preist sich im Internet als „erotic stuff“ an – und diese Stil-Schiene wird dann zwar weiter, aber nicht ganz konsequent verfolgt… selbst dahinter bleibt die Ostermann-Inszenierung zurück.

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